Problemstelle: Das Wasser von 320 000 Quadratmetern läuft in dem trichterförmigen Tal zusammen, soll dann durch ein Rohr mit lediglich 40 Zentimeter Durchmesser abfließen.
+
Problemstelle: Das Wasser von 320 000 Quadratmetern läuft in dem trichterförmigen Tal zusammen, soll dann durch ein Rohr mit lediglich 40 Zentimeter Durchmesser abfließen.

Unwetter

Nach Unwettern: Riedgraben Knackpunkt beim Schutz vor Überschwemmungen

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
    schließen

Am 27. Mai 2018 zog ein Unwetter Bellersheim. Zwei Jahre später ist die Katastrophennacht in den Köpfen der Anwohner im stark betroffenen Burggarten noch präsent.

Als Udo Matthiae in den vergangenen Wochen die Zeitung aufschlug und Berichte über den Starkregen im Kleebachtal las, kamen bei ihm Erinnerungen an den 27. Mai 2018 hoch. Damals zog ein gewaltiges Unwetter über Bellersheim. 150 Liter Regen fielen in kürzester Zeit pro Quadratmeter.

Eine Flutwelle rollte über den Sportplatz in den Burggarten. Tiefgaragen, Keller und Wohnungen liefen voll. Matthiae und seine Familie versuchten noch aus dem Kellergeschoss zu retten, was zu retten ging.

Einfahrt zur Tiefgarage zugeschüttet

Doch innerhalb kurzer Zeit stand das Wasser fast anderthalb Meter hoch in den Räumen. Die Wände und der Boden saugten sich mit Wasser voll. Die Öltanks schwammen auf, die Heizungsanlage wurde durch Schlamm schwer beschädigt, eine Feinmechanikwerkstatt restlos zerstört, die beiden Autos in der Tiefgarage soffen ab und hatten danach nur noch Schrottwert. "Der Volvo war Automatik, der hat sich keinen Millimeter mehr bewegt. Den mussten sie mit dem Berge-Lkw herausziehen", erinnert sich Matthiae.

Zwei Jahre später ist der Schlamm verschwunden. Doch nicht nur in den Köpfen der Anwohner im Burggarten hat das Unwetter Spuren hinterlassen: Es gibt kaum ein Grundstück, wo sich in den Gartenmauern keine Vorrichtungen finden, um Türen und Tore schnell abzudichten. Einige Zugänge wurden komplett zugemauert, andere mit Alu-Elementen gesichert.

Bürgermeister will Hilfsfonds diskutieren

So wie viele andere auch hat Familie Matthiae ihre Tiefgarage aufgegeben. Die Zufahrt ist verfüllt, die Tore zugemauert. Die Kellerfenster sind Spezialanfertigungen, die starken Wassermassen standhalten können. Das kostete aber pro Stück weit über 1000 Euro.

Dass die Gemeinde Langgöns für die Hochwasseropfer im Kleebachtal nicht nur einen Hilfsfonds aufgelegt hat, sondern auch den privaten Hochwasserschutz fördern möchte, freut Matthiae: "Das in Langgöns ist vorbildlich. Das hätte ich mir in Hungen auch gewünscht." Allein bei ihm habe sich der Schaden auf rund 100 000 Euro summiert.

Auch Hungens Bürgermeister Rainer Wengorsch hat die Berichterstattung über das Unwetter in Langgöns aufmerksam verfolgt. "Das mit dem Hilfsfonds finde ich eine sehr interessante Sache", sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Er will im Stadtparlament den Vorschlag machen, für den Haushalt 2021 zwischen 10 000 und 15 000 Euro als Hilfsfonds für nachgewiesene Starkregenschäden einzustellen, um so den Bürgern im Notfall schnell helfen zu können. "So ein Unwetter kann morgen Langd und übermorgen Villingen treffen", sagt Wengorsch. Auch über die Förderung des privaten Hochwasserschutzes will er im Stadtparlament diskutieren.

Abwasserkanäle ausreichend groß

Nach dem Unwetter in Bellersheim, Obbornhofen und Trais-Horloff habe man zunächst das Kanalnetz intensiv untersucht. Hindernisse, die zu Rückstaus führten, habe man dabei nicht gefunden, sagt Wengorsch. Auch seien die Abwasserrohre nach DIN-Norm groß genug. Zudem wurde eine Fließpfadkarte für Bellersheim beauftragt.

So wie Langgöns gehört Hungen ebenfalls der Charta der Klimakommunen an. Dadurch würde eine Starkregengefahrenanalyse mit bis zu 90 Prozent gefördert werden. Die Stadt hat diese Förderung nun für eine Analyse der Gemarkungen Bellersheim und Obbornhofen beantragt. Sukzessive sollen in den kommenden Jahren die weiteren Stadtteile untersucht werden.

Regenrückhaltebecken am Riedbach?

Bis die Ergebnisse der Analyse vorliegen, wolle man jedoch nicht untätig abwarten: Ortsbekannte Problemstellen wurden und werden bereits in Angriff genommen, sagte Wengorsch. Zudem soll die Oberflächenentwässerung nochmals auf den Prüfstand gestellt werden, sagte der Bürgermeister.

Als ein Knackpunkt dürfte sich der Riedgraben in Bellersheim erweisen. Selbst für einen Laien wird das Problem sichtbar, wenn er von der letzten Häuserreihe des Burggartens in Richtung Münzenberg blickt: Die Straße liegt am tiefsten Punkt eines trichterförmig auf ihn zulaufenden Tals. Das Wasser von rund 320 000 Quadratmetern fließt dort zusammen, soll durch ein lediglich 40 Zentimeter Durchmesser zählendes Rohr abfließen.

Wengorsch hat die auf dem Areal anfallenden Wassermengen hochgerechnet: Bei 50 Litern Regen pro Quadratmeter seien dies 16 000 Kubikmeter. Ein Kanalrohr, welches solche Mengen bewältigen kann, könne man nicht bauen. Jedoch soll geprüft werden, ob mit dem Bau eines Regenrückhaltebeckens oder eines Staukanals und breiteren Rohren für den Riedgraben sich die Problemstelle Burggarten in den Griff bekommen lässt. Wengorsch kündigte an, in einer der nächsten Ortsbeiratssitzungen einen Sachstandsbericht zu geben.

Wichtig: Viele Freiwillige Feuerwehren

Wengorsch betonte, dass zu einem guten Hochwasserschutz auch ein schlagkräftiger Bauhof und engagierte Freiwillige Feuerwehren gehören. Für solche Unwetter sei es nötig, diese gut auszustatten .

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare