Ein 25-Jähriger aus Langgöns wurde am Amtsgericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er hatte den neuen Partner seiner Ex-Freundin angefahren. (Archivfoto)
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Ein 25-Jähriger aus Langgöns wurde am Amtsgericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er hatte den neuen Partner seiner Ex-Freundin angefahren. (Archivfoto)

Amtsgericht Gießen

»Ich verzeih dir, aber ich vergesse nicht« – 25-Jähriger aus Langgöns muss ins Gefängnis

  • vonStefan Schaal
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Ein 25 Jahre alter Mann aus Langgöns, der den neuen Partner seiner Ex-Freundin angefahren hat, muss ins Gefängnis. Das Opfer, das noch immer unter den Folgen der Verletzungen leidet, beeindruckte das Gericht indes mit einer bemerkenswerten Geste.

Der 25 Jahre alte Langgönser seufzt leise auf. Nach vorne gebeugt richtet er den Blick nach vorne und schaut dem Mann in die Augen, der ihn vor einem Jahr auf offener Straße angefahren und fast getötet hat. »Du hast mir viel genommen«, sagt er. Wegen der Verletzungen durch die Tat könne er sein Handgelenk kaum noch bewegen, er werde nie wieder Handball spielen können. »Sport war mir wichtig.«

Dann sagt der Langgönser drei Sätze, die der Vorsitzende Richter Dr. Dietrich Claus Becker wenig später als »zutiefst humane Geste« würdigt. »Ich habe keinen Hass auf dich«, sagt er dem Angeklagten. Seine Mutter habe ihm beigebracht, barmherzig zu sein. »Ich verzeihe dir, aber ich vergesse nicht.«

Urteil im Prozess gegen 25-Jährigen aus Langgöns: Gefängnisstrafe

Der Angeklagte, ebenfalls 25 Jahre alt und aus Langgöns, ist am gestrigen Dienstag am Gießener Amtsgericht zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt worden, nachdem er den neuen Partner seiner Ex-Freundin angefahren hat.

Am frühen Nachmittag des 16. April vergangenen Jahres war er zwischen Oberkleen und Niederkleen unterwegs, als er auf der Gegenfahrbahn den Wagen des Freundes seiner Ex entdeckte. Er drehte um und nahm die Verfolgung auf. Zu dem Zeitpunkt war er stark angetrunken, hatte bei einer Geburstagsfeuer eines Bekannten mehrere Gläser Apfelwein getrunken und 1,3 Promille Alkohol im Blut.

In Oberkleen ließ der Angeklagte von der Verfolgung ab, machte über einen Wendehammer kehrt. Dann aber stand der neue Freund der Ex gestikulierend auf der Straße.

Mit 20 km/h fuhr der Angeklagte auf den Mann zu, ohne den Wagen zu stoppen. Das Opfer sprang in letzter Not auf die Motorhaube, in diesem Moment gab der Angeklagte Gas. Das Opfer flog gegen die Windschutzscheibe, in einer Kurve wurde der Mann kurz darauf auf den Straßenrand in einen Seitengraben geschleudert.

Prozess gegen 25-Jährigen aus Langgöns: »Er soll das Gefängnis von innen sehen.«

Kurz vor seinem Plädoyer wandte sich Staatsanwalt Thomas Hauburger am Dienstag mit einer ungewöhnlichen Frage an das Opfer. Hauburger erinnerte den Langgönser, der vor Gericht als Nebenkläger auftrat. dass dieser am ersten Verhandlungstag gesagt hatte, er erwarte eine gerechte Strafe für den Angeklagten. »Was wäre denn eine gerechte Strafe?«, fragte Hauburger ihn. Dieser hielt für einen Moment inne. Dann sagte er. »Er soll das Gefängnis von innen sehen.« Der Angeklagte habe ihm das Leben versaut. »Ich möchte, dass er das merkt.«

Es sei ihm noch nie so schwergefallen, in einem Gerichtsprozess ein der Tat und der Schuld angemessenes Strafmaß für sein Plädoyer zu finden, sagte unterdessen der Staatsanwalt. Denn vieles bleibe rätselhaft. Während des Verfahrens kam zwischenzeitlich die Frage auf, ob sich der Angeklagte nicht wegen versuchten Totschlags statt wegen schwerer oder gefährlicher Körperverletzung verantworten müsste, Hauburger bat während des Prozesses daher um eine Pause.

Der nicht vorbestrafte Angeklagte habe die Möglichkeit gehabt, auszuweichen, sei aber auf das Opfer zugefahren und habe Gas gegeben. Eine Tötungsabsicht könne man ihm allerdings nicht nachweisen, daher müsse man im Zweifel für den Angeklagten entscheiden. »Aber die Tat war hochgradig lebensgefährlich.«

Langgöns: Angeklagter hatte bei der Polizei angerufen, um Anzeige gegen das Opfer zu erstatten

Der Angeklagte schilderte zwar den Ablauf des Vorfalls vor Gericht, legte allerdings kein wirkliches Geständnis ab. Er könne sich die Tat nicht erklären, sagte er. Eifersucht habe keine Rolle gespielt. Er habe unter Schock gestanden. »Ich wollte aus der Situation weg, so schnell wie möglich.« Sein Verteidiger sprach von einer »spontanen Idiotie«, befördert durch den Alkohol.

Der Angeklagte fuhr außerdem nach der Tat weiter, ohne sich um das Opfer zu kümmern. Wenig später rief er bei der Polizei an. Er wolle gegen den Freund seiner Ex-Partnerin Anzeige erstatten, sagte er dem Beamten, Weil dieser die Windschutzscheibe seines Wagens zerstört habe. Das lasse ihn ratlos zurück, sagte der Staatsanwalt.

Der Angeklagte habe in seinen Aussagen den »nüchternen Eindruck eines Bilanzierers« hinterlassen, erklärte der Richter in seiner Urteilsbegründung.

Urteil gegen 25-Jährigen aus Langgöns: Entschuldigung erst ein Jahr nach der Tat

»Wenn mir im Leben noch mal eines geschenkt werden könnte, wäre es, diesen Tag rückgängig zu machen«, hatte der Angeklagte zuvor zu einer Entschuldigung angesetzt. »Aber das ist nicht in meinem Ermessen.« Letzteren Satz wiederholte er wenig später auf die Frage des Rechtsanwalts des Nebenklägers, warum er sich denn erst ein Jahr nach der Tat entschuldige. Dies sei »ein merkwürdiger Satz«, sagte der Vorsitzende Richter daraufhin - und widersprach dem Angeklagten. »Doch«, sagte er. Auch die zahlreichen Fehlentscheidungen am Tattag hätten sehr wohl in seinem Ermessen gelegen.

Verurteilt wurde der Angeklagte wegen gefährlicher Körperverletzung, gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr, Fahrerflucht und fahrlässiger Trunkenheit am Steuer. »Dass Sie angeben, nicht so recht zu wissen, was an dem Tag passiert ist, glaubt das Gericht Ihnen nicht«, sagte Becker. Es sei einzig und allein der Athletik des Opfers zu verdanken, dass es überlebt hat.

Dem Tatmotiv am nächsten kam wohl der Vertreter des Nebenklägers, Olaf Wolff, in seinem Plädoyer. Der Angeklagte habe vor allem ein Ziel gehabt: seiner Ex und ihrem neuen Freund zu zeigen, dass er noch da sei und ihnen mitteile: »Ich störe euer Glück.«

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