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»Ich bin und bleibe politisch aktiv«

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Von: Rüdiger Soßdorf

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so_pakt_streit-B_130058_4c_1 © Red

In Thomas Brunners Büro steht eine blaue Datenschutz-Tonne. Der Wettenberger Bürgermeister hat angefangen, hinter sich aufzuräumen. Am Donnerstag wird Brunner aus dem Amt verabschiedet, und der Nachfolger Marc Nees vereidigt. Ratschläge erteilt ihm Brunner nicht.

Tabula rasa, Herr Brunner?

Nein. Aber ich kann nicht einfach alles in die Tonne werfen. Es hilft nichts: Ich muss alles nochmal in die Hand nehmen.

Dank Corona hatten Sie doch mehr Zeit. Auch zum Aufräumen.

Könnte man meinen. Gerade am Wochenende sind die geselligen Veranstaltungen, die Jubiläen, Feste und Feiern arg ausgedünnt. Stimmt schon, das ist weniger geworden. Aber zugleich sorgt das für Informationslücken.

Wie meinen Sie das?

Ein schnelles Gespräch geht nun nicht mehr »by the way«, irgendwo am Rande. Man muss sich aktiver um Dialog kümmern. Da müssen wir weiter neue Formate für den Austausch finden, so lange es klassisch »face to face« nicht geht. Das gilt übrigens auch für die Amtseinführung meines Nachfolgers sowie meine Verabschiedung....

Inwiefern?

Locker-flockig geht es leider nicht. Auch wenn ich es schön fände, wenn wir es in einem angemessenen Rahmen machen könnten; mit kulturellem Programm, mit Gesangverein und Blasmusik. Aber so wird es eine 2G-plus-Veranstaltung mit Anmeldung.

Und dann machen Sie erst einmal ein paar Tage Urlaub?

Meine Frau hat mich auch schon gefragt, ob der 1. März nicht auch ein schönes Datum wäre für den Wechsel zum ZMW (lacht). Ich werden beim Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke nahtlos am 1. Februar als Geschäftsführer anfangen. Wieso auch nicht? Ansonsten hätte ich ja auch am 1. Februar als Bürgermeister weitergemacht. Langeweile werde ich nicht haben.

Aber Sie wollten doch gehen, oder?

Ich habe immer gesagt: Bürgermeister ist einer der schönsten Jobs auf der Welt. Aber man hat mich gefragt, und dann war da der Reiz des Neuen. Ich bin noch nicht reif für den Ruhestand. In der Wettenberger Politik hat man großes Verständnis für meine Entscheidung gehabt.

Ihr geplanter Wechsel hat für kleinere Turbulenzen gesogt mit juristischer Prüfung und Konkurrentenklage. Ausgestanden?

Ja. Ich bin froh, dass die Entscheidung einer Bestenauslese durch die Verbandsversammlung des Zweckverbands von zwei Gerichten zweifelsfrei bestätigt wurde. Und ich freue mich auf die Arbeit.

Früher machten Bürgermeister den Job bis zur Rente, wenn sie nicht abgewählt oder Landrat wurden. Das hat sich mit ihrer Generation geändert, oder?

Die meisten Kollegen treten mit der festen Vorstellung an, über zwei Amtszeiten zu gehen. Nach der ersten ist man warmgelaufen und es ist noch genug übrig, was zu tun ist.

Aber auch für eine dritte Amtszeit reicht die Arbeit doch. Oder sind bei Ihnen keine Baustellen mehr offen?

Doch, schon. Aber der Wechsel zum ZMW war für mich die letzte Möglichkeit einer beruflichen Neuorientierung für die verbleibenden Berufsjahre. Arbeit wird auch für meinen Nachfolger noch da sein....

Sie sind jetzt 58...

... und seit 28 Jahren in Wettenberg. Es kommt mir bei weitem noch nicht so lange vor, wie es ist. Ich bin immer gerne in die Verwaltung gegangen und habe Freude an der Arbeit gehabt. Und es gibt genug Dinge, auf die ich in Wettenberg positiv zurückschauen kann.

Was denn konkret?

Das fängt an mit dem Vertrauen, das mir mein Vorgänger Gerhard Schmidt und die Gemeindegremien entgegengebracht haben. Ich war gerade 30, als ich Hauptamtsleiter wurde und später Geschäftsführer des Gewerbe- und Umweltparks. Schmidt hat mir damals sehr viele Freiheiten gelassen. Und als er ging, war klar: Ich werfe meinen Hut in den Ring. Ich hätte nur ungern unter einem neuen Bürgermeister oder einer Bürgermeisterin weitergearbeitet. Klar war mir aber auch, dass man sich von den Erwartungshaltungen der Wettenberger »freischwimmen« muss.

Sie galten anders als Gerhard Schmidt nicht als Volkstribun.

Es galt all jene zu überzeugen, die dachten, Gerhard Schmidts Fußstapfen seien sehr groß.

Ist Ihnen das gelungen?

Ich denke: Ja.

Was war denn ihre schwierigste Aufgaben in den vergangen zwölf Jahren?

Da fallen mir gleich mehrere Projekte ein: Die Kinderbetreuung, der Bau des Pflegeheims und der neue Edeka in Krofdorf-Gleiberg. Das war alles schwierig.

Inwiefern?

Beim Supermarkt war klar: Als die alte Lösung vom Tisch war mit der Idee von zwei Märkten im Dorf, da war das Problem aber noch nicht gelöst. Also musste größer gedacht werden. Und wenn man von etwas überzeugt ist, dann setzt man es auch durch. Dabei gab es viel Überzeugungsarbeit zu leisten - und es bedurfte guter Partner. Ich bin froh, dass der neue Einkaufsmarkt noch zum Ende meine Amtszeit eröffnet wurde. Der Bau eines neuen großen Marktes innerorts ist ein Projekt, das über Wettenberg hinaus strahlt.

Und was ist mit der Kinderbetreuung?

Als ich ins Amt kam, da hätte ich nicht gedacht, dass es eine Riesenbaustelle wird. Wir waren in Wettenberg vor zwölf Jahren als familienfreundliche Kommune auf der Höhe der Zeit. Aber die Gesellschaft hat sich schnell verändert: Wir haben - und das nicht nur in Wettenberg - vielfach Forderungen und Ansprüche der Eltern unterschätzt. Also wurden und werden die Kindertagesstätten erweitert: In der Krofdorfer Hauptstraße mit einem Holzbau, der Neubau des Wiesenhauses in Wißmar, die Kooperation mit der Kirche, die Komplettsanierung plus der Neubau von zwei Krippengruppen in Launsbach. Und jetzt stehen die beschlossenen Neubauten des Finkenwegs in Krofdorf und des Pfiffikus in Wißmar an. Projekte für meinen Nachfolger.

Verabschieden Sie sich jetzt aus der Politik?

Nein. Ich bin und bleibe politisch aktiv: In der SPD-Fraktion im Kreistag und in der Regionalversammlung.

In der Regionalversammlung haben Sie einen Ausschussvorsitz übernommen. Kritiker befürchten bereits, damit könnte der Weg für neue Baugebiete und mehr Versiegelung in den Wettenberg-Dörfern schneller geebnet werden.

Nein, nein. Zuerst einmal ist klar: Die Regionalversammlung macht nur eine Angebotsplanung. Die konkrete Entwicklungsplanung - also etwas daraus zu machen oder eben auch nicht - liegt bei der Kommune. Und ich sage auch klar: Wettenberg wird in der Regionalversammlung nicht besonders bedient. Die Gemeinde war in den vergangenen Jahren gut beraten, die Bevölkerungszahl stabil zu halten und nicht auf ungebremstes Wachstum zu setzen.

Aber es gab doch Neubaugebiete.

Schon. Aber immer nur eines je Dorf, und immer schön nacheinander. Um eben den Flächenverbrauch möglichst gering zu halten. Aber man muss auch sehen: Wir haben deutlich mehr Sterbefälle als Geburten - und deshalb braucht die Gemeinde Zuzug. Und so ganz ohne Neubauflächen geht es nicht. Sonst schrumpft und überaltert ein Dorf.

Auch mit den Gewerbeflächen geht es derzeit nur langsam voran. Warum?

Das ist schwierig, weil wir kaum noch Flächen haben, die unseren Ansprüchen genügen. Hinter dem Dorf geht nicht, und vor dem Dorf nur Richtung Gießen. Das wird nahe Launsbach vorbereitet.

Auch da setzen Kritiker an, die den Masterplan für die Gemeinde für unzureichend halten.

Der Masterplan ist nicht tot. Er muss jetzt nur richtig aufgesetzt werden. Gemeinsam mit den Bürgern sind die Leitlinien und Leitplanken zu entwickeln. Das ist bisher noch nicht so intensiv geschehen.

Ist das ein Projekt, das irgendwie liegengeblieben ist?

Nein, nicht wirklich. Der Prozess läuft ja. Aber es gibt Dinge, bei denen ich gerne weitergekommen wäre. Wie etwa das Gewerbegebiet nahe Launsbach oder der Hochwasserschutz in Wißmar. Da ist noch kein einziges Erdbecken gebaut. Ich bin da unzufrieden mit den Abläufen. Aber vom Grundsatz her ist das auf einem guten Weg. Und die Modernisierung der Verwaltung…

…für die sie einen Erweiterungsbau planen.

Das muss jetzt sein. Da sage ich meinem Nachfolger: Pass auf, dass sich das nicht nochmal verzögert. Auch wenn es nicht in Wißmar ist. (lacht)

Haben Sie noch mehr Ratschläge für Marc Nees parat?

Ich habe es an meinem Vorgänger Gerhard Schmidt geschätzt, dass er sich nie mit einer schlauen Idee bei mir aufgedrängt hat. Und auch ich habe Marc Nees keine schlauen Vorschläge zu machen. Aber wenn man mich fragt, dann werde ich Antworten geben.

Hinterlassen Sie ein geordnetes Feld?

Aber sicher. Wir haben Rücklagen bilden können, die uns zwei Jahre gut durch Corona getragen haben, ohne dass wir auf der Bremse stehen mussten. Die Finanzen der Gemeinde waren nie wirklich schlecht. Und sind noch ein Stück besser geworden. Es ist ein Luxus für einen Bürgermeister, wenn er Projekte umsetzen kann und sich keine Sorgen um die Finanzierung machen muss. Wissen Sie: Es braucht bei der Arbeit neben dem Tagesgeschäft die langen Linien. Das muss aufeinander abgestimmt werden - auch wenn das schwieriger geworden ist.

Für Autofan Thomas Brunner waren die »Golden Oldies« stets Arbeit und Vergnügen gleichermaßen. Unten links mit seinen beiden Amtsvorgängern Gerhard Schmidt und Günter Feußner. Unten rechts beim Spatenstich fürs Wiesenhaus in Wißmar, der ersten komplett neu gebauten Kita in Wettenberg. FOTOS: ARCHIV

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so_pakt_streit-B_121528_4c_1 © Ruediger Sossdorf
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so_pakt_streit-B_121557_4c_1 © Ruediger Sossdorf

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