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»Ich bin ein bodenständiger Typ«

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Von: Jonas Wissner

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CDU-Bürgermeisterkandidat Thomas Heidlas in seinem Garten in Treis. Er will unter anderem die Energiewende vorantreiben und könnte sich auch den Bau weiterer Windräder im Staufenberger Stadtwald vorstellen. FOTO: JWR © Jonas Wissner

Er bringt als Bauamtsleiter in Mücke viel Facherfahrung mit, ist als Kommunalpolitiker aber ein Newcomer: Thomas Heidlas tritt 2023 als CDU-Kandidat für das Bürgermeisteramt in Staufenberg an. Im Interview nennt er Projekte, die er vorantreiben möchte - und erklärt, was er anders als Amtsinhaber Peter Gefeller machen will.

Herr Heidlas, Ihre Kandidatur hat viele überrascht. Wie kam es dazu?

Ich bin ja noch nicht lange kommunalpolitisch tätig, bin zur Kommunalwahl 2021 in Staufenberg eingestiegen. Als Stadtrat bin ich nun im Magistrat und habe in kürzester Zeit viele Themen und Problembereiche mitbekommen, die meines Erachtens dringend einer Lösung bedürfen. Und wenn Sie in die Kommunalpolitik einsteigen und zeigen, dass Sie fachlich viel Erfahrung mitbringen - wie ich als Bauamtsleiter in Mücke -, ist es ja naheliegend, dass man angesprochen und gefragt wird, ob man sich das Bürgermeisteramt in seiner Heimatkommune vorstellen kann. Dann überlegt man sich das natürlich.

Wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Das waren einige Wochen. So was entscheidet man nicht in zwei Tagen, da muss man jedem ein bisschen Bedenkzeit zugestehen. Die hatte ich und bin dankbar dafür.

Sie machen seit gut einem Jahr Kommunalpolitik. Wie groß ist der Nachteil, dass Sie den Staufenbergern vielleicht noch nicht wirklich bekannt sind?

Den Nachteil, dass ich noch nicht so bekannt bin, kann ich sicherlich aufholen - wir haben ja noch Zeit. Insofern habe ich noch viel Gelegenheit, mich über Hausbesuche und Besuche bei Veranstaltungen bekannt zu machen, natürlich auch mit Instrumenten wie einer Homepage, die gerade im Aufbau ist, und sozialen Medien. Ich halte es durchaus auch für einen Vorteil, als Kandidat, der noch nicht lange kommunalpolitisch tätig ist, anzutreten. Denn ich denke, ich kann viele Themen unbefangener diskutieren als jemand, der schon Jahrzehnte darin involviert ist.

In der Pressemitteilung zu Ihrer Nominierung hieß es, dass es »eine offene Kommunikationskultur und transparente Entscheidungen« brauche. Was soll das praktisch bedeuten?

Wenn ich mir die Entscheidungen während meiner Zeit als Stadtrat anschaue, dann bedauere ich es, dass Öffentlichkeit und Bürger Ergebnisse mitbekommen, aber letztlich nicht, wie es dazu gekommen ist - welche Umstände zu Beschlüssen geführt haben, welchen Zwängen die Stadt unterworfen ist. Das wird meines Erachtens nicht ausreichend kommuniziert. Da wünsche ich mir eine offenere Kommunikationskultur, dass man die Bürger und andere Akteure mehr in Entscheidungen einbezieht und diese auch transparent öffentlich macht, um die Akzeptanz zu erhöhen. Wir müssen die Menschen mitnehmen - und nicht, wie bisher, Entscheidungen im stillen Kämmerlein oder in der Stadtverordnetenversammlung treffen.

Das klingt nicht sehr konkret. Was schwebt Ihnen vor - mehr Bürgerversammlungen, mehr Gewicht der Ortsbeiräte?

