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Nach gut drei Monaten sei der erste gefühlte Berg langsam erklommen, sagt Marius Reusch. "Man kommt jetzt tatsächlich ins Gestalten."

"Ich bin über mich selbst überrascht"

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Seit gut 100 Tagen ist Marius Reusch Bürgermeiser in Langgöns. Ein Großprojekt geht er gerade an: das erste Wohngebiet der Gemeinde seit Jahrzehnten. Dringenden Handlungsbedarf sieht Reusch im Kita-Bereich. Im Interview spricht er aber auch darüber, dass er sich zum Teil ausgebremst fühlt.

Herr Reusch, spüren Sie, dass sich etwas in der Wahrnehmung Ihnen gegenüber verändert hat, seit Sie Bürgermeister sind?

Marius Reusch: Überraschenderweise, ja. Klar, viele grüßen mich im Scherz mit dem Spruch "Ach, der Herr Bürgermeister". Aber man wird definitiv anders wahrgenommen durch diese neue Rolle. Selbst vor Kurzem beim Dorffest in Oberkleen, wo ich ja lebe und herkomme, wo ich tief verwurzelt bin.

Was heißt anders?

Reusch:Früher hat man auf dem Dorffest mit Freunden und Bekannten erst mal über Ortsthemen oder über Fußball gesprochen. Das ist irgendwie immer noch so. Aber sehr bald kommt dann der Satz: "Was ich dich jetzt mal fragen muss." Oder: "Was ich immer schon mal loswerden wollte." Viele sagen, dass sie mich eigentlich nicht nerven möchten, dass sie es gerne unterdrücken würden, dann aber wird das Anliegen vorgebracht. Viele Menschen sind natürlich aber auch einfach daran interessiert, wie es einem so ergeht als Bürgermeister.

Wie antworten Sie dann?

Reusch:Nach gut drei Monaten ist der gefühlte Berg, der sich vor einem auftürmt, langsam erklommen. Man kommt jetzt tatsächlich ins Gestalten. Wenn man mit Mitarbeitern auch über kleinen Vorhaben zusammensitzt, wie zum Beispiel bei der Planung eines Spielplatzes, und dann ganz konkret plant, das macht Spaß. Man schiebt Dinge an, kommt Schritt für Schritt ins Laufen.

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie in den ersten gut 100 Tagen gewonnen?

Reusch:Projekte, die ich begleite und anstoße, haben eine Vorgeschichte und das verlangt nach Kenntnis und Einarbeitung. Ich habe mich auch schon bis in die Nacht in Akten eingelesen, um die Zusammenhänge von Baugebieten zu verstehen. Insgesamt wächst dadurch ein noch tieferes Verständnis für die Gemeinde.

Zu welchem Thema haben Sie denn noch spät abends in Akten gewühlt?

Reusch:Zum Beispiel zur Entstehung von Gewerbe an den Ortsrändern. Wir haben das Problem, dass wir da zum Teil nachträglich einen Bebauungsplan aufstellen müssen. Da wurde in den 70er Jahren nach dem Motto verfahren: Bau schon mal, mach deinen Betrieb auf, aber dann wurde nie ein Bebauungsplan aufgestellt. Das holt einen jetzt ein. Am Anfang, in den ersten Tagen, startet man mit Elan und will sofort loslegen. Dann stellt sich aber das Gefühl ein, dass man nicht zum Arbeiten kommt, dass man sehr mit interner Abstimmung beschäftigt ist.

Sie fühlen sich ausgebremst?

Reusch:Zum Teil, bei zwei bis drei Themen, die Baugebiete betreffen. Aber man darf auch nicht den Fehler machen, alles im ersten Jahr machen zu wollen. Die Amtszeit beträgt sechs Jahre. Insgesamt bin ich überrascht, wie gut alles zu bewerkstelligen ist. Ich lasse mich vom gesunden Menschenverstand leiten, damit kommt man ganz gut voran. Das Gefährliche ist: Die Woche und die Tage füllen sich gewaltig mit Terminen, ohne dass man gefühlt zum eigentlichen Kerngeschäft kommt. Es gibt extrem viele Abstimmungstermine, sei es mit Behördenvertretern, dem eigenen Personal, interessierten Bürgern oder Termine mit Interessenten an Gewerbegrundstücken.

Haben Sie schon Wege gefunden, damit umzugehen?

Reusch:Wenn ich es einfach laufen lasse, gehe ich unter. Jetzt habe ich mir in meinem Terminkalender Kernzeiten geblockt, in denen ich im Büro bin, drei bis vier Stunden am Stück. Und ich habe mir Familienzeiten geblockt. Morgens bringe ich meinen Sohn in die Kita, daher fange ich nicht vor 8.30 Uhr im Rathaus an. Dreimal in der Woche versuche ich, zwischen 17 und 20 Uhr zu Hause zu sein. Abends habe ich fast immer Termine.

Sie haben ein Wohngebiet in Dornholzhausen auf den Weg gebracht, Ihr erstes Großprojekt. Wann geht es damit los?

Reusch:Nach dem Aufstellungsbeschluss jetzt in der Gemeindevertretung läuft erst mal das Bauleitplanungsverfahren, das dauert sicher bis Frühjahr nächsten Jahres. Wir wollen das Baugebiet peu à peu in zwei Abschnitten erschließen, insgesamt sind es rund 35 Bauplätze. Das dann folgende Baugebiet wäre Espa, am Gaulskopf mit etwa zehn Bauplätzen, das ist in der Planung. Danach wäre Wohnraum in Cleeberg das Ziel. Da haben wir auch schon ein Gebiet im Auge, aber es muss zunächst geprüft werden, wie man das erschließen kann. Diese Entwicklungen sind wichtig, aber alles mit Maß und Ziel. Man merkt heute schon, dass dieser Bedarf nicht gedeckt werden kann, dass Familien wegziehen. Das Thema des demografischen Wandels darf uns nicht einholen, wir wollen junge Familien halten und gewinnen.

Wie sieht es mit Gewerbeflächen aus?

Reusch:Wir sind fast ausverkauft. Bis auf Niederkleen, wo ein ganz kleines Gewerbegebiet entsteht. Gerade stimmen wir uns mit den Johannitern ab, die dort eine Rettungswache errichten werden. Für eine größere Gewerbefläche wollen wir zwei Areale betrachten: Entweder am Steinacker an der Autobahnabfahrt Richtung Niederkleen, das wäre auch mein Favorit. Oder eine Erweiterung des Gebiets Perchstetten.

Warum favorisieren Sie das Gebiet am Steinacker?

Reusch:Es ist ehemaliges Streuobstgebiet. Wir würden, wie der Flurname "Steinacker" schon vielsagend ausdrückt, keine guten Ackerböden verbrauchen. Die Lage wäre direkt an der Autobahn. Man könnte gleichzeitig die problematische Kreuzung an der Einfahrt zum Gewerbegebiet Lützelwiesen neu ordnen.

Was sind die drängendsten Punkte in Langgöns?

Reusch:Die gibt es insbesondere im Kita-Bereich. Eigentlich sind wir gut aufgestellt. Aber wir müssen im kleinen Umfang etwas tun. Vor fünf Jahren mussten in einer Einrichtung etwa 30 Mittagessen zubereitet werden, heute sind wir bei 70 bis 100. Fast alle Kinder essen inzwischen in der Kita. In dem Bereich knirscht es in mehreren Einrichtungen, da stellen wir jetzt Kräfte zur Unterstützung ein.

Gibt es auch Personalbedarf bei den Erzieherinnen?

Reusch:Ja. Außerdem kann man sich als Gemeinde befristete Anstellungsverhältnisse aus heutiger Sicht nicht mehr leisten. Man muss den Erzieherinnen attraktive Arbeitsplätze mit unbefristeten Verträgen bieten. Auch die Leitung der Kitas innerhalb der Verwaltung muss ein bisschen professionalisiert werden. Da möchte ich ein Maßnahmenpaket schnüren.

Hat Sie in den ersten 100 Tagen etwas überrascht?

Reusch:Ja. Ich bin über mich selbst überrascht. Darüber, wie häufig man sich in unterschiedliche Rollen begibt. Besuche ich eine Langgönserin zu ihrem 90. Geburtstag, höre ich zu und bin Stellvertreter für alle, die Glückwünsche überreichen wollen. In Wiesbaden im Landtag bin ich Interessenvertreter und achte auf die Etikette. Ich habe als Bürgermeister mindestens zehn verschiedenen "Rollen" zu erfüllen. Und ich kriege diesen Rollenwechsel hin. Das ist witzig zu sehen, wenn man sich selbst reflektiert.

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