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Die Jagd brauche Ruhe, sagt Dieter Mackenrodt. In Zeiten der Pandemie aber “laufen mehr Menschen durch den Wald als im Gießener Seltersweg„.

100 Jahre „Hubertus“

„Jagen ist eines der letzten Abenteuer“: Vorsitzender des Vereins Hubertus über Mord-Vorwürfe, Druck durch Waldbesitzer und Probleme in Corona-Zeiten

  • vonStefan Schaal
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Bei Fuchsbejagungen stoßen Mitglieder des Vereins Hubertus Gießen auf radikale Gegner. Gleichzeitig wächst Hubertus rapide, mit 1300 Angehörigen ist er inzwischen der größte Jagdverein des Landes. Im hundertsten Jubiläumsjahr berichtet der Vorsitzende Dieter Mackenrodt aus Biebertal von einem zunehmenden Druck durch Waldbesitzer und von einer völlig neuen Situation in der Pandemie.

Herr Mackenrodt, Sie sind Jäger und erlegen Tiere. Sind Sie damit ein Mörder, wie es Ihnen Tierschützer vorwerfen?

Natürlich nehmen wir Tieren das Leben. Aber das geschieht auch im Schlachthof. Nein, Mörder ist ein schlimmes Wort. Es ist auch strafbar, jemanden als Mörder zu bezeichnen.

Vor zwei Jahren hat eine Fuchsbejagung Ihres Vereins im Wald zwischen Garbenteich und Lich heftige Proteste von Tierschützern ausgelöst. Dabei fiel der Satz, Sie seien ein Mörder. Wie reagieren Sie auf solche Vorwürfe?

Solche Vorwürfe sind nicht schön. Aber es gilt die freie Meinungsäußerung. Und ich will auf solche Vorwürfe nicht mit ähnlichen Beschimpfungen reagieren.

Gab es damals rechtliche Konsequenzen?

Nicht von unserer Seite aus. Aber Tierschutzorganisationen haben uns verklagt, weil wir zur Fuchsbejagung im großen Stil aufgerufen hätten. Die Richterin hat das Verfahren am Gießener Amtsgericht aber eingestellt. Wenn man ehrenamtlich in einem Jagdverein aktiv ist, sind solche Anzeigen belastend. Wir haben im Jahr darauf keine derartige Fuchsbejagung veranstaltet. Da steht der Wald sonst wieder voller Protestanten, und man wägt ab: Tut man sich das an oder nicht? Wir haben die Jagd dann im Kleinen in einzelnen Revieren durchgeführt.

Bei solchen Aufeinandertreffen mit Tierschützern wird deutlich, dass die Jagd polarisiert.

Natürlich gibt es auch Veganer. Aber ich gehe doch auch nicht auf die Straße und protestiere, weil die vegan sind. Wir Jäger kümmern uns um die Erhaltung von Biotopen, wir schützen den Wald, wir tragen zum Artenreichtum bei und pflegen die Reviere, verhindern Wildunfälle. Es gibt daher auch viele Fürsprecher für die Jagd.

Aber können Sie die Argumente von Gegnern verstehen?

Sicher. Wenn man deren Erziehung, Bildung und Elternhaus gehabt hätte. Ich bin aber in einer normalen Familie aufgewachsen, mit der ich in der Rhön gewandert bin, als Kind geangelt habe und immer einen Hund hatte. Ich bin mit Tieren aufgewachsen. Es war das Natürlichste in der Welt, Fleisch zu essen und wertzuschätzen, was die Natur an Fischen und Wild uns bringt.

Geht es wirklich nur um das Elternhaus? Als nach der Fuchsbejagung vor zwei Jahren 23 erlegte Kadaver aufgereiht lagen, war das nicht nur für Tierschützer ein unangenehmer Anblick.

Das verstehe ich. Aber was wäre die Alternative? Sollen wir die Tiere in die Mülltonne werfen? Es geht um die Ehre des erlegten Tieres. Aus ihnen werden Felle gewonnen, Bälge, Mützen und Decken gemacht. Ich finde es immer noch besser, wenn man den Tieren die Ehre erweist. Wir schießen ja Wild nicht einfach, um es totzuschießen.

Sondern?

Weil wir sie verwerten. Aber auch, weil wir uns um Füchse und Waschbären kümmern, die Fressfeinde von Hasen, Kaninchen, Rebhühnern und Fasanen. Wir haben wesentlich mehr Füchse und Waschbären in unseren Fluren. Wir schießen auch nur dort, wo ausreichend Bestände vorhanden sind. Gerade beim Rehwild hätten wir jedes Jahr mehr als eine Verdopplung des Bestands, wenn wir ihn nicht abschöpfen würden.

Sie regulieren also das Artenreichtum in den Wäldern. Regelt das die Natur nicht selbst?

Das ist schon lange vorbei. Als noch der Wolf, der Bär und der Luchs alles reguliert haben. Mittlerweile regelt das die Straße. Oder die Jagd. Es gibt ja kaum noch Rebhühner und Wachteln, die Zahl der Feldhamster geht zurück, den Fasan sieht man im Kreisgebiet kaum noch, während der Fuchs den ganzen Tag auf der Pirsch ist.

Das heißt, Sie jagen aus purer Tierliebe?

Nein, das nicht. Natürlich bin ich ein Tierfreund. Seit 25 Jahren habe ich ein Reitpferd, einen alten Friesenwallach. Ich habe schon immer einen Jagdhund geführt, der gehört zur Familie. Aber ich jage, weil es mir Freude bereitet, in die Natur zu gehen, Wild zu sehen - und ja, auch Tiere zu erlegen und das Fleisch und das Fell zu verwerten. Aber ich jage nicht einfach wegen der Schießerei. Das macht zwei Prozent der Jagd aus. Von Waldbesitzern erfahren wir als Jäger allerdings zunehmend Druck.

