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Hungen liegt mitten in der Natur und mitten in Hungen liegt ein Schloss mit einer besonderen Geschichte. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der Umgehungsstraße, auch wenn sie auf dem Luftbild nur eine Randerscheinung ist.

Von oben

Hungen bietet einige Extras

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Zugegeben: Es gibt im Kreis Gießen schönere Städte. Dafür kann Hungen mit einigen Besonderheiten punkten.

Man muss schon ziemlich hoch fliegen, um die Kernstadt Hungen in Gänze von oben zu fotografieren. Unserem "Luftikus" Manfred Henß ist das Kunststück gelungen: Die Firma Mühl und die Aussiedlerhöfe am westlichen Stadtrand sucht man auf seinem Bild zwar vergebens, aber sonst ist alles Wichtige drauf: Im Zentrum das Schloss, die Stadtkirche und der Markt, im Osten das große Gewerbegebiet mit dem Rewe-Lager, der Bahnhof und, am Bildrand rechts unten, wenigstens ein Stück der Umgehungsstraße.

Ihr Bau war für viele Jahrzehnte das zentrale Thema für Politik und Stadtgesellschaft. "Sollte ich je meine Memoiren schreiben, so würde ich dieser Straße ein großes Kapitel widmen", hat Wilfried Schmied, früher Regierungspräsident und noch früher Bürgermeister in Hungen, gesagt, als die Straße am 21. Dezember 2005 endlich eingeweiht werden konnte.

Straßen waren schon immer wichtig

Aber Straßen waren für Hungen schon immer wichtig. Im Mittelalter lag die Stadt an den "Kurzen Hessen", jenem Handelsweg zwischen Frankfurt und Leipzig, der ihre Entwicklung über Jahrhunderte prägte. Ob auch Luther diese Strecke auf seinem Weg zum Reichstag in Worms genommen hat, ist unter Historikern umstritten. In Hungen jedenfalls ist man von dieser These überzeugt. In Lich glaubt man etwas anderes. Beide Städte reklamieren die Visite des Reformators für sich. Nur eine kann recht haben, aber welche? Die Planer der Wander- und Pilgerroute "Lutherweg 1521" haben sich um eine Entscheidung gedrückt und wählten ein salomonisches "Sowohl-als-auch": Zwischen Friedberg und Laubach gibt es zwei Streckenvarianten.

Im letzten halben Jahrhundert hat Hungen sein Gesicht mehrfach verändert. In den fortschrittsgläubigen 1960er und 70er Jahren ging viel alte Bausubstanz verloren. Wer das prächtige alte Amtshaus bewundern will, muss in den Hessenpark nach Neu-Anspach fahren. Nach 1988 half die Altstadtsanierung, Wunden im Stadtbild zu heilen. Der Bau der Umgehungsstraße, die einen Großteil des Verkehrs und vor allem die vielen Laster aus der engen Ortsdurchfahrt verbannte, tat ein übriges. Zwischen neuem und altem Marktplatz, rund um die Stadtkirche und das Schloss sieht Hungen inzwischen richtig hübsch aus.

Schäfer in städtischen Diensten

Die Stadt kann einige Besonderheiten aufweisen: Eine ist die Käsescheune: Hier kann man nicht nur gut essen, sondern auch bei der Käseproduktion zuschauen. Und die Milch für den Käse made in Hungen kommt nicht nur von Kuh und Ziege, sondern auch vom Schaf. Womit wir bei einem zweiten Alleinstellungsmerkmal wären: Hungen ist Schäferstadt und stolz darauf. Wer mehr wissen will, sei erneut an die Käsescheune verwiesen. Dort gibt es im ersten Stock den sehr liebevoll gestalteten "Erlebnisraum Schaf und Natur", der aufzeigt, wie sehr Herden und Hirten die Region geprägt haben und es teilweise heute noch tun, denn Hungen beschäftigt einen eigenen Stadtschäfer. Ralf Meisezahl heißt der Mann.

Dass er neben seinem eigentlichen Job auch noch ein guter Werbeträger ist, hat Martina Beele-Peters am eigenen Leib erfahren. Die Vorsitzende des Stadtmarketing e.V. ist viel in Deutschland rumgekommen, ehe sie im Landkreis Gießen sesshaft wurde. Als sich die Familie auf der Suche nach einem geeigneten Bauplatz auch am Rande von Hungen umsah, kam gerade Meisezahl mit seinen Schafen über die Wiese gezogen.

"Da habe ich mich zu meinem Mann umgedreht und gesagt: Hier bleiben wir", erinnert sich die gebürtige Norddeutsche. Bereut hat sie diese Entscheidung nicht. Sie mag die Natur, die gute Infrastruktur, und auch die Innenstadt sei schöner geworden. "Man kann hier gut leben", sagt Beele-Peters.

Das dachte sich auch der Gießener Theologie-Professor Adolf Hampel, als ihm vor bald 50 Jahren ein besonderes Geschenk angeboten wurde: ein komplettes Schloss. Eine Gruppe junger Enthusiasten griff zu und renovierte den maroden Kasten, der bis heute ein ganz besonderes Mehrfamilienhaus ist. Und ein ganz besonderer Blickfang.

Auf unserem Luftbild liegt das Schloss im Herzen der Stadt. Doch das war nicht immer so. Ehe Hungen vor 200 Jahren zu wachsen begann, befand sich das Schloss ganz am Rand. Übrigens: Wer das alte Hungen "von oben" betrachten will, dem sei ein Gang ins Stadtarchiv auf Hof Grass empfohlen: Dort steht ein historisches Stadtmodell von Klaus Dieter Wildhack.

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