1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen

»Ich brauche ein bisschen Hilfe«

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ursula Sommerlad

Kommentare

Wenn sie Hilfe beim Papierkrieg mit Ämtern brauchen, Unterstützung beim Deutschlernen oder bei den Hausaufgaben, dann kommen Geflüchtete und ihre Kinder in den LernRaum nach Steinbach. Aber auch die ehrenamtlichen Helfer würden sich über Beistand freuen.

Vor der Halle spielen drei Jungs Fußball. Drinnen, im Foyer, wuseln Mädchen und Jungen durcheinander. Einige malen, andere spielen Karten oder türmen Bauklötze aufeinander. »Wir hatten nicht erwartet, dass so viele Kinder kommen würden«, sagt Doris Graf-Lutzmann. Die Sozialarbeiterin ist beim Diakonischen Werk für die Koordination der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit zuständig. Vor mehr als vier Monaten war sie dabei, als die Diakonie und die ZAUG gGmbH den ersten Integrations- und Kompetenz-Treffpunkt im Landkreis Gießen eröffneten: den LernRaum in der Fernwaldhalle in Steinbach. Mittlerweile gibt es vier Anlaufpunkte dieser Art: ein großes Bewerber-Café in Gießen und ein kleineres in Hungen sowie die LernRäume in Steinbach und Hausen. »Weitere Angebote sind im Entstehen«, sagt Graf-Lutzmann.

Dass Bedarf an solchen Anlaufpunkten besteht, zeige die Resonanz. Um die 40 Besucher, vorwiegend Frauen und Kinder, sind im Steinbacher LernRaum, der immer mittwochnachmittags stattfindet, keine Seltenheit. »Die Ehrenamtlichen hier machen das toll«, sagt Graf-Lutzmann. Und sie haben alle Hände voll zu tun. Kaffee kochen, Kuchen ausgeben, die Kinder beschäftigen, bei den Hausaufgaben oder beim Schriftwechsel mit verschiedenen Ämtern helfen, Deutschunterricht geben.

Beim Unterrichten wechseln sich an diesem Nachmittag Waltraud Horch und Martina Espanion ab. Sechs Frauen sitzen vor ihnen und üben Konjugationen. Ich brauche, du brauchst... Eine von ihnen ist Zainab aus Afghanistan. Sie besucht einen Deutschkurs in Gießen. »Aber ich brauche ein bisschen Hilfe«, sagt sie lächelnd. Die kann auch ihre Tochter Maryam gebrauchen. Sie geht in die 10. Klasse und spricht fließend Deutsch. Aber die Powerpoint-Präsentation, die sie für die Schule vorbereiten soll, bereitet ihr Schwierigkeiten. Als Waltraud Horch mit dem Deutschunterricht bei den Frauen fertig ist, setzt sie sich zu ihr. »Es bleibt immer zu wenig Zeit«, bedauert sie.

Die frühere Pflegedirektorin hat sich von Anfang an in der Steinbacher Flüchtlingshilfe engagiert. Früher sei die Arbeit einfacher gewesen, erzählt sie. Da lebten die Neuankömmlinge in Gemeinschaftsunterkünften. »Man hatte sie immer alle zusammen.« Doch die Unterkünfte wurden aufgelöst, viele Bewohner sind fortgezogen, dorthin, wo sie eine Wohnung und teilweise auch eine Arbeitsstelle gefunden haben. Neue Menschen kamen nach Steinbach.

»Die kannten wir gar nicht«, berichtet Horch. Als letzten Herbst der LernRaum gegründet wurde, seien die Ehrenamtlichen durch den Ort gezogen und hätten Einladungen verteilt. Leider reichten die wöchentlichen Treffen nicht aus, um sich mit der persönlichen Situation aller Besucher vertraut zu machen. »Es wäre schön, wenn noch ein paar mehr Helfer da wären«, findet auch Uschi Röder, die bereits 2015 in die Flüchtlingshilfe eingestiegen ist.

»Die übergroße Engagement von 2015 und 2016, das ist nicht mehr da«, weiß Doris Graf-Lutzmann. Aber die Helfer, die jetzt dabei sind, hätten Kompetenzen entwickelt. »Bisher habe ich keinen Mangel erlebt«, sagt die Sozialarbeiterin. »Auch wenn mal jemand nicht da ist, läuft der Laden.« »Wir kommen klar«, bekräftigt Toby Scheer, der sich an diesem Nachmittag um die Kuchentheke kümmert und mit den Kindern plaudert. Allerdings: »In der Urlaubszeit oder bei Krankheit könnte es eng werden.«

Mit der Sachausstattung sind die Steinbacher Helfer zufrieden. Laptop, Drucker, Internetanschluss, Spiel- und Lernmaterial – alles da.

Doch die räumliche Situation könnte besser sein. An diesem Nachmittag zum Beispiel ist der Sitzungsraum neben dem Foyer, in dem normalerweise der Deutschunterricht stattfindet, belegt, übrigens nicht zum ersten Mal. Die Frauen müssen ihre Grammatikübungen mitten im Gewusel machen. Martina Espanion ruft die tobenden Kinder mehrfach zur Ruhe. »Wie soll man sich da konzentrieren!«. Anstrengend sei die Arbeit, sagt sie. Aber sie mache auch Freude. Ihre Mitstreiter sehen das ähnlich. »Wenn wir uns um sie kümmern, machen sie uns keinen Kummer«, begründet Toby Scheer seinen Einsatz für die Geflüchteten. Dann verabschiedet er sich. Irgendwo ist noch ein Kühlschrank für eine der Familien abzuholen.

Auch im Foyer der Fernwaldhalle herrscht jetzt Aufbruchstimmung. Die Frauen, die aus Afghanistan, dem Iran, Irak und Syrien kommen, sammeln ihre Kinder und das mitgebrachte Gebäck ein. In einer Woche werden viele von ihnen wiederkommen. Auch Rivan und Amir, zwei Kumpels im Grundschulalter, wollen wieder dabei sein. »Weil man hier ins Internet kann«, sagt Amir. Und Rivan ergänzt: »Weil man hier spielen, lesen und lernen kann.«

Auch interessant

Kommentare