»Ich wollte es selbst nicht wahrhaben«

  • VonConstantin Hoppe
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Gießen (con). Auf der Videoaufzeichnung ist ein gemütlich eingerichteter Raum zu sehen. Auf einem Sessel hat sich ein junger Mann niedergelassen, ihm gegenüber sitzen zwei Polizeibeamtinnen in Zivilkleidung und klären ihn über seine Rechte auf. Der junge Mann wirkt ruhig und fängt kurz darauf an zu berichten. Man merkt schnell, dass er eine gewisse Distanz zu den Vorgängen aufgebaut hat.

Der junge Mann ist Opfer von sexuellem Missbrauch. Einer seiner damaligen Lehrer soll der Täter sein.

Am Montag stand vor einem Schöffengericht am Landgericht Gießen nun die polizeiliche Aussage des heute 21-jährigen Nebenklägers im Verfahren gegen einen 37 Jahre alten Mann aus dem Kreis Gießen im Fokus. Der 37-Jährige, der an verschiedenen Schulen und Vereinen im Landkreis Parkour-AGs und -kurse leitete, muss sich wegen des Verdachts der mehrfachen Vergewaltigung eines Jugendlichen verantworten. Bereits vor zwei Jahren machte der heute 21-jährige Nebenkläger zu dem Tatkomplex eine Aussage bei der Polizei. Damals lief eine Verhandlung vor dem Gießener Amtsgericht wegen des sexuellen Missbrauchs von mehreren Jugendlichen - deshalb verbüßt der Angeklagte bereits seit Ende 2019 eine dreijährige Haftstrafe.

Obszöne Trinkspiele

»Wir lernten uns über eine Parkour-AG an unserer Schule kennen, die der Angeklagte leitete«, berichtet der heute 21-Jährige in der Videoaufzeichnung. »Wir waren alle im gleichen Kurs und irgendwann kristallisierte sich eine kleine Gruppe heraus, die sich auch außerhalb der Schule traf.« Diese Treffen fanden immer wieder einmal in der ausgebauten Scheune des Angeklagten statt. »Hier trafen wir uns, hatten Spaß und haben gefeiert - er (der Angeklagte) gab uns Pizza aus und kaufte uns auch Alkohol. Und irgendwann kam er dann und fragte, ob wir Lust hätten, ein Trinkspiel mit ihm zu spielen.« Bei dem Spiel mussten sie immer wieder Aufgaben lösen, die sie selbst, aber auch der Angeklagte stellte: »Je mehr wir getrunken hatten, desto obszöner wurden die Aufgaben - wir sollten uns ausziehen oder einander küssen.« Das waren allerdings im Vergleich zu anderen Dingen, von denen der 21-Jährige berichtete, noch die harmloseren Aufgaben: »Einmal wollte er mir den Hintern rasieren, damit ›er es später leichter hätte‹. Richtig kranker Scheiß war das.« Nachdem alle volltrunken waren und sich zum Schlafen legten, soll der Angeklagte dann zu dem damals 15 oder 16 Jahre alten Nebenkläger gekommen sein und ihn ausgezogen haben. Dann soll sich der Angeklagte auf ihn gelegt haben und mit Hilfe eines Gleitmittels in ihn eingedrungen sein. »So ist das drei- oder viermal bei mir passiert - aber ich denke, es kann auch öfter gewesen sein und ich kann mich nur an diese drei Male erinnern.« Erst nachdem ein anderer Jugendlicher einen der Übergriffe mutmaßlich beobachtet hatte, beschlossen sie, den Aushilfslehrer nicht mehr zu besuchen. Warum er nicht vorher mit seiner Aussage zur Polizei kam, will auf der Aufnahme ein Polizist von dem jungen Mann wissen - immerhin sollen sich die Taten bereits 2014 und 2015 zugetragen haben: »Ich weiß nicht - ich war geschockt und wollte es selbst nicht wahrhaben. Auch hatte ich Angst, dass andere mich dann anders sehen.«

Daneben fand sich auch eine Richterin des Amtsgericht am Montag in ungewohnter Rolle wieder: Sie berichtete als Zeugin von den Aussagen eines Zeugen bei der ersten Verhandlung zu dem Tatkomplex im Dezember 2019. Damals wurde der heute 21-Jährige jedoch nicht als Zeuge vor Gericht angehört, obwohl schon damals die vermeintlichen Übergriffe gegen ihn bekannt wurden.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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