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125 Jahre auf zwei Rädern

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Am Sonntag feiert der Radfahrerverein Germania 1895 Lollar Jubiläum. Er hat großen Sport erlebt und zwei Kriege überstanden. Die Aussichten sind allerdings durchwachsen.

Zwar haben die Lollarer das Rad nicht erfunden, doch es rollt hier schon sehr lange in einem offiziellen Rahmen: Vor 125 Jahren gründeten acht Männer den Radfahrerverein Lollar, unter ihnen ein Gastwirt, ein Postmeister und ein Hüttenbeamter. Der Vereinsname Germania war damals, knapp 25 Jahre nach Gründung des Deutschen Reichs, schwer angesagt. Er hat sich bis heute gehalten.

Eineinviertel Jahrhunderte später feiert der Verein und blickt auf eine buchstäblich bewegte Geschichte zurück. "Unser Verein war der erste Radsportverein in Mittelhessen", sagt der Vorsitzende Dr. Bernd Maykemper stolz. Heute sind Zweiräder weltweit verbreitet, damals waren sie eine technische Neuheit.

Vor gut 200 Jahren begann der Siegeszug des Fahrrads mit einem Vorgänger, dem Laufrad. Bald folgten Hochräder, gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich dann "Niederräder" durch, die wir heute schlicht als Fahrräder bezeichnen.

Die Lollarer waren mit der frühen Vereinsgründung auf der Höhe der Zeit. 1898 stellten sie ihre erste Veranstaltung auf die Beine: ein Rennen nach Grünberg und zurück. Als der Vereinssport dann ordentlich Fahrt aufgenommen hatte, kam er plötzlich zum Erliegen: "Während des Ersten Weltkriegs ruhte der Betrieb", sagt Maykemper. Ein paar Jahre später ging es mit neuem Schwung weiter. Der Hallenradsport fasste in Lollar Fuß, nun wurden auch Radball, Kunstrad- und "Reigenfahren" angeboten. Auch Frauen durften in den 1920ern endlich mitradeln.

Während des Zweiten Weltkriegs legte der Radfahrerverein erneut eine Zwangspause ein. "Das 50-jährige Jubiläum im Jahr 1945 ist ausgefallen, da war keinem nach Feiern zumute", sagt Maykemper. Erst vier Jahre später fand der Verein zu neuem Leben, unter anderem mit einer erfolgreichen Radball-Sparte.

Die Blütezeit des Radsports mag in Lollar lange her sein, doch das Radfahren hat dort auch im kulturellen Bereich neue Wege geebnet: Der Radsport war in der Stadt ein Motor der deutsch-französischen Freundschaft. Bis heute legt eine Lollarer Gruppe alle zwei Jahre etwa 1000 Kilometer in die Partnergemeinde Brassac-les-Mines zurück. "Es gibt Tagesetappen bis zu 200 Kilometern. Wir fahren mit Begleitfahrzeug und bei jedem Wetter", berichtet Maykemper über diese Tour de France im Kleinen. Die französischen Radfreunde machen regelmäßige Gegenbesuche in Lollar.

Der heutige Vorsitzende ist seit 25 Jahren im Verein. Zwar ist er niemand, der im Alltag möglichst jeden Meter mit dem Fahrrad zurücklegt. Doch Maykemper ist mit diesem Fortbewegungsmittel aufgewachsen, etwa auf dem Schulweg in Butzbach. "Als wir jung waren, gab es noch keine stadtinternen Buslinien, da wurde selbstverständlich Rad gefahren - bis die Moped-Ära kam. In den 50ern war das Fahrrad noch ein Fortbewegungsmittel für arme Leute", blickt der 70-Jährige zurück. "Auch viele Mütter hatten damals nur Fahrräder", gibt seine Frau Cornelia zu bedenken. Längst nicht jeder verfügte über ein eigenes Auto.

1982 ließ sich Bernd Maykemper als Hausarzt in Lollar nieder, "mit dem Freundeskreis aus Studienzeiten haben wir damals jedes Jahr eine mehrtägige Tour unternommen". Cornelia Maykemper hat in Lollar die Partnerschaftspflege mit Brassac mit vorangetrieben, auch ihr Mann radelte früh mit ins Nachbarland.

Inzwischen hat sich der Verein auf Radtourenfahrten (RTF) spezialisiert. Maykemper zückt ein Heft, in dem bundesweite Termine verzeichnet sind. Im Sommer nehmen fast jedes Wochenende Lollarer Radler an solchen Fahrten teil, insgesamt zählt die Gruppe rund 40 Aktive. Die Radtourenfahrten führen über ausgeschilderte Strecken bis zu 150 Kilometern. Für die teils schon älteren Lollarer Radler steht dabei das gemeinsame Erlebnis im Vordergrund, nicht unbedingt der Erfolg auf dem Papier.

Einst fanden in Lollar auch Straßenrennen statt: Von 1951 bis 1965 wurde jährlich um den "großen Buderus-Preis" geradelt. Da sei sogar Radsport-Legende Rudi Altig mitgefahren, berichtet Maykemper.

Die Zeit der Rennen ist hier vorüber, aber seit 40 Jahren organisiert der Lollarer Verein einmal im Jahr die "Lahn-Lumda-Radtourenfahrt" mit oft rund 300 Teilnehmern. In kleinerem Kreis weilen einige Vereinsmitglieder jeden März auf Mallorca, um dort zu radeln.

Wie sieht die Zukunft des Lollarer Radfahrervereins aus? "Ich hoffe gut", sagt Maykemper lächelnd. Nach 125 Jahren blickt der Vereinsvorsitzende aber mit gemischten Gefühlen nach vorn. Die Germania hat noch knapp 120 Mitglieder, nicht alle sind aktiv - und nur wenige jung.

"Seit zwei Jahren bauen wir wieder eine klassische Kunstradgruppe mit Jugendlichen auf", aber dem Herzstück des Vereins, der RTF-Gruppe, mangelt es an Nachwuchs. Und das, obwohl Radverkehr ein zentraler Baustein ist, um Mobilität den Erfordernissen des Klimaschutzes anzupassen.

"Radfahren ist nachhaltig und ökologisch sinnvoll", wirbt Bernd Maykemper. Doch damit, dass mehr junge Leute in die Pedale treten, ist dem Verein noch nicht geholfen. Es braucht ehrenamtlich Aktive bei der jährlichen Rundfahrt, Organisatoren und vor allem Anpacker.

"Oft fehlt es an der Bereitschaft, Aufgaben zu übernehmen, da klemmt’s", findet der Vorsitzende. Bleibt zu hoffen, dass der Radsport in Lollar trotz Nachwuchssorgen nicht unter die Räder kommt.

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