Barbara Alt in ihrem Arbeitszimmer. Am Sonntag wird die 65-Jährige als Pfarrerin und Dekanin verabschiedet. FOTO: PM
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Barbara Alt in ihrem Arbeitszimmer. Am Sonntag wird die 65-Jährige als Pfarrerin und Dekanin verabschiedet. FOTO: PM

"Ich wollte es so"

  • vonred Redaktion
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Pfarrerin und Dekanin, Mitgründerin und Geschäftsführerin der Hungener Tafel, Gesicht der Hungener Ottilienstiftung, früher auch Organistin und Chorleiterin. In Barbara Alt geht eine vielseitig interessierte und engagierte Theologin in den Ruhestand. Am Sonntag wird sie in zwei Gottesdiensten in Hungen und Lich aus dem Dienst in Gemeinde und Dekanat verabschiedet.

Ihren Abschied vom Dekanat und den Kirchengemeinden hatte sich Barbara Alt anders vorgestellt. Eigentlich wollte die gebürtige Hamburgerin noch einmal in allen Kirchengemeinden im Dekanat Hungen predigen, bevor sie offiziell Ende Januar 2021 in den Ruhestand geht. Dazu hatte sie sich eine Predigtreihe "Wozu (noch) Kirche?" überlegt. Dieses Vorhaben ist teilweise der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen - wie der Abschiedsgottesdienst mit anschließendem Empfang, mit dem sie sich von Kollegen und Weggefährten aus Studien- und Berufsjahren verabschieden wollte.

Dabei verlief bisher in ihrem Leben alles weitestgehend so, wie sie sich das vorgestellt hatte. "Das wollte ich so", betont sie etwa, als es um ihre Entscheidung geht, kurz vor dem Abitur mit knapp 19 den 14 Jahre älteren Pfarrer Otto Alt zu heiraten. Ihn hatte sie vor 50 Jahren in der Offenbacher Markusgemeinde kennengelernt. Viele gemeinsame Interessen und Themen führten 1973 zur Verlobung und 1974 - zwischen schriftlichem und mündlichem Abitur - zur Heirat und zum Umzug nach Viernheim, wo Otto Alt im April 1974 eine Pfarrstelle übernommen hatte.

"Ich wäre nicht das, was ich bin, wenn Otto mir nicht über den Weg gelaufen wäre", gibt Barbara Alt freimütig zu. Aber nur Pfarrfrau bleiben wollte sie auch nicht. Volkswirtschaft wäre eine Möglichkeit gewesen, aber dazu hätte sie besser sein müssen in Mathematik. Bei der Theologie fühlte sie sich "mit einem Theologen als Ehemann" auf der sicheren Seite. Während des Studiums in Heidelberg und Marburg kamen die zwei Töchter Esther und Anna auf die Welt; im September 1978 war die Familie ins Obere Edertal nach Dodenau umgezogen. Dort setzte sie mit Frauen- und Chorarbeit fort, was sie in Viernheim schon begonnen hatte.

Nach dem Vikariat in der Kirchengemeinde Battenfeld und in der Suchtkrankenhilfe in Eifa teilte sie sich die Pfarrstelle in Dodenau mit ihrem Mann Otto, unterbrochen durch drei Jahre Beurlaubung nach der Geburt des Sohnes Jonathan. Noch heute empört sie sich darüber, dass ihr die Kirchenverwaltung zunächst eine Beauftragung als Prädikantin angeboten hatte.

Die Stellenteilung war dann der Kompromiss, mit dem sie in die Arbeit als Pfarrerin einsteigen konnte. Ab 1988 war sie hauptsächlich für den Filialort Reddighausen zuständig. Die zwei halben Stellen sahen die Alts nicht als gemeinsames Zukunftsmodell. So wechselten sie 1993 nach Hungen, wo Otto Alt eine Pfarrstelle, Barbara Alt eine Zweidrittel-Pfarrvikarstelle bekam.

Rodheim und Langd als "zweite Heimat"

Für die Gottesdienste und die Arbeit im Kirchenvorstand entwickelten sie ein eigenes Arbeitsmodell, das sich veränderte, als Barbara Alt 1998 teilweise die Vakanzvertretung für die Kirchengemeinden Rodheim und Langd übernahm. 2000 war sie mit der Aufstockung ihrer Stelle um ein Drittel zum ersten Mal Pfarrerin mit ganzer Stelle und für die nächsten drei Jahre allein für zwei Kirchenvorstände zuständig. Mehr Verantwortung auf Dekanatsebene hatte sie schon ein paar Jahre vorher angestrebt. Um sich für ein Leitungsamt zu qualifizieren, nahm sie von 2002 bis 2003 am Pilotprojekt "Mentoring für Frauen in der Kirche" der EKHN teil. So fühlte sie sich gut vorbereitet auf die Kandidatur für die Dekanstelle im Dekanat Hungen. Im November 2003 gewählt, trat sie die Stelle am 1. Mai 2004, ihrem 49. Geburtstag, an. Seitdem wurde sie zweimal im Amt bestätigt. Sie gehörte damit zur ersten Generation der hauptamtlich tätigen Dekane.

Ihr Gesicht und ihre Person stehen zudem für die Ottilienstiftung der Kirchengemeinde Hungen. Diese Stiftung wird Alt auch im Ruhestand weiter begleiten. Weitermachen will sie, zunächst für ein Jahr, mit den musikalischen Vespern in der Paradieskapelle des Klosters Arnsburg. Beenden muss sie die Arbeit für die Jugendwerkstatt Gießen und ihre Mitgliedschaft im Verwaltungsrat des Regionalen Diakonischen Werks Gießen.

Zehn Jahre Leitung des Hungener Kirchenchors, Mitglied im Partnerschaftsausschuss mit der indischen Partner- diözese Krishna Godavari, Mitarbeit in der Ausbildung von Prädikanten in der AG der Dekanate Grünberg, Hungen und Kirchberg gehören ebenfalls zu Alts Tätigkeitsfeld. Nicht zuletzt ist sie eine der treibenden Kräfte bei der Fusion der drei Dekanate. Vertretungsdienste in den Kirchengemeinden des Dekanats, Gottesdienste in den Altenpflegeeinrichtungen der Diakonie in Hungen und Lich standen ebenfalls auf dem Tagesprogramm, das auch bis in die späten Nachtstunden dauern konnte. Klagen über die hohe Arbeitsbelastung erwartet man bei Barbara Alt indes vergeblich, denn auch hier gilt ihr Satz: "Ich wollte es so."

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