+
In der dörflichen Idylle von Villingen haben sich am Samstag Dutzende Neonazis getroffen.

80 Jahre nach Kriegsbeginn

Nach Neonazi-Treffen: So gehen die Villinger mit den ungebetenen Gästen um

  • schließen

Dutzende Rechtsextreme haben am Samstag in Villingen auf den Kriegsbeginn vor 80 Jahren angestoßen - streng bewacht von der Polizei. Wer das Treffen veranstaltet hat, ist in Villingen kein Geheimnis. Wie geht das Dorf damit um?

Rund um die Kirche, in den engen Gassen des alten Ortskerns von Villingen, geht es am Montagnachmittag gemächlich zu. Ab und an rollt ein Auto vorbei, hier und da wird der Hof gekehrt. Am Samstagabend hatte sich in dem Hungener Stadtteil ein ganz anderes Bild geboten: Ein Großaufgebot der Polizei war nach Villingen gekommen, Glatzköpfe mit Springerstiefeln durch die Straßen zu einem Kleingartenareal am Ortsrand gelaufen, wie Augenzeugen berichten.

"Wir haben dort auch ein Gartengrundstück", sagt ein älterer Mann, der sich in seinem Hof ein Bier schmecken lässt. Als er am Samstag in dem Garten vorbeischauen wollte, sollte er der Polizei erst seinen Ausweis zeigen. Die "Brückengärten" waren abgeriegelt. In einem Kleingarten hatten sich einige Dutzend Rechtsextreme getroffen und gefeiert. Ausgerechnet 80 Jahre nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, dem Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Neonazi-Treffen in Villingen: Bereits 2014 ähnliche Feier

Es war nicht das erste Mal, dass Rechtsextreme zu einem Szenetreffen nach Villingen reisen: 2014 gab es eine ähnliche Feier in einem Gartengrundstück. Wie am Samstag war auch damals eine Musikveranstaltung mit einer rechtsextremen Band geplant. Der Mann im Hof berichtet von einem weiteren Treffen vor Jahren auf einem Feld bei Villingen. NS-Parolen seien damals zu hören gewesen. "Es ist furchtbar", sagt er. Häufig fielen ihm bei den Gärten Autos mit auswärtigen Kennzeichen auf - aus der Wetterau etwa. Regelmäßig komme es dort zu Vandalismus und Diebstählen, das stört ihn vor allem. Gegen die Rechten "müsste die Polizei ganz anders vorgehen", findet der Villinger. "Da muss man auch mal grob werden."

Zwar komme "das Problem mit den Radikalen von außerhalb". Doch wer hinter dem Treffen steckt, ist in Villingen offenbar kein Geheimnis. Mehrmals fällt derselbe Name. Der Betreffende sei gebürtiger Villinger, mache keinen Hehl aus seiner extrem rechten Gesinnung. Der Mann sei im Dorf und in Vereinen nicht integriert, "ein Eremit", heißt es auf der Straße. In seinem Wohnhaus ist er am Montagnachmittag nicht anzutreffen.

Auch der Polizei sei der Villinger, auf dessen Grundstück am Samstag gefeiert wurde, im Zusammenhang mit Rechtsextremismus bekannt, sagt Polizeisprecher Jörg Reinemer. Der Mann und seine gleichgesinnten Gäste hatten ganz offenbar mit Kontrollen gerechnet: Die Polizei kontrollierte 42 Personen, laut Reinemer werden die Personendaten routinemäßig unter Staatsschutzeinheiten der Polizei ausgetauscht. Straftatbestände habe man aber nicht festgestellt - keine verbotenen Symbole, Fahnen oder Parolen etwa. Staatsschutzbeamte vor Ort hätten auch darauf geachtet, ob verbotene Lieder gespielt werden. Dies war laut Reinemer aber nicht der Fall. Zwei Verfahren wurden gegen Teilnehmer des Treffens eingeleitet - wegen Verkehrsdelikten.

Neonazi-Treffen in Villingen: Klare Ansagen der Polizei

Da die Veranstaltung auf einem Privatgrundstück stattgefunden habe, gebe es "wenig Handhabe" dagegen. Die Ansage der Polizei vor Ort sei aber unmissverständlich gewesen: "Wenn etwas Verbotenes gezeigt oder gespielt wird, dann ist Ende." Daran hätten sich die Feiernden offenbar gehalten. "Wir haben alles gemacht, was möglich war."

Begonnen hatte das Treffen laut Polizei gegen 20 Uhr, etwa zwei Stunden später zogen die Besucher wieder ab. Dass die Feier auf den Tag genau 80 Jahre nach Kriegsbeginn stattfand, habe "natürlich ein Geschmäckle", sagt Reinemer.

