Die letzte Spur des verschwundenen Dorfs Eppelrode ist der Brunnen in der Wiese.
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Die letzte Spur des verschwundenen Dorfs Eppelrode ist der Brunnen in der Wiese.

Vergessener Ort

Kreis Gießen: Unscheinbares Loch im Boden ist letzte Spur eines verschwundenen Dorfes

  • vonPatrick Dehnhardt
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Seit Jahrhunderten ist das Dorf Eppelrode eine Wüstung. Letzte Spur der einstigen Siedlung ist der Brunnen. Für Villingen hat er noch immer eine wichtige Rolle - gerade wenn es um Babys geht.

Hungen – Trockene Blätter aus dem letzten Jahr rauschen im Wind, der über die Feldflur bei Villingen streicht. Die Wiese liegt nass am Waldrand, durch ihre Mitte führt ein Graben. Direkt daneben befindet sich ein Loch im Boden. Es ist gut einen halben Meter tief und mit großen Steinen eingefasst. Das Wasser ist klar, es hat eine leichte Strömung: das Eppelröder Börnche. Der Brunnen ist die letzte Spur eines vor Jahrhunderten verschwundenen Dorfes. Über die ehemaligen Einwohner und die Geschichte des Ortes ist nur wenig bekannt.

Verschwundenes Dorf bei Hungen (Kreis Gießen): Puzzle mit fehlenden Steinen

Wilhelm Konrad und Otto Rühl vom Heimatkundlichen Arbeitskreis haben versucht, aus alten Urkunden, Akten und den Erzählungen im Dorf die Geschichte von Eppelrode nachzuzeichnen. Es ist ein Puzzle, bei dem noch viele Steine fehlen - und manche vermutlich nie wieder auftauchen werden. Wann genau die kleine Siedlung entstand, ist unklar. Die erste urkundliche Erwähnung datiert aus dem Jahr 1251, als ein Ritter Ludwig van Vadenrod einen Acker in »Eppilinrode« an das Kloster auf dem Wirberg abtritt. 1290 verpachtet Abt Heinrich von Hersfeld an den Ritter Craft von Bellersheim das Meieramt in Hungen - also die Verwaltung von Grundbesitz. Darin inbegriffen war der »Neurottzehnte« für 60 Morgen Land in Mazvelde (Messfelden), Eppelnrode und Lunrode (Nonnenroth). Bei dem Neurottzehnten handelte es sich um eine Steuer, die von neu gerodetem Land erhoben wurde.

Wie viele Einwohner das Dorf hatte, aus wie viel Bauernhöfen es bestand - es bleibt unklar. Auch warum Eppelrode aufgegeben wurde, ist unbekannt. »Es heißt, die Leute sind weggezogen. Aber wann, das weiß man nicht genau«, sagt Konrad. Bei anderen Dörfern, die in jener Zeit verlassen wurden, zog es die Bewohner hinter die sicheren Mauern Hungens, das 1361 Stadtrechte erhielt.

Verschwundenes Dorf im Kreis Gießen: Mauerreste noch lange sichtbar

Im Dreißigjährigen Krieg litt Villingen stark unter den Soldaten und der Pest. Von 1635 bis 1644 war das Dorf unbewohnt. Die Dorfchronik aus dieser Zeit berichtet, dass damals in Eppelrode Apfelbäume und ein Brunnen stehen. Von Höfen ist keine Rede mehr. Einige Grundmauern überdauerten bis ins letzte Jahrhundert. Konrad kann sich an diese erinnern - und wie sie um das Jahr 1950 herum beseitigt wurden, da sie dem Ackerbau im Weg standen.

Obwohl über Eppelrode wenig bekannt ist, spielte es für Villingen eine bedeutsame Rolle - vor allen Dingen, nachdem es zur Wüstung wurde. Konrad berichtet, dass die Arbeiter auf dem Felde gerne den Brunnen nutzten, um ihren Durst zu stillen: »Das Wasser dort ist in einem einwandfreien Zustand.« Im Gemeindearchiv gibt es mehrere Rechnungen über Instandsetzungsarbeiten an dem Eppelröder Börnche.

Hinzu kam, dass Villingen immer wieder unter Wasserknappheit litt. Auch die Horloff konnte dabei nur wenig helfen. Über Jahrhunderte hinweg hatten die Bauern ihr Vieh dort zur Tränke geführt, am Ufer wurde die Wäsche gewaschen. Doch die Wasserqualität nahm ab. Als eine chemische Fabrik in Friedrichshütte ihre Abwässer in den Fluss einleitete, reichte es den Villingern. Sie zogen in Frankfurt vor Gericht - und gewannen. »Das war ein Umweltschutzprozess«, sagt Konrad, der erst vor Kurzem auf dessen Spuren gestoßen ist.

Beim »Dolles-Dorf«-Dreh 2017 wird nachgestellt, wie ein Kind am Brunnen abgeholt wird. ARCHIVFOTO: PAD

Verschwundenes Dorf im Kreis Gießen: Taufwasser aus dem Brunnen

Die Trockenheit sorgte weiter für Probleme. 1859 und 1860 war es besonders schlimm, die Brunnen im Dorf drohten zu versiegen. »Das Wasser wurde unter polizeilicher Aufsicht ausgegeben«, schildert Konrad. Die Idee kam auf, den Brunnen von Eppelrode anzuzapfen, der auch im Sommer nie trocken fiel. Eine Wasserleitung nach Villingen sollte gebaut werden. Am 23. Oktober 1866 beschloss der Gemeinderat eine Untersuchung des »Äppelröer Birnche«. Nur einen Monat später wurde dieser Plan jedoch verworfen. »Da kamen nur acht Liter in einer Minute raus, das reichte nicht«, berichtet Konrad. Als 1907 ein Anschluss an die Fernwasserleitung von Lauter nach Bad Nauheim erfolgte, war zumindest das Versorgungsproblem gelöst.

Der Brunnen des verschwundenen Dorfes hat für Villingen jedoch noch eine weitere Funktion. »Die Villinger Kinder kommen aus dem Brunnen«, sagt Konrad und schmunzelt. Laut dörflicher Überlieferung setzte der Storch dort die Säuglinge ab. »Wenn er über dem Brunnen kreiste, hieß es früher: ›Es bekommt jemand ein Kind.‹« Mit Kindern hat der Brunnen auch noch heute zu tun: Mittlerweile ist es in Villingen Brauch, dass Eltern das Taufwasser für ihr Kind aus dem Eppelröder Brunnen holen.

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