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In einem Stubenladen fing alles an

  • VonChristina Jung
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Früher fand man sie in jedem Dorf. Lange prägten sie das Leben der Einzelhändler und ihrer Kunden. Heute sind Kolonialwarenläden Geschichte und vielfach vergessen. An ihre Stelle sind Cafés, Restaurants oder andere Dienstleister getreten. So auch in der Grünberger Straße in Reiskirchen, wo Elisabethe Döring 1929 mit einem Warenbestand von 100 Reichsmark ihr Geschäft begann.

Eine gestreifte Markise wirft Schatten über Schaufenster und Eingang, an dem ein bunt bepflanzter Blumenkübel steht. Lebensmittel aus verschiedener Herren Länder werden hier verkauft. Eine Tür weiter kommen Freunde der schnellen türkischen und italienisch Küche auf ihre Kosten. In einem Pizza- und Grillhaus, wie man sie auch aus anderen Kommunen kennt. Dass an diesem Ort bereits vor über 90 Jahren Einzelhandelsgeschichte geschrieben wurde, wissen in Reiskirchen heute nur noch wenige.

Eine davon ist Doris Galesky, Enkeltochter der Kolonialwarenhändlerin Elisabethe Döring, die in der Grünberger Straße 38 - damals noch Hauptstraße 28 - einst den Grundstein für einen Laden legte. Um genau zu sein, war es ihr Mann Heinrich Konrad Döring. »Er gründete das Geschäft für meine Großmutter, da er selbst als Maurer und Landwirt tätig war«, erzählt Galesky. Mit einem Warenbestand von 100 Reichsmark habe die Familie am 1. April 1929 angefangen. In einem Stubenladen, wie sie typisch waren für diese Zeit.

»Man ging durch den Hausflur an einer kleinen Küche vorbei und stand im Geschäft«, erzählt die Reiskirchenerin. In dem 1832 von einem ihrer Vorfahren erbauten Haus verkaufte Elisabethe Döring auf zunächst 26 Quadratmetern Lebensmittel, Kurz- und Wollwaren. In den folgenden Jahrzehnten wurde nicht nur der Laden mehrfach erweitert - am Ende waren es 220 Quadratmeter Verkaufsfläche -, sondern auch das Sortiment, außerdem der Fokus immer mehr auf Lebensmittel gelegt.

Wurden die Kunden anfangs noch vollumfassend bedient, da es Verpackungen, wie wir sie heute kennen, nicht gab, entwickelte sich das Geschäft im Laufe der Zeit zu einem so genannten Freiwahl-Laden, wie auf alten Dokumenten zu lesen ist. Hieß konkret: Teilselbstbedienung.

Als das Geschäft 1987 für immer seine Pforten schloss, hatten drei Generationen Frauen zu seiner steten Entwicklung beigetragen. 1949 war es Elise Schomber, später Frank, die die Geschäftsführung von ihrer Mutter übernahm, 30 Jahre später Franks Tochter Doris.

Dass sie das Geschäft ihrer Großeltern einmal führen würde, stand für Galesky früh fest. Sie wuchs quasi im Laden auf. »Ich war immer dort und habe meiner Mutter schon in ganz jungen Jahren zugereicht«, erinnert sie sich. Beispielsweise, wenn die Heringe in Zeitungspapier verpackt werden mussten. »Sonst gab es ja nichts«, so die Seniorin. Auch Bezugsmarken habe sie als Kind auf Papiertüten geklebt. Mitunter stundenlang.

Wenn Doris Galesky von den Anfängen des Geschäftes erzählt, hat sie eine entbehrungsreiche Zeit vor Augen. Als man 1953 als erster Laden im Dorf Bananen ins Sortiment aufnahm, kam es regelmäßig vor, dass Früchte braun wurden. Wegwerfen kam aber nicht in Frage. »Meine Großmutter hat sie dann immer in Butter gebacken und mit Zimt und Zucker serviert«, erinnert sich Galesky. Ein Essen, das heute noch zu ihren Lieblingsgerichten zählt.

Von der Pike auf gelernt hat die Unternehmerin den Beruf der Einzelhandeskauffrau aber nicht zwischen heimischen Verkaufsregalen, sondern in einem Lebensmittelgeschäft im Gießener Professorenviertel. Am 1. April 1960 beendete Galesky ihre Ausbildung, drei Monate später starb ihr Papa und sie stieg voll ins Familiengeschäft ein. Bis 1987 baute sie es immer weiter aus, konnte sich gegen die Konkurrenz - es gab früher sieben Lebensmittelgeschäfte in Reiskirchen - lange und gut behaupten. »In den Glanzzeiten haben wir über eine Million Mark Jahresumsatz gemacht und sechs Angestellte beschäftigt«, erinnert sich Galesky. Außerdem habe sie selbst ausgebildet. Doch als schräg gegenüber in der heutigen Döneria ein Rewe-Markt mit Fleischtheke eröffnete ging der Umsatz bei Galesky immer weiter zurück. Dagegen zu halten, hätte sehr hohe Investitionen bedeutet. Die Einzelhändlerin entschied sich für die Aufgabe des Ladens und vermietete die Räume fortan an die Drogeriekette Schlecker. 25 Jahre hatte diese dort ihren Standort. Es folgten wechselnde Mieter und Leerstand, bis sich Galesky 2015 zum Verkauf des Gebäudes entschloss, in dem sie jahrzehntelang gearbeitet und noch länger gewohnt hatte. Einen Teil des Grundstücks behielt sie, ließ ein seniorengerechtes Eigenheim bauen und lebt seit dessen Fertigstellung dort. Nur einen Steinwurf von den Räumen entfernt, wo 1929 die unternehmerische Geschichte ihrer Familie begann.

Fast 30 Jahre lang hat Doris Galesky den Laden geführt, den einst ihre Großmutter eröffnete. Gerne erinnert sie sich heute an die Zeit zurück, wenn sie mal wieder in den zahlreich vorhanden alten Fotos stöbert.

Mit Kolonial-, Kurz- und Wollwaren begann Elisabethe Döring in einem Stubenladen (links) 1929 ihr Leben als Geschäftsfrau. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Geschäft fortan vergrößert (oben rechts), bis es 1987 schoss. Heute (unten links) gibt es dort ein Grill- und Pizzahaus sowie einen kleinen Markt. FOTOS: PM/TI

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