Wie meinen Sie das?

Waldbesitzer beklagen sich, dass wir Jäger zu wenig Rehe schießen, weil die Tiere den jungen Wald anknabbern. Wir kommen kaum noch nach. Rehwildjagd ist harte Arbeit geworden.

Auch hier im Kreisgebiet?

Überall. Der Waldumbau muss stattfinden. Ich verstehe zum Beispiel die fürstlichen und gräflichen Forstbesitzer in Lich, Laubach und Braunfels. Sie pflanzen neuen Wald mit klimastabileren Bäumen an und nehmen dafür viel Geld in die Hand. Auf den Flächen müssen dann intensiv Rehe geschossen werden, weil diese dort junge Bäume finden.

Welche Rolle nimmt dabei der Verein Hubertus ein?

Ich muss oft vermitteln. Wir lassen andere Flächen dann bewusst in Ruhe. Jäger zahlen ja für die Jagdpacht und wollen nicht alles gleich totschießen. Aber es ist ein wahnsinnger Druck auf die Jägerschaft entstanden.

Wie äußert sich das?

Rehe haben kaum noch eine Chance auf Ruhe. Sie werden zehn Monate im Jahr gejagt. Der Rehbock wird inzwischen auch im Winter geschossen, das gab es früher nicht. Forstbesitzer fordern, Rehbestände zu senken, damit auf den Flächen der Wald hochkommen kann. Das ist politisch gewollt. Im Biebertaler Revierbogen in Königsberg müssen die zuständigen Jäger mehr als 40 Rehe im Jahr schießen, vor 20 Jahren war das noch die Hälfte.

Hubertus ist mittlerweile hessenweit der größte Jagdverein, in den vergangenen zehn Jahren haben Sie die Mitgliederzahl von 600 auf 1300 mehr als verdoppelt. Wie haben Sie das geschafft?

Das hat viele Gründe. Zahlreiche Besitzer eines Jagdscheins, die vorher nicht in einem Verein organisiert waren, sind uns beigetreten. Aber wir gewinnen jedes Jahr auch 50 neue Mitlieder in den Seminaren für unsere Jungjägerausbildung hinzu, und weitere durch Kochkurse, rechtliche Seminare und die Jagdhundausbildung. In unserem Vereinsheim trifft man sich außerhalb von Corona-Zeiten zu Stammtischen und zum Kaffee. Ein weiterer Grund, dass wir als Verein so attraktiv sind, ist, dass die Jagd so vielfältig ist. Das Hinausgehen in die Natur mit dem Jagdhund spricht viele Menschen an, 25 Prozent unserer Mitglieder sind Frauen. Wir produzieren hochwertige Lebensmittel, bei uns weiß man, wo die Wildbratwurst herkommt. Und für viele Männer ist die Jagd eines der letzten Abenteuer, die wir noch haben. Bei manchen spielt vielleicht auch das Gewehr eine Rolle bei der Faszination für die Jagd.

Zieht Ihr Verein auch Waffennarren an?

Die Gefahr ist vorhanden, da muss man aufpassen. Vor mehreren Jahren mag es auch so gewesen sein, dass man über die Jagd legal und relativ einfach an Waffen gekommen ist. Aber heute werden jeder Bewerber für einen Jagdschein, jeder Jungjäger und alle, die sich für einen Vorbereitungslehrgang anmelden, zusätzlich durch den Verfassungsschutz überprüft.

Gibt es auch Fälle, in denen Bewerbern der Jagdschein verweigert wird?

Ja, laut Waffenbehörde gibt es im Kreisgebiet ein bis zwei Fälle im Jahr. Die Kontrollen sind überhaupt für alle Jäger strenger geworden. Der Jagdschein wird ja maximal auf drei Jahre augestellt. Wenn jemand auffälig wird, sei es durch Steuerdelikte oder Alkohol im Straßenverkehr, verliert er seine Berechtigung zum Waffenbesitz und hat damit keine Möglichkeit mehr, zur Jagd zu gehen. Er verliert dann auch das Revier.

Wie sind Sie selbst zum Jagen gekommen?

Über das Fischen in der Fulda und in der Rhön. Ich bin im Fuldaer Land aufgewachsen. Mein Onkel Heinrich hat mich damals dann mit zur Jagd genommen. Ich war selbst einmal zum Lachsfischen in Norwegen. Und wenn die Fischsaison im August und September geendet hat, bin ich zum Jagen mitgenommen worden. 1995 hat mich mein Onkel aufgefordert, den Jagdschein zu machen. Ich habe damals in Biebertal-Königsberg mein erstes Revier gefunden, bin später dort hingezogen und lebe dort auf dem Hofgut Bubenrod noch heute.

Hat sich das Jagen in Corona-Zeiten eigentlich verändert?

Alles tummelt sich momentan im Wald. Jogger und Spaziergänger, Reiter, Mountainbiker und Geocacher. So viele Menschen haben wir noch nie im Wald gehabt. Derzeit laufen mehr Menschen durch den Wald als im Gießener Seltersweg.

Welche Folgen hat das für Sie?

Die Jagd braucht Ruhe. Wild wird dadurch aufgescheucht. Wildunfälle auf den Straßen nehmen momentan deutlich zu. Klar ist allerdings auch: Wir als Jäger müssen uns damit arrangieren. Der Wald ist für alle da.

Dieter Mackenrodt

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