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»Ich sitze hier unschuldig«

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Von: Barbara Czernek

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Gießen/Hungen (bac). Stoisch und stundenlang wiederholt der ältere der beiden Angeklagten im Prozess um den sogenannten Mord ohne Leiche seine Ansichten über die Geschehnisse rund um den Novembertag 2016. Dem Tag, an dem Daniel M. von einem der beiden Angeklagten in Hungen erschossen wurde.

Der Fakt, dass M. tot ist, wird von beiden auch nicht bestritten, jedoch beschuldigen sie sich gegenseitig der Tat. Erschwert wird die prozessuale Aufarbeitung dieses Verbrechens dadurch, dass die sterblichen Überreste von M. bis heute nicht gefunden wurden.

Oberstaatsanwalt platzt der Kragen

»Ich weiß, wie es war und dass ich hier unschuldig sitze«, sagt also der ältere der beiden Angeklagten, ein Mathematiklehrer aus Bruchköbel. Im Prozess am Montag nutzt er den Gerichtssaal erneut als Bühne für seine ausschweifenden Ausführungen. Dabei spart er nicht an bösartigen Sticheleien gegen den Vater des Opfers, der als Nebenkläger auftritt. So bezichtigt er den Senior der Falschaussage, der üblen Nachrede und der Lüge.

Auch der erneute und deutliche Hinweis der Vorsitzenden Richterin Regine Enders-Kunze, dass seine Ausführungen nun wahrlich nur noch wenig mit einer Einlassung zum Tatgeschehen zu tun haben, können ihn nicht bremsen. »Ich kann ihnen nicht das Wort verbieten«, sagt Enders-Kunze. Die Bewertung der Beweise aber müsse er schon dem Gericht überlassen. »Ob diese Beweise wahr sind, das muss das Gericht entscheiden. Es wird nicht besser, wenn Sie sagen, dass das, was Sie sagen, die Wahrheit ist.«

Der Angeklagte macht trotzdem munter weiter. Er erzählt, dass er nach seiner Ansicht das Opfer einer perfiden Intrige seines Mitangeklagten sei, der die Tat alleine geplant und durchgeführt habe. Er sei nur dabei gewesen und sei durch Erpressung dazu genötigt gewesen, vier Jahre lang nichts zu sagen.

Nach rund zwei Stunden platzt dann Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger der Kragen: »Permanent wiederholen Sie sich. Merken Sie eigentlich nicht, wie unanständig und paradox es ist, ständig dem Nebenkläger Fehlverhalten vorzuwerfen?« Es sei eine Unverschämtheit, was er von sich gebe. »Das, was Sie hier vortragen, geht völlig an der Sache vorbei. All das hat mit der eigentlichen Sache nichts zu tun«, sagt Hauburger. Dies beeindruckt den Lehrer nur wenig, allerdings verzichtet er nun darauf, weitere 30 Seiten seiner Einlassung vorzutragen.

Der Prozess wird im September fortgesetzt.

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