50 Jahre Internet

Anfänge des Internets im Kreis Gießen: "Das war wie sauer Bier verkaufen"

Das Jahr 1969 gilt als Geburtsstunde des Internets. Bis im Kreis Gießen ankam, dauerte es allerdings noch Jahrzehnte. Die Anfangszeit war mit erheblicher Ablehnung verbunden, erzählt Thomas Letschert.

Im Herbst vor 50 Jahren verschickten Wissenschaftler in den USA die erste aller Nachrichten im Netz - die Geburtsstunde des Internets. Im Kreis Gießen waren es die Hochschulen, die als Erstes online gingen. Thomas Letschert warb 1994 als Professor an der FH für den Anschluss. "Es war wie sauer Bier verkaufen", sagt er.

Herr Letschert, erinnern Sie sich, als Sie zum ersten Mal im Internet waren?

Dr. Thomas Letschert: Das müsste in der Weihnachtszeit 1993 oder Anfang 1994 gewesen sein. Wir haben damals an der Fachhochschule in Gießen einen Rechner aufgestellt, waren über eine Standleitung mit dem Hochschulrechenzentrum der Uni verbunden. Die FH hat ja zu den ersten 100 Einrichtungen weltweit gehört, die einen eigenen Webserver betrieben haben. Wir haben uns damals ein bisschen wie in Kalifornien, im Silicon Valley gefühlt.

Was haben Sie sich damals privat im Internet angeschaut?

Letschert:Man hat geguckt, was die anderen Unis so machen. Ich habe US-amerikanische Zeitungen aufgerufen. Meinen Eltern habe ich die Homepage des Vatikans gezeigt.

Was war denn da zu sehen?

Letschert:Nicht viel (lacht). Ein päpstliches Symbol und ein paar wenige Informationen. Wie zum Beispiel der Papst heißt. Aber es war immerhin ein bisschen bunt.

Sie waren damals Professor für Rechnernetze und haben an der FH dafür geworben, dass die Hochschule eine Internetverbindung einrichtet. Wie waren die Reaktionen?

Letschert:Das war wie sauer Bier verkaufen. Der damalige Präsident der FH, Dr. Burkhard Kampschulte, hat bei den einzelnen Fachbereichen gefragt: Wollen wir das? Die vorherrschende Meinung war: Nein.

Warum?

Letschert:"Das braucht man nicht. Das bringt nichts." Das waren die vorherrschenden Reaktionen. Aber der Präsident hat gesagt: Wir machen’s trotzdem. Er hat das Projekt massiv unterstützt.

Hat man damals die Chancen nicht gesehen?

Letschert:Man hat diese Art der Vernetzung einfach nicht im Blick gehabt. Während meines Informatikstudiums habe ich einmal einen Roman gelesen, in dem ein Computervirus die Welt zerstört hat. Das war im Nachhinein vielleicht bewusstseinsbildend. Aber damals war das reine Science Fiction.

Auch für Ihre Studenten?

Letschert:Junge Leute waren total dagegen. Wenn ich den Studenten vom Internet erzählt habe, sind sinnbildlich faule Eier und Tomaten geflogen. Man wollte das nicht hören. Das Internet wurde nicht für relevant gehalten. Lieber wollten die Studenten geheime Kommandos für das Betriebssystem DOS hören. Ich musste für das Internet wirklich predigen.

Waren Sie nicht auch selbst bisweilen skeptisch?

Letschert:Sicher. Man hat auch gedacht, dass das Ganze nach der alten bürokratischen Deutschen Post und der Telekom riecht. Es gab damals ein Logo mit einem Posthörnchen und einem Totenkopf, das hat man überall hingeklebt.

Was hat letztlich für den Durchbruch gesorgt, die Vorteile des Internets zu erkennen?

Letschert:Als klar war, welche Technologie sich durchsetzt. Und als es nicht mehr so wahnsinnig teuer war. Flatrates kamen, man musste nicht mehr 20, 30 Mark für ein paar Minuten zahlen. Eine Leitung mit einer Geschwindigkeit von 1,2 Megabit pro Sekunde hat Mitte der 90er Jahre die Hochschule 310 000 Mark gekostet. Das konnten wir uns anfangs nicht leisten, deshalb hat die Hochschule erst mal die Geschwindigkeit von 9,6 Kilobit pro Sekunde für 15 790 Mark im Jahr gewählt. Und das Internet war eben nicht nur cool. Es hat einen großen Nutzen. Die Kommunikation über E-Mail war wesentlich effektiver als über Briefe. Ein riesiger Vorteil.

Im Kreis Gießen waren es die Hochschulen, die als Erstes ans Internet angeschlossen waren, richtig?

Letschert:Ja, das stimmt. Vernetzung gab es zuerst nur auf lokaler Ebene, also in Intranets. Die Welt sah so aus: Es gab Firmen in der Region mit einem paketvermittelten Netzanschluss - typischerweise Automobilzulieferer, die über eine wahnsinnig teure Datenleitung mit ihrem Automobilkonzern verbunden waren, um zum Beispiel Bestellungen einzusehen. Pro Jahr hat das die Unternehmen 100 000 bis 200 000 Mark gekostet. Dann hat der Deutsche Forschungsverein das Wissenschaftsnetz ins Leben gerufen und gesagt: Wir ermöglichen den Hochschulen, sich dort anzuschließen - massiv gefördert durch Gelder des Bundes. Die Uni Gießen hat sich angeschlossen, und wir als FH haben uns dann auch eingeklinkt.

Was hat sich aus Ihrer Sicht als emeritierter Informatikprofessor durch das Internet verändert?

Letschert:Das Gehirn musste vor 25 Jahren noch auf andere Weise funktionieren. Man musste viel mehr Dinge wissen. Wenn man früher Software-Entwickler war, musste man unheimlich viel wissen. Viele hatten einen exzellenten Abschluss in Mathematik. Will man heute etwas wissen, auch auf beruflicher Ebene, gibt man einen Begriff bei Google ein. In der Informatikbranche sind die Menschen heute garantiert nicht intelligenter, aber durch das Internet viel produktiver. In vielen Branchen wird es ähnlich sein.

Wie sehen Sie die heutige Entwicklung des Internets?

Letschert:Erstaunlich. Die damalige Befürchtung, dass es sich um Frickeltechnologie handelt, hat sich bestätigt. Das Einfache in der Technologie war ein maßgeblicher Grund für den Erfolg. Der Sicherheitsaspekt aber wird sich deutlich verstärken müssen. Ein Grund: Wir werden bald selbstfahrende Autos haben, die mit der Internet-Technologie funktionieren.

Sind Sie, was die weitere Entwicklung des Internets angeht, pessimistisch?

Letschert:Nein, das Internet betrachte ich wie die Wasserversorgung. Man braucht sie. Aber man muss aufpassen, dass sie nicht mit Kolibakterien verseucht wird. Genauso sehe ich das mit den Netzen.

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