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Auf Sightsseing-Tour durch Griechenland: (v.l.): Antigone (Kristina Weiß), Koloss von Rhodos (Patrick Dörrhöfer), Seher Theiresias (Florian Fay) und Ödipus (Maximilian Weiß).

Sie rappen, flirten und kämpfen

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Hungen (nab). Sie hatten angekündigt, einen alten Klassiker zu entstauben - und das ist ihnen bestens gelungen. Am Freitag feierte das Theater Traumstern mit seiner neuen Produktion im Hungener Schlosshof Premiere. Sophokles Tragödie "Antigone" stand auf dem Programm - allerdings nicht nach der Version des antiken Dichters, sondern nach Bodo Wartke.

Und wer den Klavierkabarettisten Wartke kennt, der weiß, dass es lustig wird. Darf man bei einer Tragödie lachen? Ja, durchaus und das hat das Ensemble des Theater Traumsterns unter der Regie von Daniel Komma eindrucksvoll bewiesen. Vor drei Jahren hatte sich die Gruppe schon Wartkes "König Ödipus(y)" angenommen. Das sei für den Musiker eine Art Abrechnung mit der Schulzeit gewesen, berichtet er. Denn damals fand er den Stoff alles andere als gut.

20 Rollen in 19 Szenen

Fantastisch lassen sich die Darsteller auf all die Stilmittel ein: Sie tanzen und singen, sie rappen und schreien, sie flirten und kämpfen und vieles mehr. Kristina und Maximilian Weiß sowie Florian Fay und Patrick Dörrhöfer schlüpfen in 19 Szenen in 20 Rollen. Die Lieder sind eingängig und gehen schnell ins Ohr - auch weil Dörrhöfer am Piano eine wunderbar musikalische Grundlage dazu liefert. Was das Zusammenspiel der Schauspieler so sehenswert macht, ist das Vertraute untereinander. Seit nahezu zehn Jahren stehen sie bei den Theater-Traumstern-Produktionen gemeinsam auf der Bühne. "Meine Juwelen", lobt Regisseur Komma, "sie sind mittlerweile absolute Profis." Das kann man unterschreiben.

Wartke eröffnet seine "Antigone" wieder mit Ödipus. Im ersten Teil des Stücks reist er mit seiner Tochter (und Schwester) Antigone sowie dem Seher Theiresias ("Buenas dias") durch Griechenland und trifft in Athen auf Theseus. Mit Leichtigkeit erzählen die Darsteller von dessen Heldentaten in einer Art Revue, bevor es auf Sightseeing-Tour durch Griechenland geht. Später dann kommen sie in Theben an, wo die Tragödie ihren Lauf nimmt: Antigones Brüder Polyneikes und Etheokles haben sich im Kampf um den Thron der Stadt Theben gegenseitig getötet. Antigones Onkel Kreon wird König und verbietet per Gesetz die Bestattung von Polyneikes, der für den Angriff auf Theben verantwortlich war. Doch Antigone sieht sich dazu verpflichtet, ihren Bruder in Würde zu begraben. Sie widersetzt sich Kreon und wird von ihm zum Tode verurteilt. Kreons späte Einsicht kommt für alle zu spät.

Was zunächst nach schwerer Kost klingt, erzählt das Theater-Traumstern-Ensemble mit einer Leichtigkeit, die beim Zuschauen einfach nur Spaß bereitet und trotzdem genau den Kern des Stückes trifft, ohne zu komödiantisch oder albern daherzukommen.

Sprachlich betrachtet, hat die Version nur noch wenig mit den Originalzitaten von Sopholkes zu tun, denn Wartke hat die Reime so modernisiert, dass sie für jedermann verständlich sind. Dabei bezieht er sich auch ohne Scheu auf Spiderman und Schiller, lässt Filmzitate und Elvis-Songtexte genauso wie Star-Wars-Zitate und das Vaterunser in die Zeilen einfließen und garniert das Ganze mit politischen Bezügen. Zudem lebt seine "Antigone" von der Geschwindigkeit, mit der die tragische Geschichte ganz locker erzählt wird. Ein gelungener Versuch, einen alten Schinken nicht nur am Leben zu halten, sondern auch mit aktuellen Bezügen zu versehen. So machen antike Tragödien Spaß, und diese Version sollte man sich nicht entgehen lassen.

Weitere Aufführungen gibt es am 31. Oktober, 20 Uhr, und 3. November, 12 Uhr, im Kino Traumstern in Lich sowie am 10. und 11. November, 20 Uhr, in der Waggonhalle in Marburg. Für das kommende Jahr sind weitere Termine in Planung. (Foto: nab)

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