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Kommende Woche fängt Marlene Bierwirth an, Erziehungswissenschaften zu studieren.

Buch "Meine Medizin seid ihr"

Marlene Bierwirth: "Braucht jemand Extensions? Ich hätte da ein paar"

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Marlene Bierwirth aus Obbornhofen steckte mitten in den Abiturprüfungen an der Gesamtschule Hungen, als Ärzte einen bösartigen Hirntumor bei ihr entdeckten. Zwei Jahre ist das her. Heute ist die 20-Jährige tumorfrei. Über ihren Kampf gegen den Krebs und über ihre Ängste, Hoffnungen und Pläne hat sie nun ein Buch geschrieben: "Meine Medizin seid ihr".

Die Nacht ist angebrochen. Marlene Bierwirth sitzt im Auto, nach einem Kinoabend fährt sie mit einer Freundin durch Gießen. Die 20 Jahre alte Hungenerin schaut nach draußen, ihre Blicke wandern zu den Gebäuden des Uniklinikums. Die Krankenhausfenster sind hell erleuchtet. "Wie Glühwürmchen im Dunkel der Nacht", sagt Bierwirth. Erinnerungen werden wach. An ihren Kampf gegen den Hirntumor. Zweieinhalb Jahre ist es her, als sie dort oben erstmals auf einem Krankenbett der Kinderkrebsstation lag und nachts immer wieder schlaflos nach unten auf die beleuchtete Straße schaute. Damals verspürte sie "das Gefühl, dass die Welt da draußen aufregend und voller Leben ist, während für mich da drin, hinter den großen Fenstern und dicken Glasscheiben die Zeit stehen zu blieben schien."

Marlene Bierwirth: Krebs-Diagnose während Abiturprüfungen

Es sind Zeilen aus Bierwirths Buch über die Zeit, als sie mitten in den Abiturprüfungen an der Gesamtschule Hungen steckt und ein bösartiger Tumor ihr Leben über den Haufen wirft. "Meine Medizin seid ihr - Warum man den Krebs nicht allein besiegt", erscheint am heutigen Dienstag. "Ich will Menschen damit Mut machen", sagt sie - und fügt einen Satz über ihre Krebserkrankung hinzu, der für einen Augenblick zum Staunen bringt. "Die Zeit war auch kostbar."

Nach der Diagnose im März 2017 findet Bierwirth ihren eigenen Weg zu kämpfen. "Ich war davor ein pessimistischer Mensch." Doch mit der Erkrankung ändert sich das. Wer die 288 Seiten ihres Buchs durchstöbert, entdeckt immer wieder Momente, in denen sie dem Tumor mit Optimismus und Humor trotzt.

Marlene Berwirth: "Mein Leben vom Krebs nicht kaputt machen lassen."

Einmal verbringt sie einen Nachmittag mit ihren zwei besten Freundinnen, sie hat gerade eine Chemotherapie hinter sich. Bevor sie einen Supermarkt betreten, um Eis zu kaufen, zieht Marlene einen Mundschutz über, um sich vor Infektionen zu schützen - und zieht zwei weitere Exemplare aus ihrer Handtasche. "Heute habt ihr die Ehre, im Partnerlook mit mir herumzulaufen", sagt sie. Gleich darauf schießen die Freundinnen Selfies, im Auto hören sie laut Musik und "singen, nein schreien" den Text des Lieds "Little Hollywood". In ihrem Buch schreibt sie später über den Nachmittag, sie habe "ein tiefes Glück" empfunden. "Ich will und darf mir mein Leben vom Krebs nicht kaputt machen lassen."

Bierwirth berichtet in ihrem Buch von rührenden Erlebnissen, wie Familie und Freunde ihr beistehen. Wenn beispielsweise ihre gehörlosen Großeltern sie im Krankenhaus besuchen und der 18-Jährigen von den Lippen ablesen, wie es ihr ergeht. Schließlich packt die Großmutter aus einer Tüte unzählige Schlafanzüge als Geschenk für die Zeit in der Klinik aus. "Oma präsentiert mir alle Modelle und erklärt mir zu jedem, warum sie sich jeweils dafür entschieden hat."

