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Eindrucksvolle Aufnahmen

Hungener Fotografen setzten sich mit ihren Werken für Naturschutz ein

  • vonKatharina Gerung
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Um den Tieren ganz nahe zu kommen, nehmen Werner und Sibylle Zimmer einiges auf sich. Sie arbeiten seit 30 Jahren in der Branche, vieles habe sich seitdem verändert.

Ungemütlich ist es an diesem Morgen. Eine kalte Ostwindbriese gepaart mit kleinen, nassen Schneeflocken weht Sibylle und Werner Zimmer um die Nase. Mit schwerer Ausrüstung auf dem Rücken ziehen sie durch das Naturschutzgebiet am Wingertsberg in Steinheim. Für ein gutes Foto nehmen die Hungener Naturfotografen einiges auf sich: Unbequeme Wetterbedingungen, lange Wartezeiten und bis zu 30 Kilogramm Gepäck.

"Ein guter Naturfotograf muss leidensfähig sein", sagt Werner Zimmer und schmunzelt, "und auch ein bisschen verrückt."

Wo Spaziergänger vielleicht gerade noch einen Schwan oder eine Gans ausmachen können, erkennen die Zimmers verschiedene Arten am Flug- oder Schwimmverhalten schon aus der Ferne. "Es geht nicht darum, einfach nur draufzuhalten", sagt der 53-Jährige, "man muss die Natur und die Tiere darin kennen. Nur so kann man sie schützen." Das Paar ist seit vielen Jahren für verschiedene regionale Natur- und Umweltschutzgruppen im Einsatz. Vor allem mit ihren Bildern wollen sie auf die Biodiversität hierzulande aufmerksam machen und so für ihren Schutz sensibilisieren.

Hungen: Tiere dürfen nichts merken

Die Fotografien der Hungener sind alles andere als einfache Schnappschüsse. Sie kommen den Tieren ganz nah, und dafür harren sie manchmal stundenlang regungslos in einem Versteck aus. "Es ist dann ein gutes Foto, wenn das Tier nicht merkt, dass wir überhaupt da waren", sagt Werner Zimmer.

Nur dann gäbe es Einblicke, in eine völlig andere Welt. Nur dann könne sichergestellt werden, dass keine nachhaltigen Schäden entstehen. Denn Tiere könnten durch Fotografen so erschreckt werden, dass sie aus dem Gebiet verschwinden und manchmal sogar ihren Nachwuchs zurücklassen. "Die Natur steht für uns immer an erster Stelle", sagt Sibylle Zimmer. "Bedeutet das, dass wir ohne ein einziges Foto nach Hause gehen, dann ist das so."

In ihren "Jagdrevieren" - wie Werner und Sibylle Zimmer ihre Schauplätze manchmal belustigt nennen - sind sie bestens mit den dort herrschenden Bedingungen vertraut. Es scheint fast, als sähen sie in manchen Tieren alte Bekannte. Sie wissen wer wo frisst, wo langgeht, wo baut und wo nistet. Werner Zimmer lacht: "Man muss immer dran bleiben. Kommt man mal vier Wochen nicht, hat sich alles irgendwie verändert."

Hungen: Internet hat viel verändert

Veränderung - das ist ein Stichwort, dass die beiden Fotografen allgemein umtreibt. Seit über 30 Jahren sind sie in der Branche tätig, vieles sei seitdem anders geworden. "Bilder werden heute oft nur noch für den Daumen gemacht", sagt Werner Zimmer und macht eine typische Geste. So, als hätte er ein Smartphone in der Hand. Die Welt der sozialen Netzwerke sei schnelllebig und eine reine Reizüberflutung. "Es geht um Likes, den schnellen Erfolg. Mit der Welt hinter der Linse setzt sich keiner mehr wirklich auseinander."

Mannsblut, Johanniskraut oder doch Goldrute? Während die ältere Generation bei den Bild-Vorträgen der Zimmers oft noch alle Pflanzen benennen könnte, wüssten viele jüngere Menschen nicht einmal, dass es unterschiedliche Arten von Rabenvögeln oder Hirschen gibt. "Das ist schade", sagt Werner Zimmer, "und für den Naturschutz nicht fördernd." Man schützt nur, was man kennt - das ist zu einem Motto der Zimmers geworden. Nur dann könne einem auch auffallen, dass es viel weniger Käfer und Co. auf den heimischen Wiesen gibt. "Während in unseren Workshops früher ein Quadratmeter dafür ausreichte, Makrofotografie an Insekten zu üben, sind wir heute froh, wenn wir überhaupt irgendwo einen schönen Schmetterling finden.

Hungen: Beruflich anders orientiert

Dass Wissen um die Artenvielfalt in der Natur haben sich die Hungener nach und nach selbst angeeignet. Beide machen hauptberuflich etwas anderes. Werner Zimmer ist Mediengestalter, seine Frau ist Verkäuferin. Zum Beruf wollen die beiden ihr Hobby aber ganz bewusst nicht machen. "Wir wollen unsere Werte vertreten", sagt Sibylle Zimmer. "Ist man finanziell davon abhängig, verkauft man oft seine Seele." Viel lieber sieht das Paar die Fotografie darum als Ausgleich. Als Fluchtweg aus einer hektischen Welt. Als Kraftspender für den Tag, für den sie vor ihrer regulären Schicht auch schon mal um vier Uhr morgens aufstehen - egal bei welchem Wetter.

Mit dem, was sie in ihrer Freizeit machen, können die Zimmers viele Interessen verbinden. Doch ihr Hobby für sie nicht nur einen reinen Selbstzweck. Sie wollen Aufklärung betreiben. "Ich will, dass die Menschen die Natur genau so sehen, wie ich: Märchenhaft", sagt Sibylle Zimmer. Dazu gehöre auch, etwa Spinnen, Ratten oder Pilzen ein besseres Image zu verschaffen. "Auch diese Tiere sind unglaublich faszinierend und haben ihre Daseinsberechtigung", sagt die Hungener Fotografin.

Außerdem, so sagt Sibylle Zimmer noch, sei die Natur nicht "irgendwo da draußen". Natur könne jeder in seinem eigenen Garten haben. Ihr Appell darum: Ein Hauch Wildnis statt Golfrasen und Schotterwüste. "Man muss beachten, dass die Natur nicht nur grün ist", sagt Werner Zimmer, "Sie ist wahnsinnig vielfältig und bunt."

Info: Workshops und Vorträge

Seit über 30 Jahren fotografieren Sibylle und Werner Zimmer die Natur und ihre Bewohner. Für Hobby-Fotografen bieten sie auch Workshops an. Dabei geht es nicht nur um das perfekte Foto, sondern vor allem darum, wie man sich in der Natur richtig verhält, um keine bleibenden Schäden zu hinterlassen. Buchungsanfragen können an s.zimmer@radios4u.de gerichtet werden, auch eine Website soll es bald geben.

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