Menschen gedenken in Minsk eines Demonstranten, der bei den Protesten gegen Präsident Lukaschenko ums Leben gekommen ist. Derweil sind Tausende Demonstranten inhaftiert, zahlreiche Regime-Kritiker werden vermisst.	 	 FOTO: DPA
+
Menschen gedenken in Minsk eines Demonstranten, der bei den Protesten gegen Präsident Lukaschenko ums Leben gekommen ist. Derweil sind Tausende Demonstranten inhaftiert, zahlreiche Regime-Kritiker werden vermisst. FOTO: DPA

Belarus

Weißrusslandhilfe in Sorge: »Alptraum wäre ein Bürgerkrieg«

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
    schließen

Die Weißrusslandhilfe aus Villingen und Nonnenroth ist mit den Menschen vor Ort freundschaftlich verbunden. Derzeit verfolgt man mit Sorge die Gewalt gegen Demonstranten.

Hartmut Lemp sitzt an seinem Computer, liest die neuesten Emails von Freunden aus Belarus. Es sind Berichte, die selbst dem gestandenen Pfarrer Tränen in die Augen treiben: Beschreibungen von Folter in den Gefängnissen, die Sorge um verschwundene Angehörige. Zudem die Ungewissheit, wie sich die Lage weiter entwickelt, ob gar ein Bürgerkrieg ausbricht.

Rund um Hungen blicken derzeit viele Menschen mit Sorge Richtung Osten. Seit 28 Jahren engagiert sich die Weißrusslandhilfe aus Villingen und Nonnenroth für die Menschen in der ehemaligen Sowjetrepublik. Aus dem Hilfsprojekt, dass einst den Kindern aus Tschernobyl nach der Atomreaktorkatastrophe gewidmet war, sind über Jahrzehnte zahlreiche Freundschaften entstanden. Freunde, um die sich die Hungener nun sorgen.

Bereits vor Wahl von Lukaschenko aktiv

Die Weißrusslandhilfe war bereits aktiv, als es noch keinen Präsidenten Lukaschenko gab. Lemp erinnert sich, wie man bei einem der ersten Besuche vor Ort in einem Theaterbau willkommen geheißen wurde. Der Komplex gehörte zu einer Computerfabrik mit rund 3000 Arbeitsplätzen. Als die Sowjetunion zusammenbrach, hatten die Russen die Maschinen abgebaut und mitgenommen. »Die Blütezeit war noch zu erahnen, aber es war schon alles im Zerfall.«

Leute schwärmten von »Väterchen Sascha«

Zukunftssorgen machten sich damals breit. 1994 fanden freie Wahlen statt, bei denen Alexander Lukaschenko gewählt wurde. Während aus Sicht der Weißrussen andere ehemalige Sowjetstaaten im Chaos versanken, sorgte ›ihr Präsident‹ für Ordnung im Land. »Er ist nicht als boshafter Mensch, sondern mit Nationalstolz und Idealismus an die Macht gekommen«, sagt Lemp.

Er erinnert sich, wie ihm bei einem Besuch in einem Dorf von »Väterchen Sascha« vorgeschwärmt wurde. Es habe keine Arbeitslosigkeit gegeben: Wer keinen Job hatte, wurde beispielsweise in der Straßenpflege eingesetzt. »Das hat man dann immer für sehr gut gehalten.« Die Entwicklung weg vom fürsorglichen Patriarchen sei schleichend gewesen. »Ich und viele unserer Freunde sind sicher: Er glaubt noch immer, dass er das ›Väterchen‹ für sein Volk ist.«

Nationalstolz vereint

Mit »Freunden« meint Lemp Kritiker des Präsidenten. Namentlich möchten sie nicht genannt werden. Zwar sei es mittlerweile legitim, sich der Opposition anzuschließen und zu demonstrieren. Jedoch müssen Weißrussen, deren Namen in diesem Zusammenhang in den Medien auftauchen, Repressionen fürchten.

Lemp hat über die Jahre festgestellt: Die Weißrussen sind ein stolzes Volk. Der Nationalstolz sei das verbindende Element einer gespaltenen Nation. 70 Prozent sind russisch-orthodox, ein weiterer Großteil katholisch - wobei viele zudem gleichzeitig Atheisten sind. Der eine Teil blicke nach Moskau, der andere nach Westen. »Sie wollen großteils die westliche Freiheit und benötigen gleichzeitig die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Russland.«, skizziert Lemp die Gemengelage. Eine Lösung für könnte sein, dass sich Belarus nach beiden Seiten offen verhält: »Quasi die Schweiz des Ostens«, sagt Lemp.

Demonstranten ziehen Schuhe aus

Zum Nationalverständnis der Weißrussen gehöre eine große Begeisterung für Ordnung. Das zeige sich selbst bei den Protesten: »Bei den Demonstrationen etwa werden die Schuhe ausgezogen, bevor man sich auf eine Bank stellt«, erzählt Lemp.

Gerade in ländlichen Regionen habe Lukaschenko noch immer viel Zustimmung. »Er hat dafür gesorgt, dass die Rentner immer pünktlich ihr Geld bekommen.« Erst in den vergangenen Wochen würden viele den Präsidenten mit anderen Augen sehen. Lemp erzählt ein Beispiel von befreundeten Ärzten. Sie standen Lukaschenko zwar seit langem kritisch gegenüber, die Lage in ihrem Land aber empfanden sie im Vergleich zu Russland oder aber der Ukraine bedeutend besser, so sahen sie keinen Handlungsbedarf. Erst als die Bilder publik wurden, die zeigen, wie Kinder, Jugendliche und alte Menschen niedergeknüppelt werden, mit welchem Sadismus die Geheimpolizei Inhaftierte quält, haben auch sie ein Ende der Ära Lukaschenko gefordert.

Demonstrieren trotz Angst

Der Plan der Regierung, mit Gewalt die Proteste zum Erliegen zu bringen, geht nicht auf. Die Demonstrationen reißen nicht ab - und dies, obwohl 8000 Menschen in den Gefängnissen sitzen, fast 800 spurlos verschwunden sind. »Da ist die Angst doppelt so groß«, sagt Lemp. Mittlerweile würden vor allem Frauen protestierten gehen, da man die Hoffnung habe, dass auf sie nicht geschossen werde.

Viele der auch mit ihm befreundeten Weißrussen haben Angst vor einer Eskalation der Situation: »Der Alptraum wäre ein Bürgerkrieg«, sagt Lemp. »Dass Lukaschenko das Militär auf das eigene Volk schießen lässt.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare