Bernhard Glaßl, 1959 als Sohn von Vertriebenen geboren, ist in Hungen aufgewachsen.
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Bernhard Glaßl, 1959 als Sohn von Vertriebenen geboren, ist in Hungen aufgewachsen.

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»Ich bin Egerländer« - Wie ein Vertriebener der „zweiten Generation“ in Hungen aufgewachsen ist

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Seine Eltern wurden aus dem Egerland vertrieben - nach Hungen. Und auch wenn Bernhard Glaßl 14 Jahre nach Kriegsende geboren wurde, sagt er noch heute über sich: »Ich bin Egerländer«.

Zeit seines Lebens hat Bernhard Glaßl in Hungen gewohnt. Aber wenn er sich vorstellt, sagt er manchmal »Ich bin Egerländer«. Glaßl, Jahrgang 1959, ist Angehöriger der »zweiten Generation«. Seine Eltern, 1930 und 1934 geboren, gehörten zu jenen rund 400.000 Vertriebenen, die allein im Jahr 1946 nach Hessen kamen. Sie waren jung genug, um hier Wurzeln zu schlagen, eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen. Kurz: heimisch zu werden.

Vertriebene verdoppeln Einwohnerzahl Hungens nach dem Krieg fast

Und dennoch ist ihr Sohn fest in der Kultur des Egerlandes verwurzelt. Die wurde nicht nur in der Großfamilie gepflegt, in der der kleine Bernhard am Stadtrand von Hungen aufwuchs. Auch viele Nachbarn waren Zugezogene. »Die meisten, mit denen ich aufgewachsen bin, waren Kinder von Vertriebenen.«

Die Egerländer waren in Hungen nach dem Krieg eine feste Größe. Die Neuankömmlinge hatten die Einwohnerzahl der Stadt, die vor dem Krieg rund 1700 Menschen zählte, bis Herbst 1946 auf über 3000 anschwellen lassen. Wenn Bernhard Glaßl die kleinen Katholiken auf dem Bild von seiner Erstkommunion zählt, kommt er auf 48. Als Außenseiter hat er sich nie empfunden, an offene Abneigung kann er sich nicht erinnern.

„Die meisten, mit denen ich aufgewachsen bin, waren Kinder von Vertriebenen.“

Bernhard Glaßl

Für seine Eltern und Großeltern müssen die Anfangsjahre hart gewesen sein. Aber darüber wurde bei den Glaßls höchstens beiläufig gesprochen. Der Sohn weiß, dass Großeltern und Eltern erst in einem Durchgangslager untergebracht und später für mehrere Jahre zwangseingewiesen waren. Als er auf die Welt kam, hatten die Eltern bereits das Haus gebaut, in dem auch die Großeltern und ein Großonkel lebten. Auch die Eghalanda Gmoi z’Hungen gab es bereits. Glaßls Vater zählte 1958 zu den Mitbegründern und Bernhard wuchs automatisch hinein. »Da gab es nichts anderes.« Genauso war es mit dem katholischen Glauben, in dem er ganz selbstverständlich aufgewachsen ist. Doch er weiß: »Bei der nächsten Generation sieht das anders aus.«

Mit Musik und Brauchtumspflege ganz selbstverständlich aufgewachsen

Die Eghalanda Gmoi und die katholische Pfarrgemeinde, deren langjähriger Pfarrer Johannes Kraus selbst Egerländer war, haben Glaßls Leben geprägt. Angetrieben von seiner Liebe zur Musik und seinem Engagement als Organist und Chorleiter übernahm er zahlreiche Funktionen, auch auf Landesebene. Die Führung des Landesverbands der Egerländer Gmoin hat er 2019 abgegeben. Vorsitzender der Hungener Gmoi oder »Vüarstaiha«, wie es im Dialekt seiner Vorfahren heißt, ist er bis heute. 450 Mitglieder hatte der Verein in seinen besten Zeiten. Heute sind es noch etwa 100. »Es kommen keine Jüngeren mehr nach«, sagt Glaßl. Der Hungener bedauert das. »Aber ich kann es ja nicht ändern.« Volkstanz, Trachten, Dialekt - das entspreche eben nicht dem Zeitgeist. Schon gar nicht in Hessen. In Bayern, wo Brauchtumspflege ganz allgemein einen höheren Stellenwert habe, sei das anders. »Die bayrischen Gmoin werden sich wohl länger halten können.«

Doch auch wenn die Egerländer Kultur verschwindet: Die Vertriebenen haben das Land, in dem sie gezwungenermaßen Wurzeln schlagen mussten, tief geprägt. »Die Beeinflussung war gegenseitig«, sagt Glaßl. Bestes Beispiel sei der Hessentag. Der sei 1961 nach dem Vorbild der Egerländer Landestreffen begründet worden.

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