Wenn ich mir beispielsweise die Diskussion anschaue, was nach dem Neubau der gemeinsamen Grundschule mit den bisherigen Grundschulstandorten passieren soll: Ich würde mir wünschen, dass die Ideen nicht nur im politischen Bereich geboren werden, sondern dass in den Stadtteilen auch Vereine und Bürger befragt werden. Wir als Kommunalpolitiker haben ja nicht den alleinigen Anspruch, dass wir die letzte Lösung präsentieren. Man sollte da auch auf Erfahrungen und Kompetenzen der Bürgerinnen und Bürger zurückgreifen. Denn letztlich müssen wir das, was wir dort schaffen, auch ihnen gegenüber verantworten.

Nun treten Sie gegen einen Amtsinhaber an, der deutlich mehr als andere Bürgermeister kommuniziert. Herr Gefeller schreibt seine wöchentliche Kolumne, ist nach außen sehr präsent. Denken Sie, dass Sie beim Punkt Transparenz wirklich punkten können?

Naja, die Kolumne beleuchtet Themen ja immer aus seiner Sicht. Das bedauere ich auch ein bisschen, muss es aber so hinnehmen. Nur Pressearbeit und Kolumnen sind ja nicht das letzte Wort bei einer bürgernahen Verwaltung. Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass wir Bürgersprechstunden des Bürgermeisters im Rathaus einrichten, auch ohne Anmeldung. Denn ich denke, dass es viele Bürgern gibt, die ihre Anliegen nicht in großer Runde vorbringen wollen, sondern im persönlichen Gespräch. Ich habe in Mücke die Erfahrung gemacht, dass solche Bürgersprechstunden sehr gut angenommen werden.

Sie sind in Treis aufgewachsen. Es besteht der Eindruck, dass die Treiser sich gegenüber den drei anderen, eng verwobenen Stadtteilen teils abgehängt fühlen. Wie sehen Sie das?

Wir haben in den vergangenen Jahren erfahren müssen, dass Gaststätten hier schließen. Die wurden als Veranstaltungsorte von Vereinen regelmäßig genutzt. Das ist ein Punkt, der jetzt wegfällt und hier in Treis brennt - und zwar lichterloh. Nun geht es um eine Begegnungsstätte, nicht nur für Vereine. Das Problem der mangelnden Möglichkeiten, sich zu treffen, muss man dringend lösen. Natürlich ist es so, dass die Treiser öfter sagen: Wir werden abgehängt.

Ist das tatsächlich so?

Das ist mir zu einfach, ich sehe es differenzierter. Aber sicher müssen wir für Treis aufgrund der besonderen Problematik viel tun. Gleichzeitig müssen wir uns selbstverständlich um die anderen Stadtteile kümmern.

Woran denken Sie dabei?

Es geht etwa um die Grundschulstandorte und Radwege. Ich bin ein großer Verfechter von Radwegen, weil ich weiß, welches Potenzial darin steckt und welche Fördersummen des Landes momentan dahinter stehen. Wir brauchen unbestreitbar eine Mobilitätswende. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir eine direkte Radwegverbindung zwischen Daubringen und Gießen schaffen - als komfortable und sichere Verbindung in den Einkaufs- und Arbeitsort Gießen. Man muss bei solchen Projekten dahinter stehen und viel Überzeugungsarbeit leisten. Wenn ich Alltagsmobilität fördern will, brauche ich direkte, schnelle Verbindungen ohne Umwege und touristische Schlenker.

Bleiben wir bei Mobilität und wechseln auf die Schiene: Die Reaktivierung der Lumdatalbahn ist schon länger im Gespräch, aber der Prozess stockt. Herr Gefeller ist kein Verfechter davon, und auch die CDU im Lumdatal tut sich damit eher schwer. Wie ist Ihre Haltung?

Man kann über das Thema diskutieren, aber es müssen tragfähige Konzepte da sein, aus denen hervorgeht, dass ein Betrieb dauerhaft erfolgreich stattfinden kann. Dafür muss auch ein Finanzierungskonzept vorhanden sein. Ich bin da ergebnisoffen. Aber aus einer nostalgischen Sicht kann man ein solches Projekt nicht langfristig auf stabile Füße stellen.

Mit Blick auf den Klimaschutz braucht es neben der Mobilitäts- auch eine Energiewende. Welche Möglichkeiten sehen Sie da seitens der Stadt?

Ich denke, auf dem Stromsektor können wir noch viel tun. Drei Windräder werden nun im Stadtwald gebaut - positiverweise mit einer Energiegenossenschaft, sodass wir auch die Bürger beteiligen können. Aber da müssen wir noch weiter kommen.

Sie könnten sich also vorstellen, den Bau weiterer Windräder im Stadtwald voranzutreiben?

Ja, wenn die Bürgerschaft damit einverstanden ist. Im Augenblick wird ja oft der Begriff »Zeitenwende« gebraucht. Jeder muss verstehen, dass Klima-, Energie- und Ukrainekrise Auswirkungen auf alle haben. Da müssen wir versuchen, neu zu denken. Wir haben auch als Stadt Vorbildcharakter, müssen sehen, dass wir unsere Gebäude energetisch sanieren. Und wir sollten, soweit möglich, Fotovoltaikanlagen auf städtischen Gebäuden errichten. Wichtig ist auch, die Menschen hinsichtlich Beratungen zu Energieeinsparungen zu unterstützen. Ich bin ein Freund von regenerativen Energien. Ich habe drei Kinder - und möchte, dass sie in einer lebenswerten Zukunft leben.

Sie haben viel Facherfahrung. Aber zum Bürgermeisterjob gehört auch, eine Verwaltung zu führen und nach außen zu vertreten. Ist das Ihr Ding?

Ich habe, inklusive Bauhof, 25 Kolleginnen und Kollegen, für die ich in der Mücker Verwaltung verantwortlich bin. Das Thema Personalführung und -entwicklung ist mir durchaus bekannt. Und es gehört als Bauamtsleiter dazu, dass man viele Anliegerversammlungen hat, da vertreten Sie ja auch die Gemeinde.

Wenn Sie gewählt würden, hätten Sie es als CDU-Mann mit eine rot-grün-gelben Koalition zu tun. Inwiefern würde das den Job schwieriger machen?

Natürlich ist es dann Aufgabe des Bürgermeisters, sich Mehrheiten zu suchen. Das ist sicherlich schwieriger, als wenn ich mich mit komfortablen Mehrheiten bewege. Es kann aber sehr gut funktionieren. Ich denke, dass Stadtverordnete sich dann auch einen Pragmatismus angewöhnen können: Auch wenn der Bürgermeister nicht unser Parteibuch hat, können wir ja nicht alles blockieren. Mit Transparenz und Argumenten kann man auch gegen eine politische Mehrheit erfolgreich sein.

Die Staufenberger dürfte auch interessieren, wie Sie als Mensch ticken. Was sind Sie für ein Typ?

Ich bin ein sehr bodenstän- diger, pragmatischer Typ. Ich neige dazu, wenn ich Probleme sehe, Lösungen zu suchen und im Einvernehmen mit Gremien und Bürgern durchzusetzen - das müssen Sie in der Kommunalverwaltung machen, sonst geht es keinen Meter voran. Ich bin sehr zuverlässig und würde mich als berechenbaren Menschen bezeichnen.

Nun starten Sie allmählich mit dem Wahlkampf, wollen sich auch bekannter machen. Wie schwierig ist es, das neben einem Fulltime-Job zu stemmen?

Natürlich darf die Arbeit unter der Kandidatur nicht leiden. Aber ich habe meinen Urlaub, den ich dafür verwenden werde, und ein großes Potenzial an Überstunden. Ich denke, dafür wäre das gut angelegt. Klar ist es eine Doppelbelastung. Aber es ist auch unheimlich interessant, wenn man in Staufenberg kandidiert und in der Kommunalpolitik ist - und an der Arbeit in der Verwaltung eine andere Seite kennenlernt. Wenn man es richtig anpackt, kann man davon profitieren.

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