Brigitte Müller steht im verwaisten Wohnzimmer des Hauses. Fast neun Monate nach dem Brand stockt noch immer der Wiederaufbau. 		FOTO: PAD
+
Brigitte Müller steht im verwaisten Wohnzimmer des Hauses. Fast neun Monate nach dem Brand stockt noch immer der Wiederaufbau. FOTO: PAD

Belastend

Hungen: Ehepaar kämpft nach verheerendem Hausbrand monatelang mit Versicherung

  • vonPatrick Dehnhardt
    schließen

Am 22. April 2020 hat es in Villingen gebrannt. Das Ehepaar Müller und ihr Anwalt kämpfen seit Monaten mit der Versicherung, die nicht den vollen Schaden bezahlen will.

Hungen – Gerne hätte das Ehepaar Müller in Villingen im eigenen Wohnzimmer auf das neue Jahr angestoßen. Doch das Wohnzimmer ist ein verlassener Ort. Kalter Wind bläst durch die Ritzen, der Atem wird in der Luft sichtbar. Brigitte Müller steht mit einem Besen in dem Raum, kehrt ein wenig Bauschutt zur Seite. Nicht nur die Heizung, sondern auch die Schränke, der Sessel und die Spielecke der Enkelin fehlen. In den anderen Zimmern sieht es nicht besser aus. Am 22. April hat das Haus der Müllers gebrannt. Acht Monate später ist es noch immer unbewohnbar.

Anfang Juni hatte diese Zeitung erstmals mit Walter und Brigitte Müller gesprochen. Damals wollte sich das Ehepaar für die Hilfsbereitschaft und aufmunternden Worte von Freunden, Nachbarn, aus dem Dorf und von ehemaligen Arbeitskollegen bedanken. Damals hofften die Villinger, den Jahreswechsel wieder in den eigenen vier Wänden verbringen zu können. Doch daraus wurde nichts.

Brand-Opfer aus Hungen bei Gießen sauer: Versicherung legt Gutachten nicht vor

Im Juni begann eine Fachfirma, den Schutt und die Reste der Einrichtung auszuräumen, schildert Walter Müller. »Danach ist erst einmal 150 Tage lang nichts passiert.«

Das Problem: Die Sparkassen-Versicherung weigert sich, die volle Schadenssumme zu übernehmen. Sie sieht die Brandursache in grobiger Fahrlässigkeit, dies habe laut Auskunft des Pressesprechers die Untersuchung des durch die Versicherung beauftragten Gutachters eindeutig ergeben.

Das Amtsgericht Gießen hat übrigens das Verfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Brandstiftung eingestellt.

»Wenn das Gutachten so eindeutig ist, dann verstehe ich nicht, warum die Versicherung es nach zig Anfragen nicht zur Verfügung stellen will«, sagt der von den Müllers beauftragte Rechtsanwalt Peter Conradi. Die Versicherung habe ihn zu einem Runden Tisch eingeladen, um die Regulierung zu besprechen, »nur ohne das Gutachten fehlt die Gesprächsgrundlage«. Ein Gutachten der Kriminalpolizei liegt nicht vor.

Nach Brand in Hungen-Villingen (Kreis Gießen): Auch unstrittige Summe nicht gezahlt

Selbst die auf jeden Fall unstrittige Schadenssumme ist bislang nicht reguliert worden. So kam es, dass den ganzen Sommer über das kaputte Hausdach nur mit einer Plane provisorisch gesichert war. »Wir hatten vor jeder dunklen Wolke Angst«, sagt Brigitte Müller.

Im Herbst wurde schließlich das Dach gedeckt. Bislang hat die Versicherung davon nur einen Teil der Kosten gezahlt. »Die Versicherung hat erklärt, dass die Unterlagen zur Hausratversicherung nicht leserlich wären, weshalb sie den Gebäudeschaden am Dach nicht überweisen würde, man wolle doch gerne alles zusammen abwickeln«, sagt Brigitte Müller. »Das sind doch zwei verschiedene Versicherungen.«

Nach Brand in Hungen-Villingen: Scheibchenweise neue Probleme mit der Versichung

Bei der Hausratversicherung ist es zudem üblich, dass nur der Zeitwert der Einrichtung ersetzt wird. Egal ob Küche, Sofa oder Schränke - das Paar wird bei fast allem draufzahlen müssen. Beide fürchten, dass von ihren Ersparnissen für den Lebensabend nichts übrig bleiben wird.

Mittlerweile hat die Versicherung weitere Punkte benannt, warum sie ihre Zahlungen kürzen will, sagt Anwalt Conradi. Brigitte Müller ergänzt, dass dieser Brief genau zum Weihnachtsfest eintraf. So ist unter anderem strittig, ob der Hobbykeller als Kellerraum oder als Wohnraum zählt. Conradi ärgert sich darüber, dass die Versicherung nicht von Anfang an alle Problempunkte benannt hat, »dann hätte man das Verfahren anders angehen können«.

Familie und Freunde als Lichtblicke nach Brand-Katastrophe

Es ist eine belastende Situation für die beiden Villinger, dass sie nicht ins eigene Haus zurückkehren können. »Es geht an die Substanz«, sagt Walter Müller. Seit dem Brand befindet sich das Ehepaar in psychologischer Betreuung. Eine Nachbarin hat ihnen eine günstige Mietwohnung zur Verfügung gestellt, die Kosten dafür trägt das Ehepaar seit Monaten selbst.

Die vielen Anrufe und Nachrichten von Freunden, ehemaligen Arbeitskollegen und Nachbarn helfen den beiden, seit April durchzuhalten. Auch die Unterstützung durch die Familie ist groß. Ein Lichtblick im Herbst war der erste Besuch der Enkelin nach Monaten in Villingen.

»Wir wollten sie mit dem Brand nicht schocken. Wir haben ihr darum gesagt, dass wir wegen Corona derzeit nicht Zuhause wohnen können, weil sie das schon aus dem Kindergarten kennt«, sagt Brigitte Müller. Bei ihrem ersten Besuch in der Ersatzwohnung schaute die Kleine zunächst im Schlafzimmer und der Küche nach und erklärte dann der verwunderten Oma: »Ich will nur gucken, dass ihr gut schlafen und essen könnt.« Bis das wieder im eigenen Haus möglich ist, wird es wohl mindestens Ostern werden.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare