Das Haupthaus der Oberburg wird bei dem Angriff schwer beschädigt, das Pächterehepaar kommt ums Leben. ARCHIVFOTOS: AG BELLERSHEIM GESCHICHTLICH
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Das Haupthaus der Oberburg wird bei dem Angriff schwer beschädigt, das Pächterehepaar kommt ums Leben. ARCHIVFOTOS: AG BELLERSHEIM GESCHICHTLICH

Luftangriff

Am Heiligabend 1944 fielen die Bomben auf Bellersheim - 13 Toten

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Am 24. Dezember 1944 greifen 26 Flugzeuge Bellersheim an. Um 14.58 Uhr fallen die ersten von rund 700 Bomben. Noch heute finden sich Blindgänger im Boden.

Der Nachmittag des Heiligen Abends 1944 in Bellersheim: Werner Fuchs ist noch ein kleiner Junge. "Ich war fünfeinhalb." So wie die anderen Kinder im Dorf freut er sich auf diesen Abend besonders. Was wird wohl unterm Weihnachtsbaum liegen? Seine Mutter Hildegard ist gerade aus dem Haus, besucht die Nachbarn Kapeller, um sich über die Bescherung am Abend zu unterhalten.

In Gedanken beim Heiligen Abend ist auch Pfarrer Gerich. Er ist gerade in Berstadt, wo er mit den Kindern noch einmal eine Probe für den Gottes dienst am Abend abhalten möchte. Beeindruckt von der im Sonnenschein glänzenden Schneedecke denkt er sich: "Was für ein schönes Weihnachtsfest könnten wir doch feiern" - wenn der Krieg endlich vorbei wäre. In der Flur unterwegs ist ein deutscher Soldat, der in Obbornhofen stationiert ist. Er hatte den Auftrag bekommen, im Wald einen Weihnachtsbaum zu organisieren.

Fliegerstaffel visiert falsches Ziel an

Doch es kommt alles ganz anders. Stunden zuvor ist in England eine Bomberstaffel gestartet. Über 40 Flugzeuge, verteilt in Hoch-, Tief- und Niedrigstaffel, sind unterwegs. Ihr Ziel: der Flugplatz bei Nidda-Harb. Doch zwei der drei Staffeln können das Ziel nicht finden.

Die Flugzeuge am Himmel fallen den Bellersheimern auf. Bereits vor Stunden hatte es Fliegeralarm gegeben. Dann plötzlich ein Leuchten am Himmel: Die Flieger setzen über dem Angriffsziel Markierungsbomben - im Volksmund werden sie auch "Christbäume" genannt. Doch diese Art wünscht sich