Im November 2016 soll Daniel M. in Hungen bei einem Ausflug mit Freunden hinterrücks erschossen worden sein. (Symbolbild)
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Im November 2016 soll Daniel M. in Hungen bei einem Ausflug mit Freunden hinterrücks erschossen worden sein. (Symbolbild)

Prozess in Gießen

Mord-Details enthüllt – Wie eine Hofreite bei Hungen zum Tatort wurde

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Wer hat in einer Novembernacht vor bald fünf Jahren den damals 39 Jahre alten Daniel M. in einer Hofreite bei Hungen erschossen? Um diese Frage geht es seit diesem Frühjahr in einem Prozess vor der Fünften Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts. Die Angeklagten Olaf C. und Robert S. schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Um Licht ins Dunkel zu bringen, stellte das Gericht kürzlich sogar die Szenerie im Tatauto, einem dreitürigen Ford Fiesta, nach.

Hungen/Gießen – Der Tatort liegt mitten im Dorf und dennoch völlig abgeschieden. Hinter den hohen Toren einer Hofreite bei Hungen ist am 17. November 2016 Daniel M. aus Hanau bei einem Ausflug mit zwei Freunden hinterrücks erschossen worden. Er saß nichtsahnend auf dem Beifahrersitz im Auto seines Kumpels Robert S., als ihn die tödlichen Kugeln trafen. Dreieinhalb Jahre lang galt Daniel M. als vermisst, dann, am 15. Mai 2020, ging sein Schulfreund Olaf C., der dritte Teilnehmer des Ausflugs nach Hungen, zur Polizei.

Die Audiodatei seiner Vernehmung bei der Kripo in Hanau wurde gestern im externen Gerichtssaal am Stolzenmorgen abgespielt. Man hört, wie der Mathelehrer berichtet, dass Robert S. auf dem völlig uneinsehbaren Hof unvermittelt auf Daniel M. geschossen habe. Olaf C. sagt, dass er selbst von der Tat völlig überrascht wurde. »Ich habe damit nichts zu tun«, beteuerte er schon im Mai 2020, und bei dieser Version ist er bis heute geblieben.

Bei der Kripo in Hanau schilderte der 44-Jährige auch, warum ausgerechnet ein Dorf bei Hungen zum Tatort wurde. Robert S. habe die Hofreite erworben und eine Zeit lang dort gewohnt, aber sich immer beschwert: »Schlechte Internetverbindung und so weit draußen auf’m Kaff.« So sei die Idee entstanden, aus der Immobilie ein Invest zu machen.

Hungen im Kreis Gießen: Leiche nach Mord wohl zerstückelt

Nach den Schüssen auf Daniel M. wurde die Hofreite zum Versteck für den Leichnam. Olaf C. schilderte, wie er und Robert S. den Toten zur Mauer an der Straßenseite schleppten und ihn in einer Art Schuppen ablegten. Dort soll Robert S. den Körper des Toten später zerstückelt und beseitigt haben. Als Olaf C. darauf zu sprechen kommt, bricht ihm die Stimme. Ansonsten klingt er auf der gut ein Jahr alten Audiodatei, wie er auch bei seiner Einlassung vor Gericht gewirkt hat: redegewandt und sehr gefasst.

Diesen Eindruck hat im Dezember 2020 auch die Haftrichterin von ihm gewonnen. Die Juristin, die gestern als Zeugin aussagte, beschrieb den Angeklagten als »nicht übermäßig emotional« und zudem sehr freundlich gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft. »Seine Verteidigung hatte ihm geraten, keine Angaben zu machen, aber er wollte.« Er habe geäußert, dass sein Leben »am Arsch« sei. Als überraschend hat die Haftrichterin die Aussage zu den Handschuhen in Erinnerung, die Olaf C. bei der Reinigung des Tatorts trug. Erst habe er gesagt: »Das sind hundertprozentig meine.« Später habe er die Aussage dahingehend relativiert, dass es seine sein könnten.

Die Verteidiger der beiden Angeklagten meldeten sich mit mehreren Anträgen zu Wort. Rechtsanwalt Michael Baitinger verlangte ein Verwertungsverbot der Aussage der Haftrichterin, soweit sie seinen Mandanten Robert S. belasten, da Olaf C. sich weigere, sich den Fragen der Verteidigung von S. zu stellen.

Mordprozess in Gießen: Angeklagter erleidet Weinkrampf

C.s Rechtsanwältin Dr. Iris Passek ihrerseits verlangte unter anderem, die zeitlichen Abläufe des Tattages genau zu klären und dafür per gerichtlichem Beschluss auch Unterlagen von Daniel M.s Krankenkasse heranzuziehen. Eine Forderung, die sowohl von Staatsanwalt Thomas Hauburger als auch vom Nebenklage-Vertreter Alexander Hauer unterstützt wurde.

Passek kam aber auch auf das Tatfahrzeug zu sprechen, das am vorletzten Verhandlungstag eine Rolle spielte. Das Gericht hat den Fiesta am 16. Juli nicht nur in Augenschein genommen und dabei Beschädigungen am Dach festgestellt, die C. beschrieben hat. Es hat auch den Ablauf der Tat nachgestellt und verschiedene Sitzpositionen getestet.

Olaf C. war dabei in die Rolle des Täters geschlüpft und hatte vom Rücksitz aus demonstriert, wie Robert S. auf den vor ihm sitzenden Daniel geschossen haben soll. Im Anschluss habe C. in seinem Zellencontainer einen Weinkrampf erlitten, schilderte Passek. Ausgerechnet an diesem Verhandlungstag sei der psychiatrische Sachverständige Dr. Rolf Speier nicht zugegen gewesen, sodass ihr Mandant keinerlei Unterstützung erhalten habe. Die Anwältin beantragte, tatbezogene Asservate künftig nur noch in psychologischer Begleitung in Augenschein zu nehmen. Der Prozess wird fortgesetzt. (Ursula Sommerlad)

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