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Mit erhobenen Händen werden im Mai 1943 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus dem brennenden Ghetto in Warschau getrieben. Begonnen hat die Vernichtung der polnischen Juden im Distrikt Lublin. Dort wird das Ghetto bereits im Frühjahr 1942 von SS-Leuten und Polizeieinheiten geräumt. Die Spur der Täter führt auch nach Nonnenroth. FOTOS: DPA/CFA/US ARMY PHOTOGRAPHERS

Massenmord

Zehntausende Tote und kein Urteil

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Zehntausende Juden aus dem polnischen Lublin wurden ab 1942 deportiert und ermordet. Die Spur der Täter führt auch nach Hessen, ins kleine Dorf Nonnenroth.

Ein Jahr lang, von 1947 bis 1948, hatte der Mann als Zeuge den Anklägern des Nürnberger Militärgerichtshofs Rede und Antwort gestanden. Jetzt sollte seine Kriegsgefangenschaft enden. Wohin er denn zur Entnazifizierung entlassen werden wolle, wurde er bei seiner letzten Anhörung am 12. Juli 1948 gefragt. Die Antwort lautete: Gießen. Zu seinem künftigen Wohnort äußerte sich der Zeuge ausweichend. Doch schon zwei Wochen später findet sich sein Name im Anmeldebuch der kleinen Gemeinde Nonnenroth. Darin ist der Einzug von "Müller, Johannes, verh., Schriftsteller" auf den 28. Juli 1948 datiert. Dass seine Ehefrau mit der damals 18-jährigen Tochter bereits im Februar aus Dresden zugezogen ist, wird ebenfalls vermerkt.

Nonnenroth sollte mehr als zwölf Jahre lang das Zuhause von Johannes Hermann Müller bleiben, bis zum 23. November 1960. An diesem Tag wird der damals 65-Jährige verhaftet. Der Vorwurf: Gewaltverbrechen im besetzten Polen. Denn Müller ist kein Schriftsteller. Er ist ehemaliger Polizeibeamter. Von 1941 bis 1943 war er Kommandeur der Sicherheitspolizei im Distrikt Lublin, dem ersten großen Schauplatz des Holocaust.

Vor dem Krieg galt Lublin als bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens. Etwa ein Drittel der etwa 120 000 Einwohner waren Juden. Nach dem Einmarsch der Deutschen am 18. September 1939 änderten sich ihre Lebensumstände dramatisch. Sie wurden drangsaliert, ausgeraubt und gezwungen, in den ärmlichsten Teil der Altstadt umzuziehen, der schließlich im März 1941 zum Ghetto erklärt wurde. Ein Jahr später, am 17. März 1942, wenige Wochen nach der Wannsee-Konferenz zur "Endlösung der Judenfrage", begannen die Deportationen. "Aus dem Generalgouvernement werden jetzt, bei Lublin beginnend, die Juden nach dem Osten abgeschoben. Es wird dabei ein ziemlich barbarisches und nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig", notiert Joseph Goebbels am 27. März 1942 in seinem Tagebuch. Bis Mitte April starben rund 26 000 Menschen in den Gaskammern des gerade erst fertiggestellten Vernichtungslager Belzec. Weitere Mordaktionen folgten. Das Kommando lag in den Händen von Odilo Globocnik, dem SS- und Polizeiführer in Lublin. Er konnte unter anderem auf Leute zurück greifen, die der Kommandeur der Sicherheitspolizei für diese Aktionen abstellte.

Nach dem Krieg wollte Müller von all dem nichts gewusst haben. Mit der "Judenangelegenheit" habe er nichts zu tun gehabt, versicherte er bei seinen Befragungen in Nürnberg. Und wie so oft in seinem Leben kam er damit zunächst durch. Die Biographie des späteren Pensionärs aus Nonnenroth lässt auf Schlauheit und ein gehöriges Maß an Anpassungsfähigkeit schließen. Der gebürtige Thüringer, Jahrgang 1895, hatte nach einem abgebrochenen Jura-Studium zunächst bei der Kriminalpolizei Karriere gemacht. 1933 war damit erst einmal Schluss, denn Müller war seit 1927 SPD-Mitglied. Anders als viele seiner Genossen kam er nicht in Haft, sondern mit einer Degradierung zum einfachen Sittenpolizisten davon. 1936 trat er der NSDAP bei, 1939 der SS. Mit Erfolg. Nach Stationen in Dresden und Warschau wurde Müller im Juli 1941 Kommandeur der Sicherheitspolizei in Lublin. In seinen Verantwortungsbereich fiel auch die Gestapo. Deren Chef hieß seit 1942 Walter Liska, zu seinen Untergebenen gehörten die Kommissare Lothar Hoffmann, Walter Heß und Gotthard Schubert. Von diesen vier Männern wird später noch die Rede sein.

