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Blick in die Schneiderwerkstatt von Julius Kuttner. Oben: Das Wäschezeichen beweist, dass dieses Stück einst in Bellersheim genäht wurde. FOTOS: ARCHIV AG SPURENSUCHE

Judenverfolgung im Dritten Reich

Juden in Bellersheim: Das Schicksal der Familie Kuttner

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Die jüdischen Familien gehörten fest zum Bellersheimer Dorfleben. Doch als die Nazis 1933 an die Macht kamen, wurde das Leben für die jüdischen Familien im Dorf zunehmend schwerer.

Die Kinder spielten gemeinsam auf der Straße. Hanne Wetterhahn, eine betagte Frau, rief öfters mal eines zur Hilfe, wenn ihr der Ofen auszugehen drohte. Als Dank konnten sich die jungen Bellersheimer über Süßigkeiten freuen. Und gerade die Matzenbrote waren bei den Kindern sehr beliebt: "Wenn man da reinbiss, krachte es so schön. Wir Kinder mochten es sehr", erinnerte sich etwa Ilse Kappeller. Das nachbarschaftliche Miteinander zwischen Juden und Christen - welches allerdings auch schon damals immer wieder von antisemitischen Ausfälligkeiten gestört wurde - endete schließlich, als die Nazis 1933 an die Macht kamen.

Die jüdischen Familien Stern, Kuttner, Löb und Wetterhahn hatten über 300 Jahre zum Dorfleben gehört. Die AG Spurensuche hat ihre Geschichte im Rahmen des Dorfjubiläums 1250 Jahre Bellersheim recherchiert. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, sollen im Februar vor dem ehemaligen Haus der Familie Kuttner Stolpersteine gesetzt werden.

Rund 75 000 Stolpersteine sind mittlerweile bundesweit zu finden. Sie werden von dem Künstler Gunter Demnig vor Häuser gesetzt, die der letzte selbstgewählte Aufenthaltsort von jüdischen Mitbürgern waren, bevor diese deportiert, ermordet oder sterben gelassen wurden. In Bellersheim werden sie an Julius Kuttner, seine Frau Emma und Tochter Martha erinnern.

Julius Kuttner war ein im Dorf beliebter Schneidermeister. Er hatte einen guten Ruf als Handwerker, beschäftigte Gesellen und bildete Lehrlinge aus. Im Haus in der Münchgasse lag die Werkstatt. Das Paar hatte drei Töchter. Die älteste Tochter Berta lernte bei ihrer Arbeit in Frankfurt ihren Mann Friedrich Hurwitz kennen. Als sich das Paar verlobte, brachte die Bellersheimer Jugend ihnen ein Ständchen dar. Das war so Tradition, wenn ein Bellersheimer Mädchen einen Auswärtigen heiratete. Nachbar Karl Weil war Trauzeuge. Das junge Paar zog schließlich mit der dreijährigen Tochter Inge 1935 in die USA. Die zweite Tochter, Elsa, wirkte unter anderem bei Theateraufführungen in der Angermühle mit. In den 1920er Jahren ging sie in die USA als Kindermädchen, heiratete dort.

USA verweigerten Aufnahme

Die dritte Tochter Martha war seit Geburt geistig behindert. Die USA weigerten sich darum, das Ehepaar mit der Tochter aufzunehmen. So blieben sie in Bellersheim, obwohl sich die Umstände für sie zusehends verschlechterten. Bereits im April 1933 rief die NSDAP zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Die Kunden des Schneiders befürchteten Strafen, kamen nur noch nachts, wenn sie nicht ganz wegblieben. Als Adolf Jakobi 1934 zu seiner Hochzeit seinen ehemaligen Lehrmeister Julius Kuttner einlud, wurde er aus der Partei ausgeschlossen.

Im November 1938 erging schließlich die Order an alle Ortsgruppenleiter, Juden zu überfallen: das Novemberpogrom. Der Bellersheimer Ortsgruppenleiter schien daran jedoch keine Freude zu haben. Laut Augenzeugenberichten warf Heinrich Müller lediglich im Vorbeifahren einen Stein in ein Fenster, um "seine Pflicht" zu erfüllen. Doch eine Gruppe Jugendlicher aus Utphe, Inheiden und Trais-Horloff war mit ihrem Ortsgruppenführer nach Bellersheim gekommen. Sie schlugen das Ehepaar Kuttner und die Tochter, zertrümmerten die Möbel, warfen die Lebensmittelvorräte auf die Straße. Augenzeugin Luise Hitzel berichtete 2004: "Die umstehenden Leute auf der Straße waren erschüttert und schüttelten nur noch ihre Köpfe. Jedoch traute sich niemand das Wort zu erheben, da den Umstehenden bereits mit Abführung gedroht wurde."

Bellersheimer versorgten danach heimlich die Familie mit Lebensmitteln. 1941 wurden die Kuttners gezwungen, nach Inheiden in ein "Judenhaus" umzuziehen. Einige Bellersheimer brachten im Winter dort Brennholz vorbei. Im September 1942 wurden die zwölf Bewohner des "Judenhauses" deportiert. Martha Kuttner wurde nach Treblinka gebracht und ermordet. Das Ehepaar Kuttner starb im KZ in Theresienstadt.

Eine weitere jüdische Familie aus Bellersheim waren die Wetterhahns. Sie hatten acht Kinder, von denen drei bereits vor 1933 starben. Auch das Ehepaar selbst war zu Beginn der Nazi-Zeit bereits einige Jahre tot. Drei Söhne konnten ins Ausland fliehen. Die Tochter Mathilda wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und später in Treblinka ermordet. Kathinka Wetterhahn heiratete nach Münzenberg. Zusammen mit dem Metzger Karl Katz hatte sie vier Kinder, von denen drei dem Holocaust entkamen. Sie und ihr Mann wurden ebenso wie ihre Tochter Erna, deren Mann Arthur und die achtjährige Enkeln Ruth deportiert und in Konzentrationslagern ermordet.

Lediglich die Familie Löb konnte rechtzeitig auswandern. Siegfried Löb ging bereits 1933 nach Palästina, konnte später seine Eltern nachholen.

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