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Die »Bau-Gruppe« errichtet mit Jugendpfleger Sven Iffland (links) ein großes Schachbrett auf dem Aktivpark-Gelände.

Internationale Begegnung

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Rund 40 Jugendliche aus Staufenberg, Österreich, Tschechien und Ungarn nehmen zurzeit am Internationalen Jugendaustausch in Staufenberg teil. Das Programm gestalten sie vor allem selbst - und haben sich viel vorgenommen.

Die dutzenden Schlafsäcke in der Staufenberger Stadthalle sind am Donnerstagnachmittag verwaist, während Jugendliche aus vier Staaten im Nachbarraum in Kleingruppen sitzen, plaudern, sich weiter kennenlernen. Noch ist es auch ein Abtasten, doch binnen knapp zwei Wochen werden hier wohl etliche Freundschaften entstehen.

Rund 40 junge Menschen zwischen 13 und 20 Jahren nehmen in diesem Jahr am Internationalen Jugendaustausch in Staufenberg unter dem Motto »Europa im Herzen - die Zukunft im Blick« teil, der über das EU-Programm »Erasmus Plus« gefördert wird. Sie kommen aus Staufenberg, Tarjan (Ungarn) und Mönichkirchen (Österreich), außerdem ist ein Mädchen aus Tschechien dabei, das mit den Österreichern angereist ist. Die Rückreise ist für Samstag kommender Woche geplant. Schon seit mehreren Jahren findet diese Form der Jugendbegegnung statt, 2020 sorgte Corona für eine Pause.

Verschiedene Gruppen sind hier für bestimmte Aufgaben zuständig, etwa für die Verpflegung. Die »Orga-Gruppe« sitzt gerade bei guter Stimmung zusammen und entwirft Motive, die dann auf Stromkästen gesprüht werden sollen. »In zehn Minuten soll es fertig sein«, sagt Max Lechner aus Daubringen, der als Betreuer teilnimmt. Doch hier schaut niemand mahnend auf die Uhr, von Stress ist nichts zu spüren.

Die Jugendlichen sind gerade vom Bowling zurückgekommen: Sie haben sich dazu mit jungen Leuten aus den ungarischen Gemeinden Zsámbék und Tök sowie aus Grigny (Frankreich) und Wettenberg getroffen, die an einem Jugendcamp am Wißmarer See teilnehmen.

Sophie Braschinger, 16 Jahre alt, kommt aus Österreich - und ist nun erstmals in Deutschland. Wie ist ihr erster Eindruck von Staufenberg? »Sehr regnerisch, sehr kalt«, aber die Menschen seien nett. Gern würde sie auch im kommenden Jahr wieder Teil der internationalen Gruppe sein, dann soll es nach Tschechien gehen. »Hier geht es viel um Eigenverantwortung - und ich mag es, mal was anderes zu sehen«, sagt sie. Gerade nach den Corona-Beschränkungen scheinen viele sehnlich darauf gewartet zu haben, wieder reisen zu können, neue Menschen kennenzulernen.

Es geht um internationalen Austausch und neue Kontakte, aber auch um Gesellschaft und die Perspektiven der Jugendlichen darauf. Eine Gruppe beschäftigt sich unter dem Titel »Gender Mainstreaming« mit Geschlechtergerechtigkeit und Rollenbildern.

»Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, wie Kleidung zur Teilung der Gesellschaft beiträgt«, sagt Katharina Hess, die als Betreuerin die Gruppe begleitet, auch Geschlechtsidentitäten jenseits der Zweiteilung in Frau und Mann seien Thema gewesen. All diese Fragen seien von Bedeutung, »es ist wichtig, das in den Vordergrund zu rücken«, findet Hess.

Ein paar Kilometer entfernt werkelt Jugendpfleger Sven Iffland im Aktivpark am Rande von Mainzlar gerade mit der »Bau-Gruppe« an einem »XXL-Schachbrett«. Auch größere Zelte sind schon aufgestellt, eigentlich sollte hier das Basiscamp sein. Doch das regnerische Wetter machte einen Strich durch die Rechnung, nun sind die Schlafsäcke in der Stadthalle ausgebreitet.

Nach der Ankunft habe das Wetter die Stimmung merklich gedämpft, blickt Iffland auf den Beginn der Woche zurück. »Die Jugendlichen aus Ungarn waren bei 40 Grad abgefahren und kamen hier bei 11 Grad an, manche waren schockiert, wollten am liebsten wieder heim. Aber wir haben es gut hinbekommen, am zweiten Tag die Stimmung zu heben.« Dabei sei auf Teambuilding-Spiele Verlass.

Insgesamt bedeute der Jugendaustausch weit mehr als eine lockere Zeit unter Gleichaltrigen, unterstreicht der Jugendpfleger: »Es geht uns darum, dass die Jugendlichen sich reflektieren: Was vertreten sie? Welche Normen haben sie? Und wo liegen ihre Schlüsselqualifikationen?«

Ein Großteil der Jugendlichen sei gegen Corona geimpft, obwohl dies zumindest in Deutschland erst seit kurzem offiziell empfohlen wird. Iffland sieht darin auch ein Zeichen, »dass es bei den Jugendlichen einen Drang gibt, am öffentlichen Leben teilzunehmen.«

Viele Ideen für konkrete Projekte während des Austauschs hätten die Jugendlichen selbst eingebracht, so auch das Anlegen eines großen Schachfelds am Aktivpark. Das habe ihn selbst überrascht, so der Jugendpfleger - zumal er nicht erwartet habe, dass sich das königliche Spiel heute bei jungen Menschen noch großer Beliebtheit erfreue.

»Es ist schon eine Art Experiment«, sagt er mit Blick auf das diesmal weitgehend von den Teilnehmern organisierte und von der »Orga-Gruppe« koordinierte Programm. Die Evaluation vorheriger Austausche habe ergeben, dass die jungen Menschen sich mehr aktives Handeln, ein höheres Maß an Flexibilität und mehr Austausch in kleineren Gruppen anstatt fest geplanter Programmpunkte wünschten.

»Anfang der Woche wurde ich oft gefragt: ›Sven, wie geht’s weiter?‹ Das zeigt, dass die Jugendlichen es oftmals gewohnt sind, angeleitet zu werden.« Doch über die Tage bewähre sich das eigenverantwortliche Organisieren mehr und mehr. »Hier ist nichts Pflicht. In der außerschulischen Jugendarbeit ist Freiwilligkeit das höchste Gut«, betont Iffland.

Besonders freut er sich darüber, dass für die Betreuung etliche junge Erwachsene aus Staufenberg gewonnen werden konnten. Ihnen gelinge es außerordentlich gut, sich in die Jugendlichen einzufühlen. Erfreulich sei ferner, dass es aus dem Ort viel Unterstützung für den Austausch gebe: Ein Eisdielen-Betreiber habe bei einem Stadtrundgang jedem eine Kugel Eis spendiert, Bauhof und Forstarbeiter hätten spontan mit dem nötigen Material ausgeholfen, um das Schachfeld zu realisieren.

Für den Jugendpfleger und sein Team bedeutet der Austausch viel Arbeit, doch er sieht es als Highlight: »Der Jugendaustausch ist die schönste Zeit im Jahr.«

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