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Förster Rainer Alberding führt die Markmeister und Privatwaldbesitzer am Jahrestreffen durch den Markwald Bellersheim.

Klimawandel

Privatwaldbesitzer schlagen Alarm

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Den Wald sich selbst überlassen? Das kommt für die oberhessischen Markmeister und Privatwaldbesitzer nicht in Frage. Aber wie soll es angesichts der Klimaschäden weitergehen?

Es ist fast unheimlich ruhig. Der Bellersheimer Markwald verschluckt nahezu jedes Geräusch jenseits der Laub- und Nadelhözer. Vereinzelt fallen Sonnenstrahlen auf den feuchten Waldboden - es riecht nach Moos und Harz. Die friedvolle Stimmung wird hier und da vom Knacken trockener Zweige gestört, als eine Gruppe Menschen sich ihren Weg durch das Unterholz bahnt. Sie blicken kritisch in die Wipfel und Kronen, verschränken die Arme und legen die Stirn in Falten. "Wir müssen uns ernsthafte Sorgen um die Existenz unserer Wälder machen", sagt Margrit-Sylvia Ruppel vom Vorstand des hessischen Waldbesitzerverbands beim Waldrundgang zum Jahrestreffen. Die Markmeister und Privatwaldbesitzer nicken stumm.

Der Markwald ist alt. Die ideellen Anteile des Gemeinschaftswaldes wurden über unzählige Generationen vererbt - in diesem Jahr feiert die Genossenschaft bereits ihr 600-jähriges Bestehen. Und doch stehen die Waldfreunde vor bisher ungeahnten Herausforderungen. Borkenkäfer, Dürre, Stürme und Holzpreise sind nur ein paar davon. Beim Jahrestreffen der oberhessischen Markmeister und Privatwaldbesitzer wird aber noch etwas anderes deutlich. Nie standen sie so in der Kritik und noch nie mussten sie das, was ihnen am Herzen liegt, so sehr rechtfertigen.

Der Staat soll helfen

"Wenn wir echten Wald wollen, müssen wir die Hände in die Taschen stecken", zitiert Ruppel den deutschen Förster und Autor Peter Wohlleben. Aufforstung sei Aktionismus. Der Wald schaffe das alleine. Sie lässt dieses Zitat unkommentiert, doch auf die Worte folgt kollektives und verständnisloses Kopfschütteln. In einem sind sich wohl alle Anwesenden einig und Ruppels Worte bringen es auf den Punkt: "Den Wald zu erhalten, das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Es ist sehr, sehr, sehr viel Arbeit."

"Die Lage ist dramatisch", sagt auch Michael Freiherr von der Tann, Präsident des Hessischen Waldbesitzerverbandes. Das Orkantief Friederike Anfang 2018 habe den Grundstein für eine Katastrophe gelegt, dem sich ein Sommer ungeahnten Ausmaßes angeschlossen hat und von eine Trockenheit fortgeführt wird, die bis heute anhält. "Wir gehen davon aus, dass wir bis Ende des Jahres 900 Hektar Schadfläche haben werden, die wieder aufgeforstet werden müssten - das sind 13 000 Fußballfelder." Die Waldbesitzer seien überfordert und der Staat gefordert: 25 bis 30 Millionen Euro Zuschüsse fordert er, dazu ein mehrjähriges Aufforstungsprogramm, Hilfe bei der Verkehrssicherung in Härtefällen, mehr Mitarbeiter von Hessen-Forst und vor allem eine ideologiefreie Perspektive.

Kritik an Stellenabbau

Ideologiefrei - ein Wort, das beim Jahrestreffen der Waldbesitzer und vor allem bei den anwesenden Landtagspolitikern häufig fällt. "Wir dürfen andere Baumarten nicht aus Gründen von Ideologien aussperren", sagt etwa Michael Ruhl (CDU). Damit der Wald seine wirtschaftliche Funktion auch weiterhin erfüllen könne, müsse langfristig gedacht werden. "Auch ich bin für eine ideologiefreie Betrachtung", sagt Wiebke Knell, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der FDP. "Ohne den Menschen, gäbe es den Wald nicht", sagt sie und: "Der Wald kann nur geschützt werden, indem er bewirtschaftet wird." Und Heinz Lotz (SPD) kann bei dem "Geschwätz" Wohllebens nur müde lächeln. "Der Wald ist ein Stück Daseinsvorsorge und Gemeinwohl", sagt er und: "Mit dem Stellenabbau bei Hessen-Forst sind wir mehr und mehr auf die Straße der Verlieren geraten."

Die Markmeister und Privatwaldbesitzer scheinen sich bestätigt zu fühlen. Während der Reden wird andachtsvoll genickt, nach den Ansprachen fällt Applaus. Sorge und Ärger halten sich die Waage, doch die eine Lösung scheint es nicht zu geben. Und während die Äste auf dem vom Laub bedeckten Boden knacken, passiert die Gruppe die Teile des Waldes, um die es einigermaßen gut steht - noch. Denn viele Schäden würden sich erst später zeigen.

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