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60 Jahre im Einsatz für inklusive Gesellschaft

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Teilhabe statt Ausgrenzung: Diesem Motto hat sich die Bundesvereinigung Lebenshilfe seit nunmehr sechs Jahrzehnten verschrieben.

Ihren Anfang nahm diese Entwicklung in Marburg, wo der niederländische Pädagoge Tom Mutters am 23. November 1958 den Selbsthilfeverein für Menschen mit geistiger Behinderung aus der Taufe hob. »60 Jahre Lebenshilfe sind eine großartige Erfolgsgeschichte«, lobte Ulla Schmidt. Die frühere Bundesgesundheitsministerin ist seit sechs Jahren Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und blickte auf der Mitgliederversammlung vor rund 500 Delegierten auf die Verdienste der Lebenshilfe zurück. Diese stehe für »Offenheit, Vielfalt, ein partnerschaftliches Miteinander, Respekt und Achtung«, zitierte Schmidt Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich eines Jubiläums-Festaktes Ende September in Berlin.

Gründer Tom Mutters gewürdigt

Gründer Tom Mutters sei es zu verdanken, Menschen mit geistiger Behinderung nach dem Krieg und dem Schrecken der »Euthanasie«-Morde durch das Nazi-Regime aus der Isolation geholt zu haben. »Er ermutigte Eltern, sich zu ihren Kindern zu bekennen und legte den Grundstein für alle Hilfen, die wir heute als selbstverständlich empfinden«, sagte Schmidt. Ein Meilenstein sei die erkämpfte Schulpflicht für geistig behinderte Kinder gewesen, denn diese galten bis dahin als »bildungsunfähig«.

Neben örtlichen Lebenshilfe-Vereinen bildeten sich in Westdeutschland Kindergärten, Schulen, Wohngruppen, Werkstätten und vieles mehr. Als 1989 die Mauer fiel, krempelte Tom Mutters – mittlerweile 72-jährig – erneut die Ärmel hoch und es wurden innerhalb nur eines Jahres 120 neue Lebenshilfen in Ostdeutschland gegründet. Heute hat die Organisation mehr als 500 Ortsvereine mit 125.000 Mitgliedern.

Aktuell setze sich die Lebenshilfe für die Abschaffung des Wahlrechtsausschlusses für Menschen unter Vollbetreuung ein, so die Bundesvorsitzende. Außerdem unterstütze die Lebenshilfe die Forderung nach einer Grundsatzdebatte im Deutschen Bundestag über die gesellschaftlichen und ethischen Folgen vorgeburtlicher Bluttests. Falls diese zur Regeluntersuchung in der Schwangerschaft würden, könnten Ärzte flächendeckend nach dem Down-Syndrom und anderen Chromosomen-Veränderungen fahnden.

Medienpreis für Eckart von Hirschhausen

Ein Höhepunkt der Veranstaltung war die Verleihung des Lebenshilfe-Medienpreises »Bobby« an den Mediziner und Moderator Eckart von Hirschhausen. »Sie werben unermüdlich für eine Gesellschaft der Vielfalt, in der kranke, alte und behinderte Menschen nicht an den Rand gedrängt werden dürfen«, würdigte Schmidt den Gründer der Stiftung »Humor hilft heilen«. Hirschhausen habe viele Talente und eins davon sei sein besonderer Humor. »Sie schaffen es, die Zuschauer zum Lachen zu bringen und gleichzeitig darüber aufzuklären, was falsch läuft in der Gesellschaft und was sich ändern muss«, so Schmidt weiter in ihrer Laudatio. In seinen TV-Sendungen mache der Moderator immer wieder Menschen mit Behinderung und deren Lebenssituation zum Thema.

Hirschhausen lobte das in 60 Jahren Erreichte durch die Lebenshilfe: »Wir reden nicht mehr vom Sorgenkind, sondern vom Mensch.« Der Preisträger ermutigte dazu, unvoreingenommen auf Menschen mit Behinderung zuzugehen und sich mehr mit ihrer Lebenswelt zu beschäftigen, um missverständlichen Umgang miteinander zu vermeiden. (hä)

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