+
Wild, aber kein Wildwuchs: Elisabeth Weißler-Mahlke und Gerhard Weißler öffnen am Sonntag ihren Naturgarten in Hungen für interessierte Besucher.

Naturgarten

In diesem Hungener Garten ist auch Löwenzahn willkommen

  • schließen

Der Naturgarten der Familie Weißler in Hungen versorgt seine Besitzer mit Obst und Gemüse, erfreut das Auge und ist auch noch ökologisch wertvoll.

Der kleine Stall steht noch, aber Hühner, Enten, Gänse oder Kaninchen leben hier längst nicht mehr. Dafür jede Menge andere Tiere: Der riesige Walnussbaum ist Stützpunkt für alle möglichen Vögel, die Wilde Karde ein Tummelplatz für Insekten, und zwischen Haselnuss und der mit wildem Wein bewachsenen Hauswand schwirren in der Dunkelheit Fledermäuse hin und her. Seit Elisabeth Weißler-Mahlke und Dr. Gerhard Weißler vor 35 Jahren in die Robert-Koch-Straße 20 in Hungen gezogen sind, hat sich ihr Garten ständig verändert. In einem Punkt aber ist er sich treu geblieben: Auf diesen 1200 Quadratmetern darf die Natur sich entfalten. Und deshalb gehört das Grundstück der Familie Weißler zu den sechs Adressen, die am kommenden Sonntag im Rahmen der Aktion "Tag der offenen Naturgärten" angesteuert werden können.

Die Eheleute Weißler, beide auf dem Dorf aufgewachsen, haben in Frankfurt studiert. Doch schon damals war ihnen klar: "Wir wollen wieder aufs Land." Verkehrsanbindung und Infrastruktur allerdings sollten stimmen. So fiel die Wahl schließlich auf Hungen, wo das ziemlich verwilderte Grundstück mit dem sanierungsbedürftigen Haus günstig zu haben war. Dass ihre damals zweieinhalb und eineinhalb Jahre alten Töchter in der Kleinstadt an der Horloff in einem grünen Paradies mit jeder Menge Viehzeug aufwachsen durften, haben sie einem Klassiker der englischen Gartenliteratur zu verdanken: dem "Großen Buch vom Leben auf dem Land" von John Seymour. "Da steht drin, wie man’s macht," erzählt Elisabeth Weißler-Mahlke. Nach der liebevoll illustrierten Gebrauchsanweisung hat sich die junge Familie damals gerichtet. Sogar Gänse haben die Weißlers unter warmen Lampen selbst gebrütet; es konnte vorgekommen, dass eine der Töchter morgens mit einem kleinen Küken im Bett lag. "Wenn man jung ist, strotzt man vor Kraft. Da schafft man alles, Familie, Beruf, Haushalt, Garten", erinnert sich die pensionierte Lehrerin. Mittlerweile lässt sie es ruhiger angehen und dem Wachstum draußen gerne seinen Lauf. Ihr Mann lächelt: "Die Nachbarn haben einen Rasen, wir haben eine Wiese." Und die ist im Frühjahr gelb vor lauter Löwenzahn. Allerdings: Ehe sich die Samen über die gepflegten Nachbargärten verteilen können, wird gemäht.

Nutzgarten ist kleiner geworden

Der einst große Nutzgarten, in dem die Weißlers sogar mit Getreide experimentierten, ist im Laufe der Jahre geschrumpft. Doch noch immer wachsen hier Äpfel, Birnen, Kirschen, Mirabellen und süße Aprikosen, ein von Bohnen umranktes Gewächshaus bietet Tomaten und Schlangengurken Schutz, auf einem Hochbeet gedeihen Salat, Mangold oder Fenchel, auf der Sonnenseite der alten Gartenhütte Wein, Himbeeren und Johannisbeeren. "Wir begreifen den Garten als Kulturgarten", sagt Gerhard Weißler. Ungebremsten Wildwuchs gibt es hier nicht. Aber eben auch kein strenges Regiment. Ein alter Mirabellenbaum steht immer noch an seinem Platz, auch wenn er nur noch wenig trägt. Und der Stamm eines alten, gefällten Kirschbaumes führt, in große Stücke gesägt, ein zweites Leben als Skulptur. Eine, auf der sich, während sie Zug um Zug vergeht, Pilze, Insekten oder Käfer wohlfühlen.

Gedüngt wird im Naturgarten mit Brennesseljauche. Kompost - "wir setzen nicht mehr um" - verrottet in drei verschiedenen Fächern, und geschreddertes Schnittgut schützt den Boden vorm Austrocknen. Gegossen wird üblicherweise mit Regenwasser. Mit dem, was sich in Tonne und Tank sammelt, kommen die Gärtner drei Wochen über die Runden. Das reicht meistens bis zu den nächsten Niederschlägen. Im Dürresommer 2018 allerdings nicht. Da mussten sich die Weißlers, wie so viele andere auch, mit normalem Trinkwasser behelfen. Einige Pflanzen sind den Eheleuten besonders ans Herz gewachsen. Gerhard Weißler liebt den lila Mohn, dessen zarte Blüte nur von kurzer Dauer ist, seine Frau ist in diesem Jahr von einer Neuerwerbung besonders angetan: der von Insekten umschwärmten Wilden Karde, in deren Blättern sich Wasser sammelt und die deshalb auch Zisternenpflanze genannt wird. Und auch für den Bunten Blütensaum, jene Samenmischung, die der Naturschutzbund und die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz in diesem Frühjahr in Hungen unter die Leute gebracht haben, hat sich ein Plätzchen gefunden.

Tag der offenen Naturgärten

Beim "Tag der offenen Naturgärten", zu dem die Hungener Naturschutzgruppen in Zusammenarbeit mit der Stadt einladen, können die teilnehmenden Gärten am Sonntag, dem 21. Juli, zwischen 14 und 18 Uhr besichtigt werden. Zudem startet um 10 Uhr am Hungener Bahnhof eine geführte Radtour. Die teilnehmenden Gärten befinden sich in Hungen (Fam. Weißler, Robert-Koch-Str. 20), Inheiden (Fam. Kargoscha, Beunestr. 5), Steinheim (Fam. Johnson/Rauhut, Hopfengärten 6), Rodheim (Birgit Groll, Oberndorfer Str. 21), Rabertshausen (Fam. Scherer/Stephan, Ufaer Str. 11) und Langd (Gartengemeinschaft "Schulecke", Schulecke 6).

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare