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Nonnenroth: Das Dorf, in dem die "Amigos" in die Kneipe gehen

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  • Patrick Dehnhardt
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Nonnenroth ist schön. Sagen die Nonnenröther. Aber selbst die Nachbarn aus Villingen sehen die alte Rivalität nicht mehr so eng. Ein Dorfporträt.

Auf einem T-Shirt, das man immer wieder auf Jahrmärkten finden kann, steht der Spruch "Mehr als ein Hesse kann der Mensch kaum werden". Gut, eine Sache gibt es – da ist man sich in Nonnenroth sicher: Nonnenröther. Vermutlich sieht das aber jeder, der sein Heimatdorf liebt, genauso – und so verstehen Nonnenröther auch, dass andere Röthges, Ober-Bessingen oder Villingen lieben, sind ja schließlich schöne Orte.

Mit letzterem Nachbardorf haben die Nonnenröther eine ganz besondere Beziehung: Man zieht sich gegenseitig auf den Karnevalssitzungen auf, es gibt auch manche böse Sprüche über einander. Aber insgesamt erinnert das Ganze doch eher an eine Ehe irgendwann nach der Goldhochzeit: Man ärgert den anderen oder sich auch über den anderen, aber insgesamt kommt man so gut miteinander aus, dass man ihn doch nicht missen möchte. Beide Dörfer teilen sich einen Pfarrer, die Feuerwehren arbeiten eng zusammen und selbst das Villinger Schlagerduo "Die Amigos" hat seine Lieblingskneipe im Nonnenröther Dorfgemeinschaftshaus gefunden: Bei Mijo Galir sind Karlheinz und Bernd Ulrich regelmäßige und gern gesehene Gäste, und das schon zu den Zeiten, als sie noch als Kombo in Kirmeszelten statt im "Musikantenstadl" auftraten.

Nonnenroth: Starker Zusammenhalt

Doch warum sind die Nonnenröther so glücklich mit ihrem Dorf? Da gibt es viele Gründe. Zum einen ist das Vereinsleben sehr stark. Die Vereinsgemeinschaft richtet jedes Jahr ein Dorffest und einen kleinen Weihnachtsmarkt aus. Zusammen schaffte man es 2013 bis ins Finale des HR-Wettbewerbs "Dolles Dorf" – über 200 der knapp 700 Einwohner fuhren damals nach Kassel mit, um ihr Team vor Ort anzufeuern. Dass es dann nur für den Silbernen Otto reichte – Nebensache. Noch ein Beispiel für die Zusammenarbeit: Dieses Jahr feiert der SV Nonnenroth sein 50-jähriges Bestehen mit einem großen Festwochenende im August. Den Sonntag nutzt die Feuerwehr, um den Kreisverband im Festzelt auszurichten. Miteinander statt nebeneinander her ist die Devise.

Zum anderen ist es die Landschaft. Das Dorf liegt malerisch gelegen an einem Berghang. Im Frühling erblühen weit über tausend Obstbäume rund um Nonnenroth. Und das wird auch in Zukunft so bleiben: Es gibt einige junge Nonnenröther, die mittlerweile selbst ein Baumstück besitzen, dort neue Bäume pflanzen, hegen und pflegen.

Die Nonnenröther sind allerdings auch ein kämpferisches Völkchen, das für seine Interessen einsteht. Um schnelles Internet zu bekommen, riefen die Jugendlichen des Ortes etwa jede Woche bei der Telekom an – bis die Stadt Hungen dies selbst in die Hand nahm und mit der Breitband GmbH eine Leitung legen ließ. Als die Kreisstraße nach Nieder-Bessingen in einem erbärmlichen Zustand war, sammelten die Nonnenröther Hunderte von Unterschriften und schenkten dem Staatssekretär als Briefbeschwerer einen losen Asphaltklumpen. Der Druck half: Die Straße wurde saniert.

Ob dieser rebellische Geist noch von Luther kommt? Der Reformator soll ja in Nonnenroth im Braunfelschen Wirtshaus zu Gast gewesen sein. Den Hype um den Lutherweg nutzte das Dorf, um Fördermittel für eine Schäferwagenherberge zu bekommen. Egal ob Luther jemals in Nonnenroth übernachtet haben sollte oder nicht – die Touristen können es jetzt jedenfalls auf einer Wiese zwischen Apfelbäumen und Hecken.

Nonnenroth: Ein Lebensmittelladen ist geblieben

Bei aller Romantik: Natürlich hat sich das Leben in den letzten 70 Jahren deutlich verändert. Während früher fast jeder im Dorf in der Landwirtschaft aktiv war, gibt es mittlerweile nur noch eine Handvoll Bauern. Post, Bankfiliale und Tankstelle sind Geschichte, ebenso die Metzgerei Rinker, die für ihre Wurstwaren weit über den Landkreis hinaus bekannt war. Selbst Frankfurter kamen, um hier einen Presskopf zu kaufen. Von den drei Lebensmittelgeschäften – dem Zimmer-Kurt, dem Ober-Hoppes und dem Unter-Hoppes – ist nur noch eins übriggeblieben. Die Familie Hoppes hat sich jedoch mit dem Tierfutterhandel und einer Bäckerei breit aufgestellt, so dass man sich um die Zukunft des Nahversorgers vor Ort erstmal keine Sorgen machen muss. Und spätestens, wenn man morgens beim Spaziergang an der Backstube vorbeikommt und den Duft der frischen Brote und Brötchen riecht, kann man sowieso nicht anders, als sich einen frischen Weck zu holen. Oder einen "Rutharsch", wenn der gerade im Angebot ist.

Mit diesem in der Hand kann man durch die alten Gassen des Ortskerns und danach auf den Kirchberg gehen, wo die Lutherfigur über das Land blickt. Oder man steigt hinauf zum Oberholz, wo einst die Disco Skyline ihre Pforten für Tanzwillige öffnete, und schaut hinab ins Tal, über die Wetterau bis hin zum Taunus und der Frankfurter Skyline. Im Frühjahr weht einem hier eine sanfte Brise entgegen, rauschen die jungen Blätter im Wind, steigt einem der Duft von Apfelblüten, Brombeeren und Wildblumen in die Nase. Wer jemals hier gestanden und diesen Moment erlebt hat, der versteht, warum die Nonnenröther ihr Dorf so lieben.

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