Gleichzeitig verschweigt Marlene nicht, wie die Erkrankung sie auch überfordert. "Ich sollte mit 18 Jahren mein Leben leben, Spaß haben, feiern und Freunde treffen", schreibt sie einmal. "Und ich? Ich sitze fest. Während alle an mir vorbeiziehen, bin ich stehengeblieben."

Marlene Bierwirth: Buch "Meine Medizin seid ihr" erscheint am 1. Oktober

Vor allem eines lehnt sie ab: "Ich will kein Mitleid, nicht diese ganze Aufmerksamkeit. Ich will nicht das kranke Mädchen sein." Als ihr Vater direkt nach der Diagnose sagt, man stehe das gemeinsam durch, wehrt sie sich innerlich dagegen. "Ich will meinen Papa diese Worte nicht sagen hören."

Und es gibt auch schlimme Tage. Der Ausfall der ersten Haare kurz nach der ersten Chemotherapie habe sie "mehr als die Tumordiagnose getroffen", sagt sie. Ungläubig steht sie einmal vor dem Mülleimer und streicht sich die Haare vom Kopf. Während sie Strähnen in der Hand hält, sagt sie zu Freunden: "Braucht jemand Extensions? Ich hätte da ein paar." Es tue ihr gut, dieses ernste und eigentlich so schwierige Thema mit Ironie anzugehen, schreibt sie. "Ich habe auch gemerkt, dass ich meinem Gegenüber damit die Scheu nehme und nicht zu viel Mitleid bekomme."

Marlene Bierwirth: Seit einem Jahr tumorfrei

Seit einem Jahr ist Bierwirth nun tumorfrei. Allmählich ist Normalität in ihrem Leben eingekehrt. Ihr Abitur hat sie nachgeholt. Kommende Woche beginnt sie nun, in Gießen Erziehungswissenschaften zu studieren. Im Bereich der außerschulischen Bildung will sie einmal arbeiten. Mit ihrem Bruder hat sie eine WG gegründet. Sie reitet wieder regelmäßig, singt im Chor "Songlines" in Lich. "Es geht mir super", sagt sie. Dies verdanke sie vor allem ihrer Familie, ihrem Ex-Freund und ihren Freunden. "Meine Medizin seid ihr" hat sie daher das Buch genannt. "Ich meine damit wirklich alle, auch die Ärzte und Schwestern und meinen Followern auf Instagram." Dass sie ein Buch geschrieben hat, bringt sie selbst zum Staunen. "Ich bin nicht der strebsamste Mensch", sagt sie lachend.

Geschrieben hat sie indes bereits während ihrer Krebserkrankung, in einem Blog und auf Instagram, wo ihr inzwischen 150.000 Menschen folgen. Es habe gut getan, der Welt da draußen zu zeigen, "dass ich noch da bin und kämpfe", sagt sie. "Dass ich nicht nur die arme Marlene bin, die Krebs hat und keine Haare mehr." Man müsse allerdings kein starker und optimistischer Mensch sein, um eine Krebserkrankung durchzustehen. "Man ist der Mensch, der man eben ist. Und damit muss man klarkommen."

Marlene Bierwirth: "Ich bin glücklich. Und wie."

Sie habe am Abgrund gestanden, betont sie. "Ich bin glücklicher als vorher, weil ich das Leben heute mehr zu schätzen weiß." Sie habe Todesangst verspürt, tiefe Einsamkeit - und gleichzeitig "selbstlose Liebe" erfahren, unfassbare Erleichterung, Freude und Glück. "Selbst in den schmerzhaftesten und einsamsten und hoffnungslosesten Momenten", dank der Gewissheit: "Ich bin nicht allein." Am Ende schreibt sie: "Ich bin glücklich. Und wie."

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