_103957_4c_1
+
Die Zahl der Autos im Kreis Gießen steigt weiter an.

Verkehr

Immer mehr Autos im Kreis Gießen – Anteil der Stromer noch sehr gering

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
    schließen

Der Anteil an Elektroautos hat sich im 2020 zwar verdoppelt. Rund 1000 Stromer im Kreis Gießen sind aber noch verschwindend wenig bei insgesamt rund 156 000 Fahrzeugen.

Gießen – Piep - piep - piep - piep. Mehr ist nicht zu hören, wenn mein Nachbar sein Auto aus der Garage fährt. Ein Warnsignal für Fußgänger, wenn der kleine Koreaner rückwärts rollt. Das Modell mit 100 Prozent Elektro-Antrieb ist ansonsten völlig lautlos. Die Zukunft der Mobilität hat Einzug in die Wohnviertel gehalten, auch im Kreis Gießen. Doch bislang ist es nicht einmal eine »Verkehrswende light«. Denn die Zulassungszahlen insgesamt steigen.

Die Zahlen der Elektro-Autos im Kreis Gießen hat sich binnen eines Jahres verdoppelt. Das klingt gut mit Blick auf den Kohlendioxid-Ausstoß im Straßenverkehr. Denn der soll drastisch sinken. Die 2017 formulierten Klimaschutzziele für den Kreis Gießen besagen, dass der Kreis bis 2050 den Treibhausgas-Ausstoß um 95 Prozent senken und den Energieverbrauch gegenüber 1990 halbieren muss. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Verkehr.

Kreis Gießen: Anteil der E-Autos verschwindend gering

Die Verantwortlichen, namentlich auch Landrätin Anita Schneider, suchen deshalb immer wieder nach regionalen Ansätzen für die Energiewende. Bei Schneider steht das Thema ganz oben auf der Agenda. Bausteine sind etwa der Schnellbus Gießen - Laubach, die geplanten Wasserstoffbusse, Ausbau des Radwegenetze. Allein: Je ländlicher die Region, desto höher der Pkw-Bedarf. Weil eben das Angebot von Bus und Bahn in der Fläche nicht so ausgebaut ist, dass die Menschen es so selbstverständlich nutzen wie in Ballungsräumen wie etwa Rhein-Main oder Berlin.

Aber alles ist relativ: Die Zahl der E-Autos, die 100 Prozent als Stromer unterwegs sind, hat zwar um mehr als 100 Prozent zugelegt. 448 waren es Ende 2019. Zum 1. Januar 2021 waren bereits 975 reine Elektro-Autos zugelassen. Das sind zehnmal mehr als vor vier Jahren. Aber es ist noch wie vor ein verschwindend geringer Anteil angesichts von rund 156 000 im Kreis Gießen rollenden Autos. Deren Zahl steigt weiter. Anfang 2021 waren 1606 Autos (oder 1,04 Prozent) mehr zugelassen als ein Jahr zuvor. Das zeigt die Zulassungsstatistik, die der Zeitungsdienst Südwest jüngst ausgewertet hat.

Die nackten Zahlen machen zudem deutlich: Es sind eben nicht nur die Stromautos, die mehr werden. Sondern der Anteil der Benziner und Diesel wächst ebenfalls. Jedes abgemeldete Altfahrzeug wird durch ein neues ersetzt - und es kommen weitere on top.

Kreis Gießen: Großteil der Autos läuft mit Benzin

Nach wie vor dominieren Diesel und Benziner. Neben Elektro-Fahrzeugen laufen zudem einige Wagen mit Gas, sind mit 1531 Exemplaren aber ebenfalls ein Nischenprodukt. Und auch deren Zahl sinkt leicht. Die Zahl der Benziner im Kreis Gießen ist nahezu unverändert geblieben, ist im vergangenen Jahr gerade mal um 80 Fahrzeuge auf 100 424 Pkw gesunken. Bei den Dieseln ist die Zahl von 50 088 auf 49 811 Pkw geschrumpft. Das ist ein Minus von 0,55 Prozent. Das Gros der Zuwächse machen Hybridautos aus: Zum Stichtag 1. Januar 2021 waren 3376 Hybrid-Fahrzeuge im Kreis zugelassen, Autos also, die einen Benzinmotor haben, der einspringt, wenn der Akku leer ist. Bei den Hybriden liegt der Zuwachs bei 78,9 Prozent.

Damit sind im Kreis Gießen 64,31 Prozent der Pkw Benziner, 31,9 Prozent haben einen Dieselmotor und nur der Rest von rund 3,79 Prozent ist alternativ unterwegs.

Die Analyse des Zeitungsdienstes Südwest für den Kreis Gießen lässt zudem erkennen, dass der Fahrzeugbestand immer schadstoffärmer wird. Die Zahl der alten »Stinker« der Schadstoffklassen Euro-1 - 3 hat um 2689 Exemplare abgenommen. Auch Wagen mit Euro-4 oder Euro-5 werden weniger. Derweil nimmt die Zahl mit schadstoffärmeren Euro-6-Motoren zu.

Kreis Gießen: „Elektroauto allein macht noch keine Verkehrswende“

Wobei die Statistik immer nur rückblickend ist oder eine Momentaufnahme zu einem Stichtag abbildet. In einem Jahr wird es womöglich schon deutlich anders aussehen. Die heimischen Autohäuser haben erst vor wenigen Wochen von stark steigender Nachfrage nach schadstoffarmen E-Autos berichtet: Das MH-Autoforum bezifferte den Anteil der reinen E-Autos auf 15 bis 20 Prozent der Neuwagen-Bestellungen. Hybride machten mehr als 40 Prozent der georderten Fahrzeuge aus. Beim Autohaus Häuser (Pohlheim) hieß es im Juni gar, dass 80 Prozent der bestellten VW-Modelle einen Stecker haben.

»Das Elektroauto allein macht noch keine Verkehrswende«, kommentiert Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher vom Verkehrsclub Deutschland (VCD), die Zahlen aus dem Kreis Gießen. Zwar sei das E-Auto derzeit der Antrieb der Wahl. Aber bei einem Bestand von rund 48 Millionen Kfz bundesweit dauere es eben, bis sich die Umstellung abzeichne. Müller-Görnerts Credo: Eigentlich brauchen wir weniger Autos. Es sei unerlässlich, die Alternativen zu stärken: Bus, Bahn und Rad. (Rüdiger Soßdorf)

In der Stadt Gießen selbst sorgt aktuell ein anderes Verkehrsthema für Diskussionen: Unbekannte haben auf eine Straße illegalerweise einen Zebrastreifen aufgemalt. Die Reaktion der Stadt ist überraschend.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare