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Der Charme von früher ist geblieben, die landwirtschaftliche Nutzung aber passé: In den Scheunen und Ställen von Hofgut Ringelshausen wird heutzutage moderne Steuerungstechnik entwickelt. FOTO: HENSS

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Landwirtschaft 4.0 am Rande des Vogelsbergs

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Hofgut Ringelshausen hat den Sprung ins 21. Jahrhundert gut gemeistert. Im ehemaligen Kuhstall tüfteln heute Ingenieure an moderner Steuerungstechnik.

Von Gießen aus nimmt man die B 457 Richtung Südosten. Vorbei an Lich und Hungen geht die Fahrt bis zum Rodheimer Kreuz, dort biegt man links ab und lässt ein paar Hügel hinter sich. Dann ist man am Ziel. Dort, zwischen Wetterau und Vogelsberg, liegt das Hofgut Ringelshausen. Seit dem Mittelalter dreht sich hier alles um die Landwirtschaft, ganz gleich, ob Ritter, Mönche oder die Universitäten von Gießen oder Marburg und ihre Pächter hier das Sagen hatten.

Auf den fruchtbaren Böden rund um Ringelshausen baut eine Betriebsgemeinschaft Raps, Zuckerrüben und Getreide an. Viehhaltung gibt es nicht mehr. Im ehemaligen Kuhstall tüfteln heute Ingenieure der Reichardt GmbH Steuerungstechnik. Sie entwickeln elektronische Helfer unter anderem für die Landwirtschaft. Die Firma mit rund 130 Angestellten in Hungen, Lautertal-Engelrod und in den USA ist weltweit für automatische Lenksysteme bekannt und wurde mehrfach ausgezeichnet. GPS, Ultraschall und Reihentaster sorgen für zentimetergenaue Arbeit auf dem Acker.

Hightech für den Trecker

Gegründet wurde das Unternehmen in den 1980-er Jahren von Andreas Reichhardt. Der Agraringenieur, der auf Ringelshausen aufgewachsen ist, kaprizierte sich schon als Student auf die technischen Seiten der Landwirtschaft. Die elektronischen Steuerungselemente, die er in seiner Studentenbude in Göttingen ausgetüftelt hat, setzte er zunächst im elterlichen Betrieb ein. Heute gehören große Hersteller aus den Bereichen Landtechnik, Baumaschinen und Kommunaltechnik zu den Kunden der Reichhardt GmbH Steuerungstechnik.

Natürlich kommen die Entwicklungen made by Reichhardt auch auf den Feldern rund um Hofgut Ringelshausen zum Einsatz. Auf dem Luftbild ist das gut zu sehen. Wie Unternehmenssprecherin Andrea Reichhardt erläutert, werden die Fahrspuren im Weizenfeld bereits beim Säen mit Hilfe von GPS angelegt. "So geht später an den Pflanzen nichts kaputt." Auch die Feldspritze könne ganz gezielt eingesetzt werden, sagt die Ehefrau des Firmengründers, die sich ums Marketing kümmert. Dass selbst Oldies mit Precision Farming klar kommen, beweist ein 40 Jahre alter Schlüter Super 1500 PVL, der auf dem Hof restauriert und mit Reichhardt-Technik upgegradet wurde. Das Video des aufgemotzten Traktors wurde auf Facebook tausendfach geklickt.

Prominente Bewohnerin

Sein heutiges Aussehen erhielt das Hofgut im 19. Jahrhundert. Damals habe der Fürst zu Solms-Braunfels Ringelshausen nach und nach erworben und umgebaut, berichtet Andrea Reichhardt. Die Familie ihres Mannes ist hier seit 1930 zu Hause. Damals kaufte Karl Reichhardt, Bürgermeister von Rabertshausen und Urgroßvater des heutigen Eigentümers, das Hofgut. Prominenteste Bewohnerin aber war Irmgard Reichhardt. Die spätere Hessische Landwirtschaftsministerin, die 1994 an den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls verstarb, leitete Ringelshausen gemeinsam mit ihrem Ehemann Arnold Reichhardt viele Jahre als Ausbildungs- und Saatgutvermehrungsbetrieb. In den 1960-er Jahren begründete Arnold Reichhardt zudem die Produktion von Rollrasen. Bis heute wachsen die sattgrünen Soden auf vier Schälstellen zwischen Ringelshausen, Ulfa und Stornfels heran.

Schließlich gibt es auf dem Hofgut noch die kleine Vinothek SteirerART, die an die Tradtion des Weinbaus auf Ringelshausen anknüpft, die im Dreißigjährigen Krieg zum Erliegen gekommen war. Andrea Reichhardt hat den Wein zurückgeholt. Sie bietet Tropfen aus ihrer österreichischen Heimat an.

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