Eingespieltes Team: Schäfer Ralf Meisezahl mit den Altdeutschen Hütehunden Fanny (links) und Tiger.	FOTO: US
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Eingespieltes Team: Schäfer Ralf Meisezahl mit den Altdeutschen Hütehunden Fanny (links) und Tiger. FOTO: US

Schäferei

Vom Aussterben bedroht: Schäfer aus Hungen ist mit Altdeutschen Hütehunden unterwegs

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Der Altdeutsche Hütehund ist ein echtes Arbeitstier, wie Schäfer Ralf Meisezahl aus Hungen weiß. Aber er ist vom Aussterben bedroht. Kann man das verhindern?

Hungen – Tiger ist gerade ein bisschen unkonzentriert. Zwei, drei Schafe können sich auf der Weide zwischen Rodheim und Steinheim unbemerkt absetzen und außer Sichtweite in einer Senke verschwinden. Noch ehe der dreieinhalbjährige Rüde sie einholen kann, hat Fanny die Sache erledigt und die Abtrünnigen zurück zur Herde getrieben. Schäfer Ralf Meisezahl ist zufrieden. »Die Oma weiß, wie es geht«, lobt er seine bald zehnjährige Hündin.

Hungen: Altdeutscher Hütehund ist robust und wesensfest

Tiger, Fanny und Meisezahl sind ein eingespieltes Team. Ohne die Hunde könnte der Hungener Stadtschäfer seinen Job nicht erledigen. Sie sind für ihn Arbeitsgerät und Arbeitskollegen zugleich. Bei den zotteligen Vierbeinern handelt es sich um Altdeutsche Hütehunde. Für sie schlägt Meisezahls Herz, seit er in den 1980er Jahren in Sachsen zum Schäfer ausgebildet worden ist. Doch die Zukunft dieser robusten und wesensfesten Gehilfen ist ungewiss. Weil es immer weniger Schäfer gibt, gelten Altdeutsche Hütehunde als vom Aussterben bedroht. Um ihren Fortbestand zu sichern, haben sich vor gut 30 Jahren Halter und Züchter in der Arbeitsgemeinschaft Altdeutsche Hütehunde zusammengeschlossen. Meisezahl ist seit sechs Jahren ihr Bundesvorsitzender.

Auch wenn der Deutsche Schäferhund aus ihnen hervor gegangen ist, sind Altdeutsche Hütehunde selbst nicht als Rasse anerkannt. Man unterteilt sie nach Schlägen und unterscheidet zwischen Mitteldeutschen und Süddeutschen. Es gibt Schwarze, Füchse, Gelbbacken, Tiger, den Westerwälder Kuhhund, den Schafpudel oder den Strobel; die Bezeichnung leitet sich von »struppig« ab. Fanny und Tiger sind Strobel und sie machen ihrem Namen alle Ehre.

Hungen: Altdeutschen Hütehund nicht überzüchtet

Die Vielfalt der Altdeutschen Hütehunde hat einen Grund. Jahrhundertelang wurden sie von denen gezüchtet, die mit ihnen den Alltag teilen: den Schäfern. Nicht auf äußerliche Merkmale kam es an, sondern auf innere Werte. Meisezahl nennt es »den klaren Kopf«. Er selbst hat sich den Strobeln verschrieben. Selbstbewusst seien die und ein bisschen stur. »Sie entsprechen meinem Charakter«, sagt er.

Ein Schäfer muss sich auf seine Hunde verlassen können. Auf der Weide ist es ihr Job, die Herde innerhalb der Begrenzung zu halten. »Furche laufen« heißt das in der Fachsprache. Ein Hund steht auf der Mannseite, also beim Schäfer, der andere an der Außenseite.

Fanny und Tiger leben momentan vergleichsweise gemütlich. So kurz vor dem Winter haben sie nur noch etwa 500 Schafe zu hüten. Im Frühjahr, wenn die Herde fast dreimal so groß ist und viele unerfahrene Lämmchen dabei sind, ist der Job deutlich anstrengender. »Dann müssen die Hunde richtig ran«, weiß Meisezahl und erzählt von dem vier Kilometer langen Betonweg, der die Weide in Bellersheim mit der in Trais-Horloff verbindet. Beidseits der Strecke sprießen im Frühjahr Mais und Zuckerrüben. »Und Zuckerrüben-Blättchen schmecken prima«, weiß der Schäfer. Um die gierigen Schafen im Zaum zu halten, dürfen seine Hunde nicht zimperlich sein. Sie müssen sich den Naschern kompromisslos entgegen stellen und sie auch mal ordentlich zwicken. »Einen Hund, der nicht zupackt, kann ich nicht gebrauchen«, sagt Meisezahl kategorisch. Deshalb seien die von Koppelschäfern so geschätzten Border Collies für einen Hüteschäfer nicht geeignet. »Sie können auf die Schafe nicht genug Druck aufbauen.«

Altdeutschen Hütehund sind drei Jahre Ausbildung bei Hungener Schäfer

Ein bisschen wehmütig erinnert sich Meisezahl an Atze, seinen vor zwei Jahren gestorbenen Strobel. Ein souveränes Tier, das wusste, wie man sich bei den Schafen Respekt verschafft. »Der musste Furche nicht laufen. Der hat Furche gesessen. Einer der besten Hunde, den ich je hatte.« So etwas könne man auch nicht trainieren. »Das ist da drin.«

Fanny ist Atzes Tochter. Sie hat die Umsicht ihres Vater geerbt und beherrscht wie er das Kommando »Such Lämmchen«, das längst nicht jeder Hütehund drauf hat. Vor allem im Frühjahr sorgt sie dafür, dass unerfahrene Lämmer, die erst noch kapieren müssen, dass die Herde immer weiter zieht, nicht zurück bleiben.

Als Berufsanfänger hat Meisezahl seine Hütehunde noch gekauft. Längst bildet er sie selbst aus. Frühestens mit neun Monaten nimmt er sie mit auf die Weide. »Vorher können sie sich gegen die Schafe nicht durchsetzen.« Und auch danach lässt sich der gebürtige Thüringer Zeit. Mit etwa drei Jahren seien seine Hunde fertig.

Hungen: „Verschiedene Blickwinkel tun uns gut“

Wenn sie gut sind, arbeiten sie dann ziemlich selbstständig. Fanny war so eine. »Der brauchte ich kaum was zu sagen«, berichtet Meisezahl. Aber mit zunehmendem Alter werde sie ein bisschen bequem. Deshalb sei jetzt Tiger der Haupthund. Mit der zweijährigen Bine steht eine noch nicht ganz fertig ausgebildete Hündin in den Startlöchern, und in Kürze wird ein Strobel-Welpe zu Meisezahls Team hinzustoßen.

Hüteschäfer ist ein aussterbender Beruf. Mit den Schäfern drohen auch ihre Hunde zu verschwinden. Die Arbeitsgemeinschaft Altdeutsche Hütehunde will das verhindern, und sie nimmt auch Mitglieder auf, die keine Schäfer sind. Vorsitzender Meisezahl weiß von Altdeutschen, die im Rettungsdienst eingesetzt sind. Und er kennt Halter, die mit ihren Tieren Agility machen oder Marathon laufen. »Die verschiedenen Blickwinkel tun uns gut«, findet er. Dass es den Altdeutschen Hund weiterhin geben wird, davon ist er überzeugt. »Aber er wird irgendwann nicht mehr das Arbeitstier sein, das er einmal war.«

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