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Die Möglichkeiten einer Ausbildung im Handwerk sind vielfältig, doch offenbar schrecken auch manche Vorurteile potenzielle Bewerber ab. SYMBOLFOTO: DPA

Imageproblem im Handwerk?

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Zum neuen Ausbildungsjahr brauchen etliche Betriebe wieder dringend Azubis, doch viele Jugendliche setzen lieber die Schullaufbahn fort. Die Kreishandwerkerschaft sieht ein Imageproblem in ihrem Bereich und will nun offensiver für die Vorzüge einer Ausbildung werben.

Traditionell beginnt die Ausbildung in vielen Betrieben zum 1. August oder 1. September - und einmal mehr gilt es, noch unversorgte Bewerber und Firmen, die Lehrstellen bieten, zueinander zu führen. Das funktioniert nicht in jedem Fall. Die Arbeitsagentur hat im Kreis Gießen zum 15. Juli 691 Bewerber erfasst, die für das laufende Geschäftsjahr (seit Oktober 2020) registriert, aber noch ohne Ausbildungsplatz sind. Auf der anderen Seite waren zu diesem Stichtag noch 519 Azubi-Stellen im Kreis unbesetzt. Nicht alle Stellen und Bewerber werden bei der Agentur erfasst, außerdem sei noch viel Bewegung in der Statistik, könnten sich die Daten noch verschieben, heißt es seitens der Arbeitsagentur.

Zwei Trends scheinen allerdings erkennbar: Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen im Kreis ist gegenüber den vorherigen Geschäftsjahren rückläufig, dazu mag auch die unsichere Corona-Lage beigetragen haben. Und auch bei den Bewerbern verzeichnet die Agentur seit 2018 einen leichten Rückgang.

Ein Grund für die abnehmende Zahl der Ausbildungssuchenden dürfte darin liegen, dass Angebote zur Berufsorientierung im Zuge der Corona-Pandemie nicht voll zur Verfügung standen. »Wir konnten nicht an Schulen gehen«, auch hätten sich Firmen schwerer präsentieren können und Bildungsmessen seien ausgefallen, gibt Uwe Bock, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KH), zu bedenken. »Ein bunter Strauß von Möglichkeiten ist durch Corona weggefallen«, sagt er.

Ebenso hätten Praktika als eine Möglichkeit, sich zu orientieren, nur bedingt stattfinden können. Aus seiner Sicht zeichnet sich weiterhin der Trend ab, dass junge Menschen im Zweifel die Schullaufbahn fortsetzen, statt eine Ausbildung zu beginnen. Laut Arbeitsagentur haben zwar gerade in den Abschlussklassen Berufsorientierung und -bildung auch während Corona stattgefunden, aber eben nicht so intensiv wie gewohnt. »Die Arbeitsagentur Gießen hat sich auf die neue Situation gut eingestellt und neben der telefonischen Beratung und Videoberatung auch verschiedene Online-Angebote zur Berufswahl angeboten«, äußert sich Agentur-Sprecherin Nadine Speier. Doch die eingeschränkten Beratungsformate hätten auch zu einer Verunsicherung vieler Jugendlicher beigetragen: »Die allgemeine Verunsicherung kann dazu führen, dass viele junge Menschen den Ausbildungsbeginn verschieben und einen weiterführenden Schulbesuch vorziehen«, sagt Speier.

Dabei wird gerade auch im Handwerk Nachwuchs dringend gebraucht. Doch für Betriebe werde es zunehmend schwierig, geeignete Auszubildende zu finden, sie zu erreichen, so Bock, wobei sich die Situation je nach Gewerk natürlich unterscheide. Unter dem Titel »Handwerk Mittelhessen« soll ein von der KH mit gegründeter Verein nun zu einem direkteren Draht beitragen und Perspektiven des Handwerks aufzeigen. Ein Ziel besteht laut Bock darin, dass geschulte Auszubildende und Gesellen in Schulen gehen und ein Bild der Praxis vermitteln. Aktuell werde dafür ein Koordinator gesucht. Es gehe um »Information auf Augenhöhe«, zumal Betriebsinhaber oft wesentlich älter seien, sagt Bock. »Das Angebot soll nicht nur punktuell sein, sondern sich auf Dauer etablieren.«

Für Betriebe und KH geht es auch darum, eine Karriere im Handwerk als attraktive Alternative etwa zu einem Studium hervorzuheben. Manche Vorurteile hielten sich noch immer hartnäckig, so Bock: »In Köpfen von vielen Eltern herrscht noch immer das Bild vor, dass es im Betrieb vor allem staubig und sehr anstrengend ist.« Dass dieses Image überholt sei, Betriebe sich über die Jahrzehnte stark gewandelt hätten und der technisch-planerische Anteil heute vielfach hoch sei, werde oft vergessen.

»Oft stehen Handwerksberufe nicht ganz oben auf der Ausbildungswunschliste. Bei vielen Eltern und jungen Menschen steht ein Beruf im Handwerk für unattraktive Arbeitsbedingungen«, bestätigt Speier. Rauer Umgangston, geringes Gehalt - solche Vorurteile hielten sich oft zäh über Jahrzehnte hinweg. Dabei seien die Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten in vielen Handwerksberufen gut, sagt die Sprecherin der Gießener Arbeitsagentur: »Ein Beruf im Handwerk bietet nicht nur dem Hauptschüler eine gute Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeit, sondern auch dem Abiturienten und dem Studienabbrecher. In vielen Berufen sind die Anforderungen und somit auch die Tätigkeit sehr anspruchsvoll und abwechslungsreich.« KH-Vertreter Bock unterstreicht weitere Vorteile: »Auf eine gute, fundierte Ausbildung kann man immer zurückgreifen«, und mit einem Meisterbrief obendrauf stehe auch ein Studium offen. Auch sei das Handwerk in der Pandemie nicht so stark getroffen worden wie viele andere Bereiche, biete vielen eine sichere Perspektive. Sein Appell: »Wir brauchen in allen Branchen Auszubildende, auch weil Betriebsinhaber Nachfolger suchen.« Doch diese zu finden, sei oft schwierig.

Auch die IHK Gießen-Friedberg betont den Wert betrieblicher Ausbildungen, die freilich nicht nur im Handwerk angeboten werden: »Eine duale Ausbildung ist und bleibt für junge Menschen attraktiv und ist eine sehr stabile Basis für das Berufsleben. Wer später noch einen Abschluss in der höheren Berufsbildung draufsetzt, kommt auf das gleiche Lebenseinkommen wie vergleichbare Akademiker und zugleich schon früher an das eigene selbst verdiente Geld.«

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