Zuträger für US-Nachrichtendienst

Bis September 1943 blieb Müller in Lublin. Dann verlor er seinen Posten. Wegen "Juden- und Polenfreundlichkeit" sei er aus dem Dienst entlassen worden, erzählte er später den Ermittlern in Nürnberg und auch, dass er danach an schwerer Angina pectoris erkrankte. Wieder genesen, wurde er zur Wehrmacht eingezogen und 1945 von der US-Army gefangen genommen.

Ganz offensichtlich hat es der Ex-Polizist schnell verstanden, sich der Besatzungsmacht unentbehrlich zu machen - als Zuträger des Nachrichtendienstes CIC. Bei seinen Vernehmungen in Nürnberg berief er sich auf vielfältige Verbindungen und brüstete sich sogar damit, Fotos und Fingerabdrücke von Adolf Eichmann, dem Organisator der "Endlösung", zu besitzen. "Ich werde in der Lage sein, ihn zu ermitteln", behauptete er.

Seilschaften im Landeskriminalamt

Seine nachrichtendienstliche Tätigkeit hat Müller vermutlich das Leben gerettet. 1949 konnte er jedenfalls einem von der Republik Polen gestellten Auslieferungsantrag und damit dem Schicksal seines einstigen Kollegen Walter Liska entgehen. Der Gestapo-Mann wurde in Lublin zum Tode verurteilt und 1949 gehängt.

Der Auslieferungsantrag der Polen verwies bereits auf Müllers Verantwortung für die Vernichtung der Lubliner Juden. Der Kommandeur habe seine Leute für die Ghetto-Räumung zur Verfügung gestellt und sei bei einer dieser Aktionen selbst vor Ort gewesen zu sein. Die deutschen Behörden, die ihre Ermittlungen knapp zehn Jahre später aufnahmen, waren zudem davon überzeugt, dass Müller die Vernichtungslager Belzec und Sobibor, die in seinem Distrikt lagen, besichtigt hat und also genau wusste, was den Deportierten bevorstand: ein qualvoller Tod im Gas.

In Nachkriegsdeutschland wollte man davon zunächst nichts wissen. Im Gegenteil: 1952 wurde Müller in den Hessischen Polizeidienst übernommen. 1953 leitete er den Landeserkennungsdienst und stellvertretend das Landeskriminalamt. Im Jahr darauf, kurz nach seiner Beförderung zum Regierungs- und Kriminalrat, ließ sich der 59-Jährige aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzten.

Fortan lebte er zurückgezogen in einem kleinen Häuschen am Rande Nonnenroths. Er fuhr VW, ging zur Jagd und spielte in der Kirche die Orgel. Auch in die SPD trat er wieder ein. Einzige Auffälligkeit: Die Müllers besaßen einen Telefonanschluss. Mitte der 50-er Jahre eine ziemliche Seltenheit und möglicherweise ein Hinweis darauf, dass das Familienoberhaupt weiter nachrichtendienstlich tätig war, wie die Ermittler später vermuteten.

Den Kontakt zu seinen einstigen Mitarbeitern von der Gestapo in Lublin hat der freundliche Herr Müller offensichtlich nicht abreißen lassen. Die Männer sorgten gut für einander. 1954 wurde Lothar Hoffmann in die Hessische Polizei aufgenommen, 1956 folgte Gotthard Schubert, 1957 Walter Heß. Alle drei bekleideten leitende Positionen u.a. im LKA, ehe sie Ende 1960 fast zeitgleich mit ihrem ehemaligen Chef festgenommen wurden. Die Ermittlungen führte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden. Erst zwölf Jahre später, im März 1973, wurden Hoffmann, Schubert und Heß vom Landgericht Wiesbaden wegen Beihilfe zum Mord zu Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und sechs Jahren verurteilt.

Plötzlicher Tod in U-Haft

Zu einer Anklage gegen Johannes Müller kam es nie. Der Mann, der wegen seiner "Verdienste" um die Liquidierung des Lubliner Ghettos am 21. August 1942 von Heinrich Himmler persönlich zum Obersturmbannführer ernannt worden war, starb am 24. März 1961 in Untersuchungshaft. "Plötzlich und unerwartet", wie die Familie vier Tage später in ihrer Traueranzeige für den "lieben Mann", den "guten Vater, Schwiegervater und Großvater", wissen ließ.

Am 30. März wurde Müller in Nonnenroth beerdigt. Das Grab gibt es nicht mehr. Seine Opfer haben nie eines gehabt. Historiker schätzen, dass von den einst mehr als 40 000 jüdischen Einwohnern Lublins nur etwa 200 bis 300 den Holocaust überlebt haben.

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