Bereits im Vorfeld hatten Beobachter der Szene darauf hingewiesen, dass eine Musikveranstaltung von Rechtsextremen in der Region geplant sei. Andreas Balser vom Verein Antifaschistische Bildungsinitiative war Samstagabend vor Ort und bestätigt die Angaben der Polizei. "Es wurden keine indizierten Songs gespielt, sondern eher die klassischen Sauflieder." Auch durch den Kontrolldruck sei den Feiernden am Samstagabend "das klassische Neonazi-Liedgut überwiegend genommen worden". Balser lobt ausdrücklich das Vorgehen der Polizei.

Neonazi-Treffen in Villingen: Ortsvorsteher will Stellung beziehen

Für den Villinger Ortsvorsteher Manfred Paul kam der ungebetene Trubel am Samstag überraschend. Besonders laut sei die Musik zwar nicht gewesen, doch in seinen Ohren habe es "aggressiv" geklungen. "Ich lehne das total ab", betont er - und das gelte auch für die Mehrheit der Villinger. Der Veranstalter der Feier solle nun merken, "dass er hier nicht willkommen ist". Am kommenden Wochenende putzt sich Villingen für das "Zwiwwelfest" auf dem Lindenplatz heraus, dann will Paul öffentlich deutlich Stellung gegen rechte Umtriebe beziehen.

"Villingen ist nicht nationalsozialistisch", sagt Hungens Bürgermeister Rainer Wengorsch. Er glaube nicht, dass Rechtsextremismus im Ort breit verankert sei, sondern es gehe "sehr wahrscheinlich um eine Einzelperson". Den Veranstalter der Feier kenne er nicht persönlich, "aber wenn er gesprächsbereit ist - und das ist die Frage - werde ich das Gespräch suchen". Die Möglichkeiten, solche Treffen auf Privatgrund zu unterbinden, seien seitens der Kommune sehr begrenzt. "Eigentum und Entfaltungsmöglichkeiten sind ein hohes Gut", sagt der Bürgermeister. Nun gehe es darum, "Öffentlichkeit und Transparenz" herzustellen. Man dürfe Rechtsextremismus "keinen Nährboden bieten".

Wichtig sei, weitere Informationen über die Ereignisse am Samstag zu sammeln und zu überprüfen, ob der Veranstalter Einfluss auf Jugendliche habe, findet Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative. Und man müsse Jugendarbeit und Präventionsangebote den Umtrieben von Rechtsextremen entgegensetzen, "dann haben die wenig Chancen".

Neonazi-Treffen in Villingen: Gegendemo angedacht

"Villingen gerät in Verruf", äußert sich ein Anwohner, der entsetzt über die Feier am Samstag ist. "Früher habe ich gesagt: Ich komme aus dem Dorf, wo die Amigos herkommen." Nun befürchtet er, dass dem Ort ein rechter Stempel aufgedrückt wird. Er denkt darüber nach, in den nächsten Tagen eine Demo im Dorf als Zeichen gegen Rechtsextremismus zu organisieren.

Wie viele Villinger das auf die Straße locken würde, ist schwer zu sagen. Eine junge Frau hält am Montagnachmittag ein Schwätzchen im alten Ortskern. Sie habe von der Neonazi-Veranstaltung am Samstag nichts direkt mitbekommen, sagt sie. Würde sie bei einer Protestkundgebung gegen Rechts Gesicht zeigen? Die Frau wirkt ein wenig genervt. Den Kriegsbeginn als Anlass einer Feier, das finde sie schon "ein bisschen krass" - und fügt hinzu: "Solche Veranstaltungen gibt es doch auch von anderen Seiten, von den Linken zum Beispiel." Wenn man nun gegen Rechtsextreme demonstriere, "würde das das Gegenteil bewirken - dann fühlen die sich noch bestätigt."

Auch eine ältere Frau, die in ihrem Hof neben trocknenden schneeweißen Bettlaken steht, würde sich einem solchen Protest nicht anschließen. Da spiele Furcht eine Rolle, räumt sie ein - und auch ein anderer Grund: "Ich sag immer: Ich will meine Ruhe haben."

Zusatzinfo: Villingen als Ausweichquartier für Rechtsextreme

  • Ursprünglich sollte die Neonazi-Musikveranstaltung in einem Ortsteil von Wölfersheim stattfinden. Für Samstagabend war in Szenekreisen ein "Balladenabend" der Rechtsrock-Band "Kategorie C" in einer Gaststätte angekündigt worden. Der Betreiber hatte den Vertrag aber kurzfristig gekündigt.
  • Statt dessen wichen die Rechtsextremen nach Villingen aus. "Kategorie C" hat laut Antifaschistischer Bildungsinitiative auf dem privaten Gartengrundstück tatsächlich live gespielt, die Polizei spricht dagegen ausdrücklich nicht von einem "Rechtsrock-Konzert".
  • Laut Polizei und Augenzeugen waren am Samstag etliche Autos mit auswärtigen Kennzeichen in Villingen abgestellt, unter anderem aus Nordrhein-Westfalen. (jwr)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare