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Moritz und Hildegard Kuttner mit Sohn Uri. Alle haben den Holocaust nicht überlebt.

Schicksale nicht vergessen

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Hungen (nab). Genealogie, die Rekonstruktion von Stammbäumen, Zeitzeugenberichte, Interviews und jede Menge Archivarbeit - im vergangenen Dreivierteljahr hat sich eine Arbeitsgruppe intensiv mit diesen Dingen beschäftigt. Ihr Ziel: Die Spuren des jüdischen Lebens in Bellersheim sichtbar zu machen und mit einer Gedenkveranstaltung am 10. November an die Schicksale der Familien zu erinnern.

Skype-Kontakt mit Angehörigen

Bis zu diesem Tag liegt noch viel Arbeit vor Anja und Andreas Lauterbach, dem Pfarrerehepaar Beate und Johannes Fritzsche sowie den Jugendlichen Tabea Kreutschmann, Johanna Bommersheim und Malte Lauterbach. Wenngleich sie schon aufbauend auf frühere Buchveröffentlichungen viel erreicht haben. "Im Jahr der 1250-Jahr-Feier des Ortes soll nicht nur an das erinnert werden, was Bellersheim schön und liebenswert macht", sagte Andreas Lauterbach, "sondern auch die Geschichte näher angeschaut werden." Dabei geht es keineswegs um Schuldzuweisungen, sagte Pfarrerin Beate Fritzsche. Es sei wichtig, dass das Schicksal dieser Menschen nicht vergessen geht und damit auch ein Beitrag zum politischen Diskurs in Europa und weltweit geleistet wird.

Bis Ende der 1920er Jahre lebten in Bellersheim mehrere jüdische Familien, namentlich die Familien Kuttner, Löb und Wetterhahn. Judenverfolgung und Holocaust forderten auch dort ihre Opfer. Die Familien wurden gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen und wurden über Inheiden in Konzentrationslager wie Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Einige Mitglieder dieser Familien sind emigriert und haben überlebt. Zu zwei Familien gelang es den Bellersheimer Spurensuchern, bisher Kontakt aufzunehmen. Über E-Mail bestehe ein reger Austausch zu Brian Knobloch, der in Südafrika geboren wurde, heute in Israel lebt und ein Nachfahre der Familie Wetterhahn ist, berichtet Anja Lauterbach.

Noch immer ganz begeistert sind die Jugendlichen von ihrem Skype-Interview mit Naomi Johnson Kuttner, der 64-jährigen Tochter von Manfred Kuttner, die heute in den USA lebt. Sie hat den Bellersheimer Jugendlichen aus den Tagebüchern ihres Vaters vorgelesen, der am 10. November 1938 von Frankfurt aus in die USA geflüchtet ist. "Es war sehr berührend, weil es so nah war", sagten die Mädchen über die ganz alltäglichen Schilderungen wie den Gang über matschigen Boden am Bellersheimer Bahnhof.

"Andersherum war es auch sehr spannend, den Familien etwas mitzuteilen, was sie noch nicht von der Geschichte ihrer Vorfahren kannten", berichtete Andreas Lauterbach. "Manchen fehlt ein eigenes Stück Geschichte, weil die Eltern nicht darüber gesprochen haben", sagte Pfarrer Johannes Fritzsche. Deutlich wurde, dass sich die Menschen immer noch Bellersheim verbunden fühlen, berichteten die Mitglieder der Arbeitsgruppe.

Die endgültigen Ergebnisse werden am Sonntag, 10. November, um 17 Uhr in der evangelischen Kirche in Bellersheim präsentiert. Es gibt unter anderem Schautafeln zu den Familien, eine Broschüre und ein musikalisches Rahmenprogramm, bei dem die jüdische Geigerin Deborah Spiegel sowie Sängerin Marie-Kristin Schäfer-Fichtner sowie der Chor A-Chor-Do aus Bellersheim auftreten. (Foto: Archiv Kuttner)

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