300 Millionen Vögel fehlen

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Hungen(pm). Das Insektensterben ist derzeit als Thema ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Dass die Problematik allerdings bereits seit Jahrzehnten bekannt ist, berichtete im Hungener Kulturzentrum Ernst Brockmann. Der NABU Horlofftal hatte zu einem Vortrag eingeladen.

Brockmann betonte, das Insektensterben sei kein abrupter Zusammenbruch eines "Insektenparadieses". Schon in den 1970er Jahren war die Insektenwelt auf einen Bruchteil der einst vorhandenen Arten und Individuen reduziert gewesen. Die neue Sterbewelle der vergangenen 30 Jahre zeige jedoch selbst für Laien unübersehbar, welche Auswirkungen diese Entwicklung hat.

Unter anderem haben die Vögel dadurch Probleme: Fast alle Vögel brauchen, zumindest für die Jungenaufzucht, Insekten als proteinreiche Nahrung. Brockmann erklärte, dass es aufgrund der fehlenden Insekten europaweit 300 Millionen Vögel weniger gebe.

Eine weitere Folge sei, dass die Bestäubungsleistung durch Wildinsekten einbreche. Das züchterisch bearbeitete "Haustier" Honigbiene könne diese Lücke nicht schließen, erklärte der Referent. Zumal die Biene selbst unter der Entwicklung leide.

Dadurch drohten der Landwirtschaft massive Ernterückgänge bei vielen Kulturpflanzen weltweit. Der monetäre Gegenwert von Insekten-Bestäubungsleistungen wird auf wissenschaftlicher Basis allein in Europa auf über 22 Milliarden Euro taxiert. Der Gegenwert, der von Insektenbestäubung abhängigen Obst-, Gemüse- und Ölpflanzen betrug 2010 in Deutschland rund 2,5 Milliarden Euro.

Nutzpflanzen abhängig

"In der EU sind circa 150 Nutzpflanzenarten und 80 Prozent der Wildpflanzen von Insektenbestäubung abhängig", sagte Brockmann. Ohne diese Leistung breche das erntefähige Ertragsniveau artabhängig teilweise dramatisch zusammen.

Als eine Ursache für das Insektensterben hat der Referent die zusehends intensiver und mit agrarindustriellen Methoden bewirtschafteten landwirtschaftlichen Nutzflächen ausgemacht. Auf die Frage nach Lösungen stellte Brockmann fest, dass es nicht nur um mehr Blühstreifen im Feld und in Gärten gehe, sondern dass Lebensräume frei von Pestiziden und hohen Düngergaben fehlten. Zudem seien viele Biotope bis in die jüngste Vergangenheit zerstört worden und mittlerweile gänzlich aus der Landschaft verschwunden.

Einige interessiert zuhörende Landwirte bemängelten die zum Insektensterben stattfindenden Forschungen und die vom Referenten daraus gezogenen Rückschlüsse. Sie wehrten sich angesichts der noch offenen wissenschaftlichen Fragen gegen die aus ihrer Sicht einseitigen Schuldzuweisungen gegen die Landwirtschaft.

Stephan Kannwischer vom NABU Horlofftal appellierte an Landwirte, Naturschützer und Verbraucher, inhaltlich enger "zusammenzurücken" und Problemlösungen zu erarbeiten, da ansonsten auch der Landwirt zur "bedrohten Art" werden würde. Der NABU Horlofftal suche hier mit landwirtschaftlichen Betriebsbesichtigungen den offenen Dialog und erhoffe sich dadurch auch mehr öffentliches Verständnis für landwirtschaftliche Zusammenhänge und größeres Bewusstsein über die wichtige Rolle der Verbraucher und ihrer Kaufgewohnheiten.

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