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»Ich bin wie alle anderen Eltern« Familienoberhaupt

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Wenn es im Zimmer plötzlich müffelt, Sohn und Tochter nur noch einsilbige Antworten geben und man so gar nicht mehr versteht, was aus den süßen Kleinen geworden ist, dann hat man es mit »Pubertieren« zu tun. Jan Weiler kennt sich aus. Erst war es seine Tochter, nun verwandelt sich sein Sohn in ein »Pubertier«. Er ist mittendrin »Im Reich der Pubertiere« – hat so sein zweites Buch genannt, das er am Freitag in Friedberg vorstellen wird – glücklich, dass seine Zeit der Pickel vorbei ist.

Sind Sie froh, dass Ihre Pubertät vorbei ist?

Jan Weiler: Allerdings, ja. Das ist ja im Leben nicht unbedingt die große Zeit der Triumphe. Bei mir war es jedenfalls so. Was war für Sie damals am Schlimmsten an der Pubertät? Weiler: Dieses ständige Gefühl totaler Unzulänglichkeit. Man kann nichts so richtig, darf nichts wirklich entscheiden und hat Pickel. Wie ist es bei Ihren eigenen Kindern? Weiler: Wahrscheinlich ähnlich. Ich versuche, es bei ihnen abzufedern, indem ich ihnen klar zu machen versuche, dass man als Erwachsener auch nichts richtig kann, nicht alles entscheidet und auch Pickel hat. Erst war es das weibliche »Pubertier«, nun das männliche »Pubertier«. Wo liegen die Unterschiede? Weiler: Das weibliche ist erheblich kommunikativer, expressiver, leichter zu reizen. Das männliche brütet mehr oder weniger stumm vor dem Rechner. Wie gehen Sie damit um? Weiler: Man muss versuchen, tolerant zu bleiben. Wenn es mir mit dem Medienkonsum zu blöd wird, starte ich verzweifelte Appelle. Sinnlos, aber dramatisch von hoher Qualität. Ihre Familie ist Inspiration für Ihre literarischen Werke, Carla und Nick sind natürlich fiktiv, aber gibt es Szenen in Büchern und Kolumnen, in denen sich Ihre Kinder wiedererkennen? Weiler: Klar. Das kommt vor. Aber es stört sie nicht. Sie finden es eher interessant, was ich aus ihrem Universum für mich verwende. Und es ist immer so weit verfremdet, dass es nicht wirklich was mit ihnen zu tun hat. Finden Ihre Kinder Sie manchmal peinlich? Weiler: Aber hallo! Besonders, wenn ich tanze. Das ist das Schlimmste, was es für sie gibt. Erzählen Ihnen Freunde überhaupt noch Sachen oder haben sie »Angst«, über sich sofort in Ihrer Kolumne zu lesen? Weiler: Doch, doch, die erzählen mir sogar ganz bewusst Dinge, von denen sie hoffen, dass ich sie verwende. Sie sind sehr viel auf Lesereise unterwegs. Also viel Zeit ohne die »Pubertiere«. Wie schaffen Sie diesen Spagat mit dem Alltag daheim? Weiler: Das ist kompliziert. Man muss dauernd telefonieren, schlichten, vermitteln, organisieren. Aber die Kinder kennen es nicht anders. Als ich mit den Reisen angefangen habe, war mein Sohn drei Jahre alt. Für ihn ist es normal. Sie sind förmlich ein Experte für die Pubertät. Werden Sie von Lesern angesprochen oder um Rat gefragt? Weiler: Ständig, ja. Das ist mir immer ganz unangenehm, denn ich bin in Wahrheit natürlich kein Fachmann. Ich bin genauso inkonsequent und doof wie alle anderen Eltern auch. Die Dreharbeiten für den Film »Das Pubertier« sind gerade beendet. In den Hauptrollen Jan-Josef Liefers, Heike Makatsch und Detlev Buck. Sie haben mit Leander Haußmann am Drehbuch gearbeitet. Welchen Einfluss hatten Sie auf den Film? Weiler: Man darf den Einfluss nicht überschätzen. Am Ende ist es eine Umsetzung durch einen anderen Künstler, der seine eigene Vision vom Stoff hat. Das ist auch richtig so. Zum Glück unterscheiden sich Leander Haußmanns und meine Sicht nicht stark voneinander. Ansonsten konnte ich Wünsche äußern und die wurden auch ernst genommen. Das muss reichen. Der Film wird nächstes Jahr im Oktober in die Kinos kommen. Wird Ihre Familie den Film sehen (wollen) und ist sie sonst interessiert an »Papas Arbeit«? Weiler: Klar, wir gehen alle zusammen über den roten Teppich. Wir haben uns wirklich gut mit unseren Darstellern verstanden und es wird bestimmt ein großer Spaß. Und meine Kinder interessieren sich so mittel für Papas Arbeit. Sie ist ja auch nicht wirklich aufregend. Ich sitze rum und tippe und esse Schokolade. Wenn ich Bomben entschärfen würde, wäre mehr los. Sie haben viel gemacht: Klassische Journalistenausbildung, für namhafte Medien geschrieben, Radio gemacht, Bücher geschrieben. Was macht Ihnen am meisten Freude? Weiler: Das Vorlesen auf der Bühne ist eine wirklich wunderschöne Tätigkeit. Das Dumme ist nur, dass man dafür vorher was schreiben muss. Aber das macht auch Freude. Meistens. Um sich von den »Pubertieren« zu erholen, was empfehlen Sie gestressten Eltern? Weiler: Alleine in den Urlaub und absolut kein einziges Wort über die Kinder reden. In absehbarer Zeit wird das »Pubertieren« vorbei sein. Atmen Sie auf? Weiler: Nein, gar nicht. Wer weiß denn, ob das Leben danach wirklich schöner wird? Ich habe da meine Zweifel. Über was werden Sie dann schreiben? Weiler: Mal sehen. Wahrscheinlich über die Untiefen der Ehe nach den Kindern und die Renovierung von Studentenbuden in weit entfernten Mittelstädten. Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, besuchte die Deutsche Journalistenschule und arbeitete elf Jahre lang beim Süddeutsche Zeitung Magazin in unterschiedlichen Funktionen, die letzten fünf Jahre als Chefredakteur. Seit 2005 ist er freier Schriftsteller. Er verfasst hauptsächlich Romane, Kolumnen, Hörspiele und Drehbücher und tritt auch als Sprecher auf seinen CDs und als Vorleser deutschlandweit auf Tourneen in Erscheinung. Er ist verheiratet mit der Journalistin Sandra Limoncini, sie haben zwei Kinder, eine 17-jährige Tochter und einen 13-jährigen Sohn. Die Familie lebt in Bayern. Sein neuestes Werk, »Im Reich der Pubertiere«, wird er am Freitag, 2. Dezember, um 20 Uhr in der Aula der Augustinerschule in Friedberg bei »Friedberg lässt lesen« vorstellen. (pm)

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