In der ersten Jahreshälfte waren sie noch im Auslandseinsatz, jetzt helfen sie in der Kreisverwaltung aus. 18 Angehörige des Jägerbataillons 1 aus Schwarzenborn unterstützen das Gesundheitsamt beim Kampf gegen die Corona Pandemie.
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In der ersten Jahreshälfte waren sie noch im Auslandseinsatz, jetzt helfen sie in der Kreisverwaltung aus. 18 Angehörige des Jägerbataillons 1 aus Schwarzenborn unterstützen das Gesundheitsamt beim Kampf gegen die Corona Pandemie.

Corona-Pandemie

Corona im Kreis Gießen: Gesundheitsamt und Test-Center am Anschlag – „Nicht mehr nah dran“

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Das Gesundheitsamt ist überlastet, mittlerweile hilft die Bundeswehr bei der Kontaktermittlung. Jetzt bittet der Landkreis Gießen die Bevölkerung um Mithilfe.

Gießen – Nein, aufgeben will die Landrätin nicht. Aber Anita Schneider muss einräumen, dass das Gesundheitsamt angesichts der sprunghaft steigenden Zahl von Corona-Infizierten mit der Arbeit nicht mehr hinterher kommt. Seit dieser Woche verschafft der Einsatz von 18 Soldaten des Jägerbataillions 1 in Schwarzenborn den überlasteten Mitarbeitern ein wenig Luft. Aber noch immer reicht das Personal nicht. »Wir sind bei der Fallermittlung nicht mehr nah dran«, bedauert die Landrätin. Deshalb bitten Schneider und die Verantwortlichen aus dem Gesundheitsamt die Bevölkerung um Mithilfe. »Jeder, der einen positiven Corona-Text hat, muss sich umgehend selbst isolieren«, sagt Dr. Anja Hauri, die Sachgebietsleiterin Hygiene. Auch für Personen, die mit Infizierten in einem Haushalt leben, sei Absonderung verpflichtend. Auf keinen Fall dürfe man im Fall einer Infektion abwarten, bis das Gesundheitsamt sich meldet und die Quarantäne verfügt.

Corona im Kreis Gießen: FAQ jetzt online

Wie sich Betroffene richtig verhalten, wer als Kontaktperson gilt, wer sich testen lassen muss oder wie man sich gegenüber den Familienangehörigen verhalten sollte: Antworten auf diese und viele weitere Fragen bietet nun im Internet unter www.lkgi.de ein FAQ Corona. Dort findet man laut Teamleiterin Dr. Lara Stein auch eine Online-Maske für eine automatisierte Bescheinigung, die im Falle der Selbstisolierung rasch beim Arbeitgeber vorgelegt werden kann. Denn auch beim Ausstellen der Quarantäneverfügungen kommt es zu Verzögerungen. Für Betroffene kann das gravierende Auswirkungen haben. Eine Kündigung während der Probezeit soll bereits vorgekommen sein.

Corona im Kreiß Gießen: Bundeswehr hilft bei Ermittlung von Kontaktpersonen

Anita Schneider wies darauf hin, dass der Landkreis alles daran setze, das Personal so rasch wie möglich aufzustocken. Mit 14,3 Stellen habe man angefangen, aktuell seien 108 Personen, auch aus anderen Bereichen der Kreisverwaltung, im Corona-Team tätig. Hinzu kommen die 18 Soldaten vom Jägerbataillon 1, die am Montag in Gießen eingetroffen sind und nach einer Schulung seit Dienstag in zwei gesonderten Räumen in der Kreisverwaltung Infizierte kontaktieren. »Der Rückstand ist schon ein bisschen kleiner geworden«, berichtete Oberstleutnant Jörg Dechert, der als Verbindungsoffizier im KatSchutz-Stab den Einsatz der Männer koordiniert. Krise ist für diese Soldaten nichts Neues: Anfang des Jahres befanden sie sich noch im Auslandseinsatz.

Obwohl der Landkreis Gießen als einer ersten bei der Bundeswehr um Unterstützung ersucht hat, reicht die Manpower immer noch nicht. Die Landrätin würde das Corona-Team gerne auf 150 Leute aufstocken. Deshalb möchte sie gerne auf das Angebot des Landes, zusätzliches Personal zur Verfügung zu stellen, zurückgreifen. Außerdem prüfe man das Angebot eines Unternehmens aus der Touristikbranche, das die Hilfe seiner Mitarbeiter angeboten hat. In ihrem eigentlichen Job haben sie gerade nichts zu tun, sie befinden sich in Kurzarbeit.

Am Anschlag arbeiten nicht nur die Mitarbeiter des Gesundheitsamts. Auch das Corona-Testcenter der Kassenärztlichen Vereinigung stößt an seine Grenzen. »Am Montag wurden dort 400 Tests gemacht. Das ist administrativ kaum mehr zu bewältigen«, sagt die Landrätin. Alle, die sich testen lassen wollen, werden momentan auf eine harte Geduldsprobe gestellt.

Corona im Kreis Gießen: Stau vor dem Testcenter

Von den Insassen der zahlreichen Autos, die sich am Freitag Vormittag in Zweierreihen vor dem Testcenter stauten, konnten nicht alle davon ausgehen, noch an diesem Tag an die Reihe zu kommen. Wenigstens das will die Landrätin durch personelle Unterstützung aus der Kreisverwaltung ändern. Ihr Ziel ist, dass alle, die sich bis 13 Uhr anstellen, auch noch getestet werden. Doch auch nach dem Test ist Geduld gefragt. Momentan könne es fünf Tage oder länger dauern, bis ein Ergebnis vorliegt, berichtete Schneider.

Überhaupt nicht mehr hinterher kommt das Gesundheitsamt bei der Ermittlung der Kontaktpersonen. Die Dimensionen macht Dr. Hauri deutlich: »Zuletzt mussten pro Infiziertem bis zu 80 Kontaktpersonen ermittelt und abtelefoniert werden.« Hinzu komme das Einpflegen der Daten in Systeme. Deshalb setzt das »Team Corona« nun Prioritäten. Vorrangig werden Kontaktpersonen in Pflegeeinrichtungen, Schulen und Kindertagesstätten ermittelt. Dafür wurden im Gesundheitsamt eigene Teams mit direkten Ansprechpartnern gebildet. Zudem soll dafür gesorgt werden, dass Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz dringend gebraucht werden, etwa Pflegekräfte, vorrangig zu einem Testergebnis kommen.

Dr. Hauri appellierte eindringlich, dass sich die Pandemie nur durch diszipliniertes Verhalten aller eindämmen lasse. Heißt konkret: Abstand halten, Maske tragen, Räume gut lüften, Kontakte reduzieren. »Wer jetzt mit Erkältungssymptomen zur Arbeit geht, handelt unverantwortlich.«

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