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Julien Neubert ist seit 100 Tagen Bürgermeister von Lich. FOTO: US

"Ich fühle mich sehr unterstützt"

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Der Tag ist sonnig, die Fenster zum Chefzimmer im Rathaus stehen weit offen. Heraus schallt lautes Lachen. Dr. Julien Neubert, seit 100 Tagen Bürgermeister von Lich, ist ein fröhlicher Mensch. Seinen Optimismus wird er brauchen können. Kaum war er im Amt, stellte die Corona-Krise die Welt auf den Kopf. Auch in Lich hat sich viel geändert. Von seinem Start in turbulenten Zeiten erzählt der 33-jährige SPD-Mann im Interview.

Die Stadt ist gut aufgestellt und die Verwaltung ist es auch. Ein neuer Bürgermeister kann es ruhig angehen lassen: So lautete vor einem Jahr die vorherrschende Meinung. Ist es tatsächlich so gemütlich?

Ich habe hier im Haus sehr gute und sehr fleißige Kolleginnen und Kollegen mit einer sehr hohen intrinsischen Motivation, das merkt man an allen Ecken und Enden. Ich fühle mich sehr unterstützt in meiner Arbeit. Es stimmt: Ich habe eine gut aufgestellte Verwaltung übernommen, was keineswegs als Ruhekissen missverstanden werden sollte.

Aber die äußeren Rahmenbedingungen sind sicher nicht so, wie man sich das vielleicht für den Anfang gewünscht hätte.

Richtig. Wir haben die Langsdorfer Höhe. Das ist der eine Punkt. Es war klar, dass dieses Thema nach dem vergangenen Jahr Kraft erfordern wird. Es hat schon im vergangenen Jahr die Verwaltung extrem gefordert und es gab Kolleginnen und Kollegen, denen die Auseinandersetzung richtig zugesetzt hat. Und auch die Unsicherheit. Es gab ja immer mal Phasen, wo man nicht wusste: Wie geht das jetzt aus? In dieser Hinsicht hat sich die Lage beruhigt.

Und in anderer Hinsicht?

Die Verwaltung ist weiter stark gefordert durch viele Stellungnahmen für Aufsichtsbehörden und Gerichte. Es kommt immer mal wieder der Punkt, an dem ich mich frage: Worum geht’s hier eigentlich noch? Was bringen diese Beschwerden und Klagen? Die Bauverwaltung ist für vieles andere zuständig im Bereich der Stadtentwicklung. Das muss alles auf die lange Bank geschoben werden.

Wie ist der Sachstand an der Langsdorfer Höhe?

Die Arbeiten auf der Baustelle schreiten voran. Alle politischen Beschlüsse sind gefasst worden, auch der Städtebauliche Vertrag ist vom Parlament verabschiedet worden. Ich weiß, dass viele diesen Vertrag nicht als Gewinn für die Stadt sehen. Aber mir als Bürgermeister, der Verantwortung für diese Stadt trägt, ist mit so einem Vertrag wohler. Nicht zuletzt angesichts der fiskalischen Situation, die wir gerade jetzt haben.

Wegen der Corona-Krise. Wie gehen Sie damit um?

Helmut Schmidt hat mal gesagt: In der Krise zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Hier im Haus gibt es da gar keine Probleme. Alle ziehen mit. Als der Betrieb der Kindergärten eingestellt werden musste, habe ich am Samstag, dem 14. März, direkt von der Bürgermeister-Dienstversammlung aus darum gebeten, dass gleich um 13 Uhr im Rathaus der Verwaltungsstab zusammenkommt. Es waren alle da, keiner hat gemurrt, es war ein siebenstündiger, positiver Austausch. Wir haben bis abends hier gesessen, um zu verhindern, dass es ein Chaos gibt. Es hat dann auch alles gut funktioniert.

Ist das die Rückmeldung, die Sie bekommen?

Ich bin ja momentan nicht so viel unter Menschen wie sonst. Aber natürlich treffe ich beim Einkaufen auch Leute, gerade Eltern, und die sagen, dass es gut gelaufen ist und die Kommunikation gestimmt hat.

Die Corona-Krise betrifft ja nicht nur die Verwaltung. Sie wird auch finanzielle Auswirkungen haben. Wie ist die Lage?

In Abstimmung mit der Kasse beim Gemeindeverwaltungsverband habe ich mir einen Überblick verschafft über Stundungsanträge und die Anträge zur Herabsetzung der Gewerbesteuervorauszahlung. Da kommt wahnsinnig viel auf uns zu. Das bereitet einem schon Bauchschmerzen.

Wie wollen Sie damit umgehen?

Wir müssen jetzt natürlich schauen, wo wir sparen können. Aber auf der anderen Seite waren die Kommunen schon in den vergangenen Jahren einem gewissen fiskalischen Druck ausgesetzt. Es wurde ohnehin schon viel an Projekten geschoben. Jetzt wird das noch viel dramatischer. Ich hoffe, dass Bund und Land in der Lage sein werden, die Kommunen finanziell zu unterstützen.

Die kommunalen Spitzenverbände haben bereits einen Schutzschirm gefordert.

Wir brauchen ganz dringend Hilfe.

Die Sitzungsrunde vor Ostern ist ausgefallen, der politische Entscheidungsprozess stockt. Aber am 29. April tagt der Haupt- und Finanzausschuss. Was steht an?

Der Ältestenrat hat in einer Telefonkonferenz die Tagesordnung festgelegt. Es geht unter anderem um die Kindergartenbeiträge. Wir planen, sie vorerst nicht zu erheben. Schon im April sind sie nicht eingezogen worden. Wie wir letztlich abrechnen, wird später entschieden. Herr des Verfahrens ist das Stadtparlament. Und es geht um den Verkauf der städtischen Liegenschaften in der Löwengasse. Es gibt einen Interessenten, einen ausgewiesenen Fachwerk-Experten, der die Häuser in einem denkmalgerechten Zustand wieder herstellen wird. Noch vor Corona gab es ein Abstimmungsgespräch. Das Konzept hat absolut überzeugt. Ich bin froh, dass wir nach 40 Jahren Leerstand jemanden gefunden haben, der das übernimmt.

Gibt es Projekte, die Ihnen am Herzen liegen und die Sie anpacken wollten, die aber jetzt wegen Corona nicht so richtig an den Start kommen?

Einige meiner Wünsche bildet der Haushalt schon ab, zum Beispiel die Schaffung einer Stelle für einen Klimaschutzmanager. Es gab schon Abstimmungen mit dem Klimaschutzmanagement des Landkreises Gießen, wir sind gerade dabei, die Antragsunterlagen fertigzustellen. Wir bleiben da weiter dran, die Fördermittel sind ja auch nicht ewig abrufbar. Das läuft also.

Was ist mit der Bürgerbeteiligung?

Das Thema ist mir nach wie vor wichtig. Ich habe gleich im Januar mit dem Hessischen Städte- und Gemeindebund Kontakt aufgenommen. Es geht um Beratungsleistungen und um die Frage, wie man diesen Prozess moderieren lassen kann. Das kann man nicht allein machen, schon gar nicht angesichts der Geschichte, die hinter uns liegt.

Sie meinen den Streit um die Langsdorfer Höhe.

Ja. Wir brauchen externen Sachverstand. Die Stadt Kiel hat seit ungefähr 2014, 2015 einen sehr vorbildlichen Prozess durchlaufen und hat eine Richtlinie für die Bürgerbeteiligung entwickelt, die ich sehr gut finde. Es gibt da Kontakte. Aber momentan kann ich hier niemanden ins Haus holen, der seine Leistungen vorstellen könnte. Man will ja auch ein paar Leute dabei haben. Es muss dann Veranstaltungen geben und Workshops. Das ist momentan ja alles nicht möglich. Das finde ich sehr bedauerlich.

Liegt noch mehr auf Eis?

Sozialer Wohnungsbau ist mir wichtig. Mit dem alten Sportplatz an der Hattenröder Straße steht noch eine große Fläche zur Verfügung. Es gibt jemanden, der sich vorstellen könnte, dort kleine, barrierefreie, bezahlbare Wohneinheiten zu schaffen. Ich hatte mir ein ambitioniertes Ziel gesetzt: den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan im ersten Halbjahr. Ich weiß nicht, ob wir’s noch hinkriegen. Aber ich bin optimistisch, dass wir eine gute Lösung für diese Fläche finden, auch in Abstimmung mit dem Verein für Garten- und Landschaftspflege, der dort sein Vereinsheim hat.

Momentan liegt vieles brach. Die Geschäfte in der Innenstadt konnten gerade wieder öffnen. Aber wie es mit der Gastronomie, dem Traumstern und der Kulturgenossenschaft oder dem Waldschwimmbad weitergeht, ist momentan noch nicht absehbar. Wie sollen die denn diese Krise überstehen?

Ich bin kein Hellseher. Das hängt nicht zuletzt von der Frage ab, wie lange die Beschränkungen noch andauern und wie man versucht, aus dem Lockdown wieder rauszukommen. Aber ich weiß, dass es Institutionen gibt, das Traumstern zum Beispiel, für die das sehr hart wird. Die Stadt kann in der jetzigen Situation nichts versprechen. Aber natürlich müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir helfen können.

Als Bürgermeister haben Sie verschiedene Aufgaben. Sie sind Chef der Verwaltung. Sie sollen politische Impulse setzen. Und Sie sind Repräsentant der Stadt...

... und Seelsorger...

Ist doch schön, wenn die Leute Vertrauen zu Ihnen haben. Aber zurück zur Frage: Welche der genannten Funktionen liegt Ihnen?

Ich bin kreativ, ich schaue, was um mich herum passiert und ich bin auf schnelle Lösungen bedacht. Also, politischer Impulsgeber passt. Verwaltungschef ist für mich eine neue Aufgabe, bis zum 15. Januar war ich Angestellter. Und die Verwaltungsstruktur und auch die Verwaltungskultur hier unterscheiden sich von dem, was ich aus der Kreisverwaltung und der Universitätsverwaltung in Konstanz kenne.

Fühlen Sie sich denn in der Chefrolle wohl?

Ja. Mit der Zeit wird man auch sicherer. Und ich kann mich auf eine sehr, sehr gute Verwaltung stützen.

Und das Repräsentieren?

Das macht Spaß. Ich bin ein geselliger Mensch. Als Bürgermeister geht man ja auch zu vielen Geburtstagen oder Ehejubiläen.

Hatten Sie dazu überhaupt schon Gelegenheit?

Ja, hatte ich. Das mache ich sehr gerne. Man unterhält sich und erfährt dabei unglaublich viel. Auch Jahreshauptversammlungen habe ich besucht, das war ebenfalls interessant. Eine besondere Situation war die Fassenacht. Ich bin kein Faschingsmensch. Ich habe mir also gedacht: Das wird knackig, mal gucken, wie du das schaffst. Letztlich habe ich viel gelacht, das waren durch die Bank weg schöne Veranstaltungen. Beim Männerballett in Muschenheim, den Elefantenfüßen, habe ich mich sogar zum Stage Diving hinreißen lassen. Ich habe mich von oben von der Bühne in die Menge geschmissen. Und ich wurde nicht fallen gelassen.

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