Samstags und Sonntags fährt kein Bus nach Nonnenroth.
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Samstags und Sonntags fährt kein Bus nach Nonnenroth.

Pack besser Brote ein

Verkehrswende? In diesen Dörfern wartet man zwei Tage auf den nächsten Bus

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Vom Verzicht aufs eigene Auto können die Bewohner dieser Orte im Landkreis Gießen nur träumen: Am Wochenende kämen sie sonst nicht mehr weg.

"Lassen Sie ihr Auto stehen, steigen Sie für ihren Wochenendausflug auf die öffentlichen Verkehrsmittel um" - diesen Aufruf können die Einwohner mehrerer Dörfer im Ostkreis nur mit einem Kopfschütteln quittieren. De facto ist der öffentliche Nahverkehr samstags und sonntags nicht vorhanden.

Wer zum Beispiel am Wochenende mit dem Linienbus die rund fünf Kilometer von Hungen nach Nonnenroth fahren möchte, der bekommt auf der Verbindungssuche des RMV als erstes Ergebnis eine Verbindung um 20.36 Uhr am Sonntagabend angezeigt. Mit diesem geht es allerdings nach Villingen, immerhin nur noch zwei Kilometer Ackerland vom Zielort entfernt. Der Reisende sollte einen Schlafsack und Brote einpacken: Um 20.44 Uhr kommt er in Villingen an, wartet dann 8 Stunden und 6 Minuten auf den Anschlussbus um 4.50 Uhr am Montagmorgen. Dann ist er immerhin drei rasante Minuten später am Ziel.

Letzter Bus am Freitagabend

Der letzte Linienbus vor dem Wochenende fährt übrigens freitagabends um 18.40 Uhr nach Nonnenroth - ein paar Minuten vor der letzten Verbindung nach Rabertshausen. Auch dieses Dorf ist - ebenso wie Langd, Rodheim, Steinheim - am Wochenende vom Linienbusnetz abgeschnitten. Anruflinientaxi? Fehlanzeige.

Dieses Problem hat man auch im neuen Nahverkehrsplan des Zweckverbands Oberhessischer Versorgungsbetriebe (ZOV) erkannt. "An den Wochenenden werden die Vorgaben deutlich unterschritten", heißt es darin. Die Linie 60 sei "mangels Nachfrage" an den Wochenenden weggefallen, wodurch es für Rodheim, Steinheim, Langd und Rabertshausen keine Busverbindung an Wochenenden mehr gibt. Nonnenroth wird an Wochenenden und Feiertagen von der Linie 363 nicht angesteuert.

Obwohl das Problem bekannt ist, gibt es jedoch keine Lösungsansatz. Im Nahverkehrsplan heißt es lediglich, dass Maßnahmen für die Schaffung eines Wochendangebots geprüft werden sollen.

Andernorts wenigstens Anruflinientaxi

Ein wenig besser sieht die Lage im Süden Pohlheims aus: Zwischen Watzenborn-Steinberg und Dorf-Güll fährt am Sonntag zwar auch kein Linienbus, dafür gibt es zumindest ein Anruflinientaxi. "Dringend verbesserungswürdig sind die derzeit am Wochenende vorhandenen Fahrtmöglichkeiten von Dorf-Güll, Grüningen und Holzheim nach Watzenborn-Steinberg", hält der Nahverkehrsplan fest. Zuletzt wurde über den Ist-Zustand im Pohlheimer Sozialausschuss diskutiert. Eine Stadtverordnete erklärte dabei, dass die Busse seit 40 Jahren die gleichen Strecken fahren würden, als seien diese in Stein gemeißelt.

Pro Bahn fordert Austritt aus Zweckverband

Der Regionalverband Mittelhessen des Fahrtgastverbands Pro Bahn kritisiert, ebenso wie der VCD-Kreisverband, den neuen Nahverkehrsplan scharf und fordert dessen Ablehnung. Regionalvorsitzender Thomas Kraft schreibt in einer Pressemitteilung, dass Kommunen und Fachverbände zahlreiche Verbesserungsvorschläge eingereicht hätten. Es würde sich jedoch vonseiten des ZOV geweigert, neue Buslinien einzurichten.

Kraft kritisiert, dass der Kreistag keinen Einfluss auf die Nahverkehrsplanung habe. Während im Vogelsberg- und Wetteraukreis die Kreistage das letzte Wort hätten, könne sich der Kreis Gießen lediglich in der Verbandsversammlung zu Wort melden. Und dies auch nur begrenzt, da die Gießener lediglich 16,2 Prozent Anteile an dem Zweckverband hält. Kraft fordert, dass nicht die Nachbarkreise über das Nahverkehrsangebot im Kreis Gießen mitbestimmen, und über einen Austritt aus dem ZOV nachzudenken.

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