Die im Wohnzimmer für die dreijährige Enkelin eingerichtete Spielecke ist mit Trümmern übersät. FOTO: PAD
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Die im Wohnzimmer für die dreijährige Enkelin eingerichtete Spielecke ist mit Trümmern übersät. FOTO: PAD

Hilfsbereitschaft

Hungener Ehepaar erlebt Welle der Unterstützung

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Erst der Tod eines Angehörigen, dann ein schwerer Verkehrsunfall, und dann brennt auch noch das Haus des Villinger Ehepaars Müller. Kraft geben den beiden die Familie und die vielen Unterstützer.

Nur wenige Sonnenstrahlen finden einen Weg durch die vernagelten Fenster. Der Lichtkegel der Taschenlampe in der Hand von Walter Müller wandert über das, was von seinem Arbeitszimmer noch übrig geblieben ist. Die Reste seiner geliebten Bibliothek liegen auf dem Boden, was das Feuer nicht vernichtete, wurde vom Löschwasser zerstört. In der Mitte des Raumes steht ein leerer Tisch. "Darauf lagen alle Familienbilder aus dem Nachlass meiner vor Kurzem verstorbenen Mutter", berichtet der 70-Jährige.

Vor knapp sieben Wochen veränderte sich das Leben von Brigitte und Walter Müller radikal. Walter Müller ist erst wenige Minuten zuvor nach Hause gekommen, da klingelt es Sturm. Ein aufgeregter Nachbar ist an der Tür: "Bei euch brennt’s!" Das Gartenhaus und die Pergola stehen bereits in Flammen. Der starke Wind treibt das Feuer in Richtung Haus, nur Augenblicke später greift es über.

"Ich habe erst gar nicht richtig verstanden, was los ist", erinnert sich Brigitte Müller. "Es hieß nur: Schnell, das Auto muss weg." Geistesgegenwärtig greift sie einen für das Ehepaar wertvollen Schatz: Die Tagebücher mit allen Erinnerungen an die Treffen mit der mittlerweile dreijährigen Enkelin. "Sie ist unser Sonnenschein."

Die 69-Jährige war gerade erst von einem schweren Unfall genesen, das Paar hatte einen Tag zuvor noch mit Sekt auf die Zukunft angestoßen: "Jetzt geht’s aufwärts." Als nur wenige Stunden später die Feuerwehr mit einem Großaufgebot zu retten versucht, was von Brigitte Müllers Elternhaus noch zu retten ist, ist das "ein Alptraum. Du kannst nicht mehr in dein Haus, wirst von jetzt auf gleich aus dem normalen Leben gerissen. Du hoffst nur, dass du aus diesem Alptraum aufwachst." Ihrem Ehemann geht es in den Stunden des Brandes nicht anders: "Ich habe eine Zigarette nach der anderen geschnorrt. Dabei bin ich Nichtraucher."

In dieser dunklen Stunde sind beide von der Hilfsbereitschaft überwältigt, nicht nur von der der Freiwilligen Feuerwehren. "Es haben unheimlich viele Menschen geholfen und ihre Unterstützung angeboten", sagt Brigitte Müller. Noch während es brennt, bieten ihr sowohl der Ortsvorsteher Manfred Paul als auch eine Nachbarin eine Wohnung an.

Diese Hilfsbereitschaft hält auch Tage danach an: "Wir haben Blumen und Muffins vor die Tür gestellt bekommen, sogar Umschläge mit guten Wünschen." Ihr Ehemann ergänzt: "Selbst Leute, die man kaum kennt, haben sich gemeldet und ihr Mitgefühl ausgedrückt." Dies und die Unterstützung aus der Familie geben den beiden Kraft.

Das Ehepaar geht mit einer bewundernswerten Vernunft an die Aufarbeitung des Erlebten heran. Um die Ereignisse zu verarbeiten, nutzen beide psychologische Betreuung. "Das Reden hilft", erklärt die 69-Jährige. "Man sollte sich davor nicht scheuen, so ein Angebot zu nutzen. Das schafft man nicht alleine."

Das gilt auch für die Sicherung der Brandruine. Da das Dach vollkommen zerstört ist, droht mit jeder Regenwolke weiteres Unheil. Walter Müller, Zimmermeister in Ruhestand, ist vom Eifer der Handwerker überwältigt: "Das war großartig." Nachdem das Haus von der Polizei freigegeben wurde, geht es Schlag auf Schlag. "Eine Firma aus Bellersheim hat in drei Stunden das Gerüst aufgestellt, am nächsten Tag hat die Firma Weil das Dach provisorisch verschlossen."

Seitdem muss sich das Ehepaar allerdings in Geduld üben. Ihre Brandschutzversicherung hat noch keine Gelder für das weitere Ausräumen, die Planungen und den Wiederaufbau des Hauses freigegeben. Vom Löschwasser feuchter Dreck türmt sich in den Räumen. "Da wird wohl die Hilfe eines bereits informierten Anwalts unvermeidbar sein", sagt der 70-Jährige. "Ich glaube nicht, dass wir Weihnachten wieder in unserem Haus feiern können."

Als Glücksfall erwies sich, dass die Müllers auf das Angebot der Nachbarin eingingen und die angebotene Wohnung mieteten. Die Versicherung hätte nur für 100 Tage ein Hotel bezahlt. Ob sich in solch einem Zeitraum ein ausgebranntes Haus überhaupt sanieren ließe, bezweifeln beide.

Trotz all der Schicksalsschläge blickt das Ehepaar mutig nach vorne, freut sich auf den Tag, an dem die Enkelin wieder im Wohnzimmer spielen kann - auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist.

Am 22. April gegen 14 Uhr hatte ein Nachbar bemerkt, dass eine Gartenhütte in Flammen stand. Während er die Hausbewohner warnte, weitere Nachbarn den Notruf wählten, wurden die Flammen von starkem Wind so sehr angefacht, dass sie auf das Haus übergriffen. Die Freiwilligen Feuerwehren aus Villingen, Nonnenroth, Rodheim, Hungen und Obbornhofen waren mit 60 Einsatzkräften vor Ort, die Löscharbeiten dauerten mehrere Stunden. pad

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