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"Mehr als nur Humba Humba Täterä"

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Für Karnevalisten beginnt heute die fünfte Jahreszeit. Im Landkreis Gießen sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe Karnevalsvereine neu gegründet worden. Was lässt junge Leute närrisch werden? Markus Braun, Vize-Präsident der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval, hat eine Erklärung.

Erst gründen sich in Hungen die "Stallburschen aus der Wetterau", dann in Muschenheim und nun in Beltershain neue Karnevalsvereine. An der Spitze stehen junge Leute. Hat der Karneval ein neues Hoch, Herr Braun?

MarkusBraun: Es fällt auf: Früher war Karneval eine Sache für Leute ab 50. Heute sind es junge Leute, die die Tradition Karneval pflegen. Und dabei geht es nicht um Party machen und Saufen, sondern um Veranstaltungen, die mit dem Brauchtum verbunden sind.

Im Kreis Gießen gibt es viele Karnevalsvereine mit einer teils langen Tradition. Warum gründen die jungen Leute eigene Vereine?

Braun:Ich denke, die jungen Leute wollen da etwas eigenes machen. Die Stallburschen etwa hatten eine Vision, die sie so umsetzen wollten. Ich hab sie in der Gründungszeit viel beraten. Jetzt haben sie mit der Herrensitzung eine eigene Veranstaltung etabliert. Die Beltershainer wollten etwas, das auf mehr als nur Humba Humba Täterä und Kommerz ausgerichtet ist. Und in Burkhardsfelden hat sich der Karnevalsverein 2012 aus dem Sportverein heraus neu gegründet.

Entsteht da eine Konkurrenzsituation?

Braun:Nein. In Burkhardsfelden beispielsweise arbeiten Sport- und Karnevalsverein gut zusammen. Und auch in den anderen Orten funktioniert das Miteinander. Außerdem bildet auch in den etablierten Karnevalsvereinen die Jugend den überwiegenden Teil der Aktiven. Man muss die Jugend aber auch in die Vorstände holen, damit sie dort für sich und die Interessen der jungen Bevölkerung sprechen und Ideen vorstellen kann. Mit Altbackenem reißt man heute niemand mehr vom Sofa.

Heute kämpfen viele Vereine mit sinkenden Mitgliederzahlen. Bilden die Karnevalsvereine da eine Ausnahme?

Braun:Die Mitgliederzahlen sind sehr stabil. Ich betreue im Bezirk VII der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval nun 85 Vereine von Neustadt bis Ober-Mörlen. In Ober-Mörlen gibt es zwei Vereine mit je 900 Mitgliedern, das ist toll. Oder wenn der CCR Ruttershausen mit all seinen Gruppen auf die Bühne geht - das ist einfach überwältigend. Ein tolles Beispiel ist auch der Karnevalsverein in Krofdorf-Gleiberg, wo es nicht nur viel tänzerischen Nachwuchs, sondern auch junge Leute in der Bütt gibt.

Was macht eine gute Büttenrede für Sie aus?

Braun:Der Redner muss überzeugend rüberkommen, die Aufmerksamkeit muss sich auf ihn richten. Wenn der Sitzungspräsident erst dreimal klingeln muss, damit es ruhig wird, ist das ein schlechtes Zeichen. Was aber auch wichtig ist: Wenn das Dorfgeschehen lustig wiedergegeben wird, müssen auch die Leute von außerhalb verstehen können, worum es geht. Wenn man das Publikum nicht nach den ersten zehn Sätzen erreicht, hat man verloren.

In Mittelhessen sind die Büttenreden vor allem mit Witzen gespickt, im Rheinland sind sie meist politischer.

Braun:Das findet man hier leider recht selten. In Krofdorf hab ich einen Büttenredner erlebt, da wurde der Saal verdunkelt und die Besucher sollten die Augen schließen. Er hat uns auf eine Reise durch die Bundes- und Kreispolitik mitgenommen. Das war das Beste, was ich in den letzten Jahren erlebt habe.

Leider kam es schon vor, dass Büttenredner nach ihrem Vortrag angefeindet oder gar angezeigt wurden. Wie bewerten sie das?

Braun:Der Karneval kommt aus einer Zeit, in der man sich sonst nicht straflos politisch äußern durfte. Auf einer Karnevalsbühne darf man niemand persönlich beleidigen oder bloßstellen. Aber man muss als Politiker darüber stehen, wenn man durch den Kakao gezogen wird. Ich bin froh über jeden, der in die Bütt steigt.

Was macht für sie den Reiz der Fastnacht aus?

Braun:Dass Jung und Alt, Arm und Reich, Groß und Klein zusammen friedlich feiern. Der Karneval hat eine sehr positive Wirkung und viele freuen sich darauf. Ich bin stolz darauf.

Heißt es eigentlich Fasching, Fastnacht oder Karneval?

Braun:Es ist alles richtig. Bei uns heißt es eher Fastnacht oder Karneval. In Bayern wird Fasching gefeiert, das ist dann aber eher ein Ball. Eins ist aber überall gleich: Es wird nur vom 11.11. bis Aschermittwoch gefeiert. Ansonsten bleibt die Narrenkappe im Schrank.

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