Thomas Hettche nimmt im Kaisersaal des Römers an der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2020 teil. FOTOS: DPA/JOACHIM GERN
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Thomas Hettche nimmt im Kaisersaal des Römers an der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2020 teil. FOTOS: DPA/JOACHIM GERN

"Ich hatte eine schöne Kindheit"

  • vonLena Karber
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Ein märchenhaftes Stück Nachkriegsgeschichte: Mit seinem jüngsten Roman "Herzfaden" hat es Dr. Thomas Hettche in diesem Jahr auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft - und zwar nicht zum ersten Mal. Im Interview spricht der gebürtige Treiser über die Augsburger Puppenkiste und über Erinnerungen an seine Kindheit im Lumdatal.

Herr Dr. Hettche, in Ihrem jüngsten Roman "Herzfaden" beschäftigen Sie sich mit der Augsburger Puppenkiste. Wie ist es dazu gekommen?

Jemand erzählte mir von der Familie Oehmichen, die mitten im Zweiten Weltkrieg in Augsburg ein Puppentheater gründete, und ich erinnerte mich wieder daran, wie ich als Kind im Fernsehen das Urmel und Jim Knopf gesehen habe. Und ich wollte wissen, wie diese Marionetten entstanden sind.

Was macht die Geschichte der Augsburger Puppenkiste so spannend?

Faszinierend an diesem Marionettentheater ist, dass sein Ensemble, als die Puppenkiste 1948 offiziell Premiere hatte, zum größten Teil aus ganz jungen Leuten bestand, die meisten waren noch keine zwanzig. Das ist die Generation meiner Eltern, eine Generation, die ihre Kindheit unter den Nazis erlebt hat. Mich hat interessiert, was das für diese Kinder bedeutet hat.

In "Herzfaden" verweben Sie Realität und Märchenhaftes miteinander. Inwiefern spricht die deutsche Nachkriegsgeschichte aus der Geschichte?

Märchen können Kinder trösten, aber sie können auch sehr grausam sein, wenn etwa die Hexe bei "Hänsel und Gretel" im Ofen verbrennt. Märchen führen uns ins Reich der Fantasie, das ist befreiend, konfrontieren uns aber auch mit unseren Ängsten. Davon erzählt mein Roman am Beispiel von Hannelore Oehmichen, die nach dem Krieg bis in die 70er Jahre all die Marionetten geschnitzt hat, die wir aus dem Fernsehen kennen.

Sie kommen aus Treis und sind hier im Landkreis Gießen aufgewachsen. Was verbinden Sie mit dieser Zeit?

Ich hatte eine schöne Kindheit, zugleich behütet im Dorf, und doch aufregend und frei, weil sie sich zum größten Teil draußen abspielte. Und dann hatte ich das große Glück, an der Liebigschule auf Lehrer zu treffen, die uns wirklich gefördert haben. Gerade im künstlerischen Bereich war das Niveau sehr hoch, weil diese Lehrer oft selbst Künstler, Musiker und begeisterte Leser waren und uns ihre Begeisterung vermittelten, aber auch ihren hohen Anspruch.

Wie sind Sie zur Literatur gekommen?

In meinen Elternhaus spielte Kultur keine Rolle. Es war eine meiner Deutschlehrerinnen, Ursula Koch, die mir die Welt der Bücher eröffnet und so mein Leben für immer verändert hat. Im Gespräch mit ihr über Literatur bin ich erwachsen geworden und habe selbst zu schreiben begonnen.

Welche Funktion erfüllt Literatur in der Gesellschaft?

Jedenfalls nicht, politisch oder gesellschaftliche Stellung zu beziehen. Das tun in den sozialen Medien sowieso alle ständig. Literatur kann den Menschen dagegen einen Freiheitsraum eröffnen. Wenn wir lesen, lassen wir unsere eigene Welt mit ihren Zwängen hinter uns. Natürlich gibt es Bücher, die uns einfach nur ablenken, gute Literatur aber lässt uns darüber nachdenken, wer wir sein wollen. Sie stärkt unsere Empfänglichkeit für das Fremde und unseren Sinn für das Unmögliche.

Sie haben unter anderem in Venedig, Krakau, Stuttgart, Rom und Los Angeles gelebt und pendeln heute zwischen Berlin und der Schweiz. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ich habe nach dem Abitur zwanzig Jahre in Frankfurt gelebt und fühle mich der Stadt immer noch verbunden, obwohl ich nun schon fünfzehn Jahre in Berlin lebe. Das Jahr in Rom war wunderbar, auch die Zeit in Los Angeles, aber ich freue mich jedes Mal, wenn ich nach Oberhessen und ins Lumdatal komme.

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