Noch steht es: das Sommerlad-Haus, in den umliegenden Dörfern auch als "Sommerlad-Hochhaus" bekannt.
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Noch steht es: das Sommerlad-Haus, in den umliegenden Dörfern auch als »Sommerlad-Hochhaus« bekannt.

Lost Places

Sommerlad-Hochhaus: Zeichen deuten auf baldigen Abriss hin

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Einst war es die Firmenzentrale eines Schmuckgroßhandels. Nun soll das Villinger Sommerlad-Haus abgerissen werden.

Grau und abweisend steht der Betonklotz am Rande von Villingen, ein Fremdkörper in der hügeligen Landschaft am Rande des Vogelsbergs. Er ist ein Ding aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der die Wirtschaft in der Bundesrepublik viele Jahre nur eine Richtung kannte: nach oben.

Hoch hinaus wollte auch Willi Sommerlad. Der Schmuck- und Uhrengroßhandel, den der Kaufmann nach der Währungsunion gegründet hatte, florierte; am Stammhaus im Bornweg wurde es zu eng. Der Unternehmer suchte einen neuen Standort mit Potenzial und fand ihn am Rande seines Heimatdorfes in der Bahnhofstraße, dort, wo seit dem 19. Jahrhundert ein großes Sägewerk stand. Bis zu 30 Arbeiter hatten bei der Holzindustrie Villingen in Lohn und Brot gestanden. Doch ihre Zeit war abgelaufen. Noch bevor die Firma am 1973 endgültig liquidiert wurde, stand in der Bahnhofstraße alles still.

Supermarkt und Tankstelle geplant

Großhändler Sommerlad sorgte für neues Leben. Um 1971 begann er mit dem Bau seiner neuen Unternehmenszentrale. »Er hatte Großes vor«, erinnert sich Ortsvorsteher Manfred Paul, der zu dieser Zeit ein junger Mann von gerade mal 20 Jahren war. Ein Supermarkt sei geplant gewesen und eine Tankstelle.

Aus diesen hochfliegenden Plänen wurde nichts. Doch allein schon das Sommerlad-Haus war für Villinger Verhältnisse spektakulär. Heute findet man den nackten Betonbau, der aus Fertigteilen hochgezogen wurde, unpassend und geradezu gruselig. Aber Anfang der 1970er Jahren dachten die Leute anders. Alteingesesessene Villinger berichten ein bisschen bewundernd von einem gepflegten Areal, von internationalen Geschäftskunden, die bei Sommerlad ein- und ausgingen, und von Fußböden aus italienischem Marmor. In den besten Zeiten soll der Betonblock Arbeitsstätte von bis zu 80 Mitarbeitern gewesen sein, darunter viele Frauen.

Uhrenhandel ging 1988 Konkurs

Der Glanz war nicht von Dauer. Willi Sommerlad, ein Urgestein, das aus dem Vollem schöpfte und lebte, starb im Dezember 1981 ganz plötzlich auf einer Geschäftsreise in Sterzing mit gerade mal 53 Jahren. Sein Lebenswerk geriet schon bald in Schieflage. Billige Uhren aus Fernost drängten auf den Markt, die Erben stritten, die notwendige Umstrukturierung blieb aus. Wie die Gießener Allgemeine seinerzeit berichtete, wurde den zuletzt noch 15 Mitarbeitern zum 31. Januar 1988 gekündigt und im April das Konkursverfahren eröffnet.

Seitdem ging es mit dem Gebäude bergab. Ein Immobilienkaufmann aus Süddeutschland, der das Haus aus der Konkursmasse erworben hatte, brachte hier in den 1990er Jahren Aussiedler aus Osteuropa unter. Doch auch er geriet in Zahlungsschwierigkeiten, 1998 wurde das Haus zwangsversteigert.

Wieder gescheiterte Supermarkt-Pläne

Um die Jahrtausendwende keimte Hoffnung. Neue Investoren aus Baden-Württemberg unterbreiteten der Stadt Vorschläge für einen Umbau des Gebäude. Ein Supermarkt, Gewerbeflächen, vier bis sechs Wohnungen in den oberen Stockwerken und rundherum etwa 15 Bauplätze für Einfamilien- und Doppelhäuser: das war der Plan. Umgesetzt wurde er nie. Das Sommerlad-Haus ist nach wie vor ein städtebaulicher Problemfall. »Investoren von auswärts haben die Immobilie heruntergewirtschaftet«, sagt der Villinger Ortsvorsteher Manfred Paul.

Und fremde Kapitalanleger haben weiterhin das Sagen. Aktuell vermarktet die Euro Auctions Immobilien GmbH mit Sitz in Dormagen und nordirischem Geschäftsführer das Gelände. Auf ihr Betreiben und ihre Kosten hat die Stadt den vorhabenbezogenen Bebauungsplan »Herrenbeune« aufgestellt. Er ist seit über einem Jahr rechtskräftig und sieht die Ausweisung von bis zu 20 Bauplätzen vor.

Die Arbeiten hätten also längst starten können, zumal es rumd um Hungen Nachfrage nach Bauland gibt. »In Villingen sind alle Bauplätze weg«, weiß der Ortsvorsteher. Auch im alten Ortskern gebe es keine Leerstände. An der »Herrenbeune« sieht er sogar noch Erweiterungspotenzial. Mit dem Flächenverbrauch hat Paul, der dem Bauernverband Gießen/Wetzlar/Dill vorsteht, an dieser Stelle kein Problem. »Das sind die schlechtesten Böden von Villingen.«

Befristete Abrissgenehmigung

Doch noch steht das Sommerlad-Haus. Fragt sich, wie lange noch. Wie Anlieger beobachteten, haben Anfang Juli rumänische Bauarbeiter die Ruine entkernt. Die Zeichen stehen auf Abriss. Ewig können sich die Eigentümer damit nicht Zeit lassen. Die Abrissgenehmigung ist laut Bürgermeister Rainer Wengorsch befristet.

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Um Irritationen vorzubeugen: Die Autorin dieser Geschichte heißt zwar auch Sommerlad. Mit dem ehemaligen Villinger Schmuckgroßhandel hat sie aber nichts zu tun.

Am Anfang war das Sägewerk (rechts oben). In den frühen 1970er Jahre errichtete der Schmuckgroßhandel Sommerlad an der Bahnhofstraße in Villingen seinen neuen Firmensitz ; damals wurde der Schornstein der Holzindustrie gesprengt. Mittlerweile steht das Sommerlad-Haus seit mehr als 20 Jahren leer. Naht nun der Abriss? Vor zwei Wochen wurde der Betonklotz jedenfalls entkernt. FOTOS: ARCHIV HEIMATKUNDLICHER ARBEITSKREIS VILLINGEN/US

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