"Manchmal", sagt Manfred Henß, "geht mir beim Fliegen der Gedanke durch den Kopf: Was verpassen die Leute, die sich unten bewegen."
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"Manchmal", sagt Manfred Henß, "geht mir beim Fliegen der Gedanke durch den Kopf: Was verpassen die Leute, die sich unten bewegen."

"Ich träume von Venedig"

  • vonStefan Schaal
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Manfred Henß hat in den vergangenen drei Jahren sämtliche Dörfer und Ortsteile im Kreis Gießen angesteuert, um mit seinen Fotos im Rahmen der Serie "von oben" den Lesern die Heimat aus der Vogelperspektive zu zeigen. Zum Abschluss der Serie berichtet der 67 Jahre alte Grünberger, wie sich der Kreis aus seiner Sicht verändert. Und er erzählt von Zwischenfällen in der Luft.

Wenn Sie einem Ortsfremden das Gießener Land von oben zeigen würden, welche Tour würden Sie fliegen, um ihm die Schönheit der Region zu zeigen?

Ich würde eine Burgentour unternehmen. Zuerst zum Gleiberg und zum Vetzberg, dann Richtung Süden und entlang des Verlaufs des Limes über Pohlheim, Hungen und Lich. Auch Münzenberg ist von oben wunderschön. Und die Grünberger Altstadt. Vielleicht würde ich noch eine Kurve nach Marburg nehmen, an der Lahn entlang, und dann wieder zurück.

Seit 1984 überfliegen Sie regelmäßig den Kreis Gießen. Was reizt Sie daran, die Region aus der Vogelperspektive zu betrachten?

Der Blick von oben ist faszinierend. Man sieht zum Beispiel, wo die Altstadt einer Gemeinde liegt und was nach und nach dazugebaut wurde. Allein die Dächer lassen oft darauf schließen, wo der Kern einer Stadt liegt. Man sieht von oben Dinge, die man unten am Boden überhaupt nicht erkennen würde.

Wie meinen Sie das?

Bei Kloster Arnsburg stellt man aus der Luft helle und dunkle Stellen auf Äckern und Wiesen fest. Die alten Grundmauern lassen sich so erahnen. Ähnlich kann man von oben am Bewuchs sehen, wo der römische Limes früher verlaufen ist.

Hat das Fliegen Ihren Blick auf die Region verändert?

Das Gefühl dafür, wo welche Orte liegen, hat sich verändert. Man sieht auch, wie sich die Region im Lauf der Zeit entwickelt, derzeit fällt mir immer wieder das neue Gewerbegebiet bei Großen-Buseck ins Auge. Überhaupt nimmt im Kreisgebiet spürbar die Bebauung zu, viele Gemeinden breiten sich an den Rändern immer weiter aus. Fährt man mit dem Auto durch das Gießener Land, passiert man Waldstücke und Felder zwischen den Ortschaften. Von oben aber sieht man immer schon den nächsten und den übernächsten Ort. Man sieht, dass das Gießener Land stark bevölkert ist. In Richtung Vogelsberg ist das natürlich nicht der Fall. Manchmal geht mir beim Fliegen der Gedanke durch den Kopf: Was verpassen die Leute, die sich unten bewegen? Die haben keine Vorstellung.

Was verpassen sie denn?

Vor kurzem bin ich in Richtung Wasserkuppe über das Fuldatal geflogen, unten war dichter Nebel. Ich bin über den Wolken geflogen, die Sonne hat geschienen. Es war wunderschön. Die Leute unten können nicht ahnen, wie toll das aussieht. Die denken nur: Heute ist blödes Wetter. Was für die Nebel ist, das sind für mich schöne Wattebäuschchen über dem Boden.

Was gibt Ihnen das Fliegen?

Es ist das Loslassen vom Alltag. Ich konzentriere mich auf die Fliegerei und freue mich darüber, was ich draußen sehe. Da vergisst man alles um einen herum. Fliegen ist die richtige Entspannung für den Kopf.

Wie oft steigen Sie mit ihrem Ultraleichtflugzeug in die Luft?

Im Moment nutze ich fast jeden Tag, an dem es möglich ist. Bei den aktuellen Wetterverhältnissen fliege ich im Schnitt einmal die Woche. Der nasse Grasboden schleudert bei Start und Landung Dreck in die Höhe und saut den Flieger ein. Eine halbe Stunde Fliegen bedeutet, anschließend eine Stunde zu putzen, Selbst wenn die Sonne scheint, überlege ich es mir im Winter zweimal, ob ich starte. Sonst bin ich jedes Wochenende mit meiner Frau unterwegs. Meinen Pilotenschein habe ich 1984 gemacht, seitdem war ich 1200 Stunden in der Luft. 2500 Starts und Landungen habe ich hinter mir.

Und hin und wieder fliegen Sie in zwei Stunden auch mal an die Nordsee.

Wangerooge ist einer der schönsten Flugplätze, er ist nicht weit vom Strandleben entfernt. Im Sommer baden meine Frau und ich dann auch in der Nordsee, wir haben unsere Badesachen dabei. Beim letzten Mal hatten wir Pech, als eine volle Fähre mit Touristen kurz vor uns angekommen ist. Alle Strandkörbe waren belegt. Ich habe uns dann ein kleines Zelt, eine Strandmuschel, gekauft.

Fliegen ist nicht unbedingt umweltfreundlich. Bereitet Ihnen die Klimadebatte kein schlechtes Gewissen?

Die Frage ist: Will man sich selbst so weit einschränken, dass man nur noch tut, was man unbedingt machen muss? Oder will man sein Leben genießen? Wir unternehmen mit dem Flugzeug eher Kurzausflüge - in Luftlinie, anstatt das Auto zu nehmen, was deutlich länger dauern und mehr Sprit verbrauchen würde. Von der Belastung her - Feinstaub und Lärm - ist die Klimabilanz mit einem Flieger nicht schlechter als mit dem Auto.

Wie viel Sprit verbrauchen Sie denn für einen Flug an die Nordsee?

Hin und zurück sind das etwa 60 Liter, bei insgesamt 700 Kilometern Luftlinie. Mit dem Auto kann man fast die doppelte Strecke einrechnen. Und außerdem viel Zeit im Stau verbringen.

Gab es in 36 Jahren als Pilot auch mal Zwischenfälle?

Bis jetzt ist nie etwas Ernsthaftes passiert. Ich bin vorsichtig. Ist eine Wetterlage nicht eindeutig, bleibe ich am Boden. Ich will ja auch nicht mit einer Nachricht in die Zeitung kommen, dass ich mit meinem Flieger auf einem Acker liege. Oft passiert erst dann etwas, wenn Menschen unter Termindruck stehen. Solchen Situationen gehe ich aus dem Weg. Ich kann mich nur an zwei kleine Zwischenfälle erinnern.

Was ist passiert?

1984, als ich meinen Pilotenschein gemacht habe, habe ich auf einem Flug von Arnsberg im Sauerland zurück nach Gießen für fünf Minuten die Orientierung verloren. Alles war hügelig und bewaldet, ein Ort sah aus wie der nächste. Da gab es noch kein Navi und kein GPS. Dann aber bin ich an einem Fernsehturm vorbeigeflogen, in der Nähe war eine Autobahnbrücke. Da wusste ich: Ich bin bei Siegen. Die Orientierung war wieder da.

Und der zweite Zwischenfall?

Einmal hat es im Flieger kokelig gerochen, als wäre etwas angebrannt. Außerdem ist das Funkgerät ausgefallen. Ich war damals mit einem Bekannten unterwegs, wir haben in der Nähe von Lauterbach auf einem kleinen Flugplatz eine Sicherheitslandung eingelegt. Ich habe alles untersucht und den Motor in Augenschein genommen. Der Grund für den kokeligen Geruch war ein Kurzschluss des Funkgeräts. Es war nicht gefährlich, es hat auch nicht gequalmt. Zum Glück hatte ich zusätzlich noch ein Handfunkgerät dabei.

1984 haben Sie mit dem Fliegen angefangen. Was hat Sie damals eigentlich dazu gebracht?

Ich bin Naturwissenschaftler, habe als Lehrer Mathematik und Physik unterrichtet. Für die Fliegerei habe ich mich schon immer interessiert. Als Jugendlicher habe ich Modellflugzeuge gesteuert. Irgendwann habe ich jemanden vom Luftdezernat im Regierungspräsidium kennengelernt, einen früheren Starfighter-Piloten. Er hat mich dann einmal gefragt, ob ich bei einer Flugschau mit in einem Doppeldecker sitzen möchte. Ich bin mitgeflogen und habe das ganze Programm mitgemacht. Looping, Rolle und so weiter. Das war für mich der letzte Kick.

Haben Sie als Pilot auch gleich fotografiert?

Ich habe früh damit angefangen. Mitte der 80er Jahre gab es noch die Hürde, dass Luftaufnahmen genehmigungspflichtig waren, die Alliierten hatten ein Auge darauf. Ich musste beim Regierungspräsidium eine Genehmigung holen, für 30 Mark, sie war ein Jahr gültig. Von jedem Foto, das veröffentlicht werden sollte, musste ich zwei Exemplare an das RP geben, das hat 1,30 Mark pro Bild gekostet. Ein Foto habe ich zurückbekommen, mit einer Registriernummer. Bilder durften in der Zeitung nur mit dieser Nummer und mit dem Hinweis der Genehmigung des RP veröffentlicht werden. Bis ein Foto in der Zeitung erschienen ist, konnten 14 Tage verstreichen. Ende der 80er Jahre wurde die Regelung aufgehoben.

Gibt es heute noch Auflagen, an die Sie sich halten müssen?

Nur noch, dass ich keine militärischen Anlagen und keine Justizvollzugsanstalten fotografieren darf.

Wenn Sie im Flugzeug fotografieren, legen Sie eine Hand ans Steuer, mit der anderen schießen Sie die Bilder. Ist das legal? Im Auto ist ja schon verboten, das Smartphone in die Hand zu nehmen.

Das ist legal. Beim Fliegen macht es ja nichts aus, wenn man mal 20 Meter weiter nach links oder rechts driftet.

Gibt es einen Ort, von dem Sie träumen und den Sie in Zukunft noch mal anfliegen wollen?

Ein Ziel, das ich mir ernsthaft vornehme, ist Zell am See. Auch nach Dresden möchte ich noch mal fliegen. Und ja, einen weiteren Traum habe ich noch, das wird aber vermutlich nichts mehr. Da muss alles passen. Man muss dann auch durch die Täler der Alpen fliegen, da muss überall schönes Wetter sein. Ich träume von Venedig. FOTOS: CHH/SRS

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