»Ich hatte Angst vor ihm«

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Der Lehrer Olaf C. und sein einstiger Studienfreund Robert S. sollen einen gemeinsamen Kumpel auf einer Hofreite bei Hungen ermordet haben. Die Aussagen dreier Zeugen vor der 5. Großen Strafkammer des Gießener Landgerichtes werfen Schlaglichter auf die Persönlichkeiten der beiden Angeklagten.

Die zierliche Frau mit den langen dunklen Haaren kennt »den Olaf« von früher. In einem Sauna-Club in Maintal hat sie ihn kennengelernt. Als sie dort anfing, nahm er die Dienste vieler Frauen in Anspruch. Später wollte er nur noch zu ihr. So jedenfalls berichtete es die 29 Jahre alte Rumänin gestern als Zeugin vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen im Prozess um einen »Mord ohne Leiche«. Erst habe sie diesen Kunden, der ihr in einer Notlage eine größere Geldsumme gab, für einen guten Menschen gehalten. Doch später habe er Stress gemacht und versucht, sie zu kontrollieren. Wenn sie mit anderen Männern zusammen war, sei er so unangenehm geworden, dass ihm im Club schließlich Hausverbot erteilt wurde.

Dass ihr Kunde Lehrer an einem renommierten Gymnasium war, wusste die junge Frau eigenem Bekunden nach nicht. Ihr gegenüber habe er sich als Frankfurter Banker ausgegeben und es auch sonst mit der Wahrheit nicht so genau genommen. So habe er ihr beispielsweise eine Krebserkrankung vorgegaukelt.

Merkwürdig fand sie auch seine wirtschaftlichen Verhältnisse. »Er hat viel Geld im Club gelassen, aber privat hatte er nichts«, sagte die Frau, die ihren Stammfreier mehrfach in seinem bescheidenen Ein-Zimmer-Apartment besuchte. Einmal habe er ihr vorgeschlagen, Falschgeld in Umlauf zu bringen, aber sie habe gleich abgelehnt. Auch auf ein Kreditgeschäft, von dem sie beide profitieren sollten, habe sie sich nicht eingelassen. Wegen des Geldes, das Olaf C. ihr gegeben hatte und nun wieder zurückverlangte, fühlte die Zeugin sich unter Druck gesetzt. Einmal, als er sie nötigen wollte, in sein Auto zu steigen, will sie eine Waffe in seiner Jacke gesehen haben. »Ich hatte Angst vor ihm«, sagte die Frau, die ihr altes Leben hinter sich gelassen hat und nun in Osthessen als Verkäuferin arbeitet. Ihre Schulden habe sie zurückgezahlt und seit nunmehr viereinhalb Jahren nichts mehr mit Olaf C. zu tun.

Auch Robert S., der andere Angeklagte, ist früheren Geschäftspartnern nicht unbedingt in angenehmer Erinnerung geblieben. Sein erster Versuch, die Hungener Hofreite, auf der am 17. November 2016 der damals 39 Jahre alte Daniel M. ermordet wurde, zu veräußern, endete mit einem Rechtsstreit.

Ein heute 38 Jahre alter Familienvater, der die Immobilie für 105 000 Euro erwerben, dann aber wegen später entdeckter Mängel von dem Kauf wieder zurücktreten wollte, erinnerte sich im Zeugenstand an einen »harschen« Wortwechsel. Erst nach langem Hin und Her sei der im Dezember beurkundete Kauf im März wieder rückabgewickelt worden. In der Kontroverse sei Robert S. immer sehr schnell laut geworden. »Was ist denn mit Ihnen eigentlich los?«, will der Zeuge einmal gefragt haben. »Haben Sie eine Leiche im Keller?«

Auffällig sei auch die Eile gewesen, mit der der Hausbesitzer den Verkauf vorantrieb. Ebenfalls merkwürdig: Zum Besichtigungstermin an der Hofreite sei Robert S. mit einem grünen Ford Fiesta erschienen. Beim Notar-Termin nur sechs Tage später habe er einen Maserati gefahren.

Völlig übers Ohr gehauen fühlt sich der letzte Zeuge des gestrigen Verhandlungstags. Der 45-Jährige hat die geerbte Hofreite 2015 für 30 000 Euro an Robert S. veräußert; das war die Summe, mit der die Immobilie noch belastet war. Vermittelt habe den Deal ein alter Jugendfreund, der Lehrer Olaf C. Mündlich vereinbart habe man darüber hinaus weitere 10 000 Euro und das Wohnrecht auf unbestimmte Zeit. An beide Abmachungen habe Robert S. sich später nicht gehalten. »Die Polizei hat mich rausgeholt«, berichtete der Mann, der sich mit der zeitlichen Einordnung der Geschehnisse schwer tat. Dass sein Gedächtnis durch den Konsum von Crack, Haschisch und Alkohol getrübt sein könnte, räumte er ein. »Das macht die Erinnerung nicht leichter.«

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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