Inventur unter Bäumen

  • Thomas Brückner
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Alle zehn Jahre fühlt die Bundesregierung dem deutschen Wald auf den Zahn. Dann erheben Messtrupps ein Vielzahl statistischer Daten, darunter Holzvorrat und -zuwachs, Baumartenvielfalt, Altersaufbau, Totholz und Naturnähe. Nicht zuletzt gibt die »Bundeswaldinventur« Auskunft darüber, wie es um den Wald als unverzichtbare Kohlenstoffsenke bestellt ist.

Zu Besuch bei einem Messtrupp.

Männer mit merkwürdigen »Accessoires« durchstreifen seit Wochenbeginn den Krumbacher Wald: Bei dem einen lugt ein schwarzer Stab mit gelbem Pilzkopf aus dem Rucksack, während der andere einen Metallstab über die belaubte Krume kreisen lässt. Eine Antenne für das GPS-Signal das eine, ein Metalldetektor das andere, auch wenn nichts an die von Schatzsuchern bekannten Modelle erinnert.

Das Interesse der Männer gilt zunächst einem von bundesweit 60 000 Stichprobenpunkten, an denen die Daten für die Bundeswaldinventur (BWI) erhoben werden.

Klaus Huth, Inhaber eines mit der Datenerfassung beauftragten Unternehmens, und sein Mitarbeiter Jörg Hilpmann werden dank des Detektors fündig. Die in den Boden versenkte Edelstahlsonde, die den Stichprobenpunkt markiert, wurde nicht von einem Wildschwein exhumiert.

»13,2 Zentimeter«, diktiert Hilpmann kurz darauf seinem Chef den BHD-Wert eines Probebaums in den Laptop. BHD steht übrigens für Brusthöhendurchmesser. Und der hat sich gegenüber der letzten Inventur kaum verändert. Heißt: Kaum Zuwachs, auch dieser jungen Buche geht es offenbar nicht gut.

Als Kontroll- und Monitoring-Instrument liefert die BWI der Politik und Wirtschaft wichtige Antworten auf Fragen wie: Welcher Wald ist zukunftsfähig? Oder: Wie viel Holz kann im Sinne einer nachhaltigen Forstwirtschaft genutzt werden?

Die Daten sind überdies Bestandteil internationaler Berichtspflichten, die sich etwa aus der Unterzeichnung der EU-Klimarahmenkonvention ergeben.

Dass der Klimawandel immense Schäden im Wald anrichtet, ist eine Binse. Auch in unserer Region fristet die Fichte infolge von Stürmen, Trockenheit und Käferbefall nurmehr ein Randdasein.

Einzig in Osthessen finde die Art noch gedeihliche Bedingungen, was aber ob des Klimawandels nurmehr eine Frage der Zeit sei, sagt Thomas Ullrich. »Wenn man noch frischen Fichtenduft genießen will, sollte man das jetzt machen«, fügt der Mitarbeiter von Hessen Forst hinzu.

Ullrich ist einer von zwei Inventurleitern in Hessen. Wie er beim Waldspaziergang in Krumbach ergänzt, leide auch die Buche als weitere Hauptbaumart der Region. Exemplare von über 50 Meter - wie sie an der klimatisch begünstigten Westflanke des Vogelsbergs vorkommen - werde es wohl nicht mehr lange geben.

Mit der Datenerfassung an 60 000 Stichprobenpunkten entsteht ein detailreiches Gesamtbild vom Zustand des deutschen Waldes. Eine Mammutaufgabe, bedenkt man seine Ausdehnung auf 11,4 Millionen Hektar. Nur gut, dass nicht jede Baumreihe und jeder Stadtpark zu erfassen ist. Auch nicht jede Feldholzinsel? »Schon, ab 1000 Quadratmeter allerdings doch«, stellt Forstökologe Ullrich klar.

Insgesamt haben die Messtrupps an jedem der Stichprobenpunkte (siehe Kasten) etwa 150 Parameter abzuarbeiten. Erwähnt seien an dieser Stelle nur Art, Durchmesser und Höhe der im Zehnjahresrhythmus erfassten »Probebäume«, dazu eventuelle Schäden und Biotoptyp. Neuerdings wird auch genetisches Material entnommen. In die Datenbank fließen des Weiteren Angaben ein zu Jungwuchs, Totholz, Lebensraumtyp sowie zu Störungen des Standortes, etwa durch invasive Arten.

Eines der wichtigsten Ziele der Inventur ist es, herauszufinden, wieviel die Bäume seit der letzten Aufnahme gewachsen sind. Kenndaten zum Holzzuwachs also, die in den 1980ern für die Kapazitätsplanung der Sägewerke wichtig und überhaupt Anlass der ersten Bundeswaldinventur 1987 waren. Ihre Bedeutung hat sich gewandelt, lässt sich doch aus dem Holzvorrat errechnen, wieviel Kohlendioxid der Wald speichert. Womit die Bundesrepublik ihrer Verpflichtung gegenüber der EU nachkommen kann, den Forst in die CO2-Bilanz einzubeziehen.

Wieviel Klimagas im Holz gebunden wird? »Ein Kubikmeter entspricht einer Tonne CO2«, erklärt Ullrich. Klar, dass die Bestandsaufnahme auch die Veränderung des Waldes, was Ausmaß, Alter und Arten angeht, liefert.

Nicht zuletzt, so der Mitarbeiter der Landesbetriebsleitung, sei der Bestandsaufnahme zu entnehmen, welche nachhaltig nutzbaren Holzmengen speziell der hessische Forst vorhalte. Insbesondere Informationen über die Auswirkungen der Dürreperioden und der vom Borkenkäfer verursachten Schäden seien für die zukünftige Bewirtschaftung relevant.

Sämtliche Daten aus ganz Deutschland gehen zur Auswertung ans bundeseigene Thünen-Institut. Ergebnisse werden erst 2024 erwartet. Dann werden Ullrich und Kollegen anhand der 150 Parameter auch ganz genau wissen, wie sich Hessens Wald in den letzten zehn Jahren entwickelt hat. Dass auch die (politischen) Entscheidungsträger im Gießener Land Interesse zeigen werden, wie es den Buchen und Eichen vor ihrer Haustür geht, steht zu hoffen.

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