Hartmut Lemp mit der Figur des "Postmodernen Menschen", die am Lutherweg in Nonnenroth steht. FOTO: PAD
+
Hartmut Lemp mit der Figur des "Postmodernen Menschen", die am Lutherweg in Nonnenroth steht. FOTO: PAD

"Ich bin eigentlich ein unreligiöser Mensch"

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
    schließen

Schäferwagenherberge und Dorfladen, Luther-Spektakel und Kunstwerke - die Kirchengemeinden Villingen und Nonnenroth sind rege aktiv. Doch selbst für solche Gemeinden wird es schwer, einen Nachfolger zu finden. Dies steht nun an: Hartmut Lemp geht in Ruhestand.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum" - Psalm 31 ist nicht nur der Lieblingsbibelvers von Hartmut Lemp, sondern traf auch auf seine Zeit als Pfarrer in den Kirchengemeinden Nonnenroth und Villingen zu. "Ich bin dankbar für die Freiheiten, die ich hier hatte", sagt er. Über diese könnte sich auch ein Nachfolger freuen - wenn er gefunden wird.

Ein junger Pfarrer sollte sich eigentlich freuen, in die beiden calvinistisch geprägten Dörfer kommen zu dürfen. Denn dort bedeutet Kirche weit mehr, als nur Gottesdienste abzuhalten. Ein Beispiel: Als klar war, dass Nonnenroth am "Lutherweg 1521" liegen würde, wurden von weißrussischen Künstlern eigens drei Holzfiguren geschaffen - der postmoderne Mensch, Calvin, Luther. Diese glorifizierten die Dargestellten jedoch nicht, sondern setzten sich mit ihnen kritisch auseinander. Das kam bundesweit bei Kunstkritikern gut an.

Nicht minder beliebt ist die Schäferwagenherberge. Und mit "Pop meets classic" wurde über Jahre hinweg ein beeindruckendes Orgelfestival am Nonnenröther Kirchberg abgehalten.

Doch nicht nur um die spirituelle, sondern auch die nahrungstechnische Grundversorgung hatte sich der Pfarrer zu kümmern: Als Villingen wieder einen Dorfladen bekommen sollte, stieg die Kirchengemeinde sofort mit ins Boot, damit das Projekt nicht ins Wanken geriet. Und dass der Pfarrer bei Kirmes und Dorffest ebenfalls tatkräftig mit anpackt, ist eine Selbstverständlichkeit.

Dennoch ist es schwer, selbst für solch aktive Kirchengemeinden einen neuen Pfarrer zu finden. Und das, obwohl es ein recht sicherer Beruf ist.

Lemp sieht eine Ursache in der Studienzeit. Viele angehende Pfarrer würden ihre Partner während des Studiums kennenlernen - meist andere Akademiker. Diese hätten in einem städtischen Umfeld andere Jobchancen. "Wenn mein Partner Entwicklungsingenieur ist und ich Pfarrer, suche ich mir etwas in seiner Nähe", sagt Lemp. Zudem sei es für einen jungen Menschen, der einmal die Vorteile urbanen Lebens kennengelernt hat, sehr schwer, aufs Land zu ziehen. Da müsse man das Dorfleben schon sehr mögen.

Auf Lemp trifft dies genau zu: "Ich wollte nie in die Stadt, ich wollte immer aufs Land." Nach 35 Jahren sieht er dies noch immer so: "Ich habe hier meine Heimat gefunden." Schon jetzt freut er sich auf die 750-Jahrfeier von Nonnenroth im kommenden Jahr. Als ihn die Kirchenvorstände fragten, ob er noch so lange weitermachen würde, bis ein Nachfolger gefunden sei, sagte er darum auch gerne "Ja".

Der Beruf eines Pfarrers auf dem Dorf hat allerdings auch Schattenseiten. Nicht jedes Projekt, das man anstößt, gelingt. "Es ist auch nicht immer alles auf Liebe bei allen gestoßen." Als er sich als damals noch neuer Pfarrer für den Kauf des Gemeindehauses aus der Sommerlad-Konkursmasse heraus einsetzte, wehte ihm ein scharfer Wind entgegen. Ein Älterer gab ihm damals mit auf den Weg, dass man die Mehrheit hinter sich wissen müsse - alle können man nie überzeugen. Auch bei der Schäferwagenherberge oder den Dorfladen gab es Kritiker.

Lemp hält es jedoch für wichtig, dass die Kirche solche Projekte unterstützt: "Wenn Kirche nur religiöse Grundversorgung gestaltet, dann ist sie nicht Kirche." Sie müsse diakonische Arbeit leisten, für die Menschen da sein.

Ein Satz des Pfarrers überrascht: "Ich bin eigentlich ein unreligiöser Mensch." Er erklärt: "An Gott kann man nur atheistisch glauben. Das Christentum ist nur dann Christentum, wenn es nicht religiös interpretiert wird."

Es gab Momente, da kam auch er an seine Grenzen. Lemp erinnert sich, dass ihm eine junge Frau erklärte, sie könne das Vaterunser nicht beten, da für sie ein Vater keine liebevolle Figur sei. Es erinnere sie an den Missbrauch durch ihren eigenen Vater. "An einen Gott, der Missbrauch zulässt, möchte ich nicht glauben - wenn er ihn zulässt", sagt Lemp.

Neben der Jugendarbeit bildeten Studienfahrten einen Schwerpunkt seiner Arbeit. Diese führten nach Israel, aber auch nach Syrien oder Armenien. Dabei blieb auch nicht außen vor, wie im Namen des christlichen Glaubens andere Kulturen über Jahrhunderte bekämpft wurden. "In jeder Religion ist die Gefahr für Heil und Unheil."

Mit dem Ruhestand kommt für Lemp eine weitere Entlastung: Als "Mann vom Fach" (gelernter Bankkaufmann) saß er im Vorstand der Versorgungsstiftung. Diese soll als Zusatzversorgung die rund 30 000 Angestellten der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau vor Altersarmut bewahren. Die Gelder ethisch korrekt und gleichzeitig mit Rendite zu investieren, habe ihn manch schlaflose Nacht beschert. Verständlich: Es ging um fast eine Milliarde Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare