ik_Hungen_060921_4c_1
+
Stolpersteine bewahren die Erinnerung an jüdische Bürger.

Jedes Messingtäfelchen ein Schicksal

  • VonConstantin Hoppe
    schließen

Hungen (con). Überall in Deutschland brannte es in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938: Synagogen standen in Flammen. Geschäfte, die Juden gehörten, wurden geplündert und zerstört. Häuser wurden verwüstet, Menschen verschleppt. So auch in der Hungener Bahnhofstraße: Dort traf es in jener Nacht die Familien Saalberg und Kahn in der damaligen Bahnhofstraße 5 und 1 (heute Raiffeisenstraße).

Familienmitglieder wurden verhaftet und misshandelt.

Wichtiges Erinnern

Am Freitagnachmittag wurde auch in Hungen der Opfer der NS-Verbrechen gedacht: Gemeinsam mit Mitgliedern des Arbeitskreis »Spurensuche« und Bürgermeister Rainer Wengorsch wurden von Gunter Demnig elf Stolpersteine verlegt, die an die früheren jüdischen Mitbürger erinnern und gleichzeitig Mahnmal für die Schrecken sind, die Menschen erleiden mussten.

»Max Emil Saalberg, Julius Kahn, Hermann Oppenheimer, Isidor Sulzbach und Salomon Wiesenfelder wurden wie viele jüdische Männer von Hungen in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt«, berichtete Hubert Wiesenbach in der Gedenkstunde. Nach der Freilassung wurde Max Emil Saalberg gezwungen, sein Anwesen in der Bahnhofstraße 5 an die Stadt Hungen zu verkaufen: »Dieses Haus wäre zur Unterbringung der Realschule sehr geeignet...«, schrieb der damalige Hungener Bürgermeister am 9. Dezember 1938 an den »Reichsstatthalter in Hessen«.

Max Emil Saalberg erhielt schließlich 15 500 Reichsmark für sein Anwesen - das Geld wurde durch Judenabgaben, Devisenabgaben, (Reichs-) Fluchtsteuer und Vermögensfiskation komplett aufgebraucht. Alle vier Angehörige der Familie Saalberg in der Bahnhofstraße 5 wurden zwangsweise getrennt: Max Emil Saalberg zwangsemigrierte in die USA, seine Frau Erna Charlotte geb. Aumann und seine Mutter Bertha wurden nach Theresienstadt deportiert und 1942 ermordet. Die damals noch junge Grete Saalberg, Tochter von Max Emil, kam mit einem »Kindertransport« nach England und ging von dort wie ihr Vater in die Vereinigten Staaten.

Nur zwei Häuser weiter in der Bahnhofstraße 1 wohnte die Familie Kahn, der es kaum anders erging: Nach den ersten Angriffen auf die Hungener Mitbürger verließ der 1912 geborene Max Erich Kahn bereits 1934 Hungen und ging nach Holland, von dort ging er weiter nach Belgien und schließlich in die Schweiz. Als er sich nach Kriegsende am 17. Juli 1945 wieder in Gießen anmeldete, fand er keinen Angehörigen lebend wieder: Sein Vater Julius Kahn wurde 1943 in Theresienstadt ermordet, seine Mutter Bertha verstarb 1941 im jüdischen Alters- und Siechenheim in Darmstadt. Die Spur seiner Schwester Florenze Kahn verlor sich nach der Deportation ins Ghetto Piaski-Lublin in Polen. Auch Samuel und Frieda sowie deren Tochter Margarete lebten damals in Hungen: 1933 verließen sie Deutschland - vermutlich in Vorahnung dessen, was noch folgen sollten. Zuerst ging es für nach Paris, dort wurden Samuel und Frieda zur Kriegsbeginn interniert. Margarete und ihr Ehemann Max van den Berg bekamen sie jedoch wieder frei. Doch kurz darauf wurde Samuel verhaftet, später ins KZ Majdanek gebracht, wo er 1943 vermutlich ermordet wurde. Für seine Frau, die Tochter und den Schwiegersohn begann eine vierjährige Flucht durch Frankreich und in die Schweiz.

»In Hungen gibt es nur noch die Erinnerung an die jüdischen Familien, die viele Jahrhunderte lang hier gelebt haben«, berichtete Christel Lauterbach für die AG »Spurensuche«. Diese Erinnerung wolle man lebendig halten. Mit den nun verlegten elf Stolpersteinen wird auf diese Weise bereits 59 Hungener Bürgern gedacht. Insgesamt lebten 1933 mehr als 110 Menschen jüdischen Glaubens hier. FOTO: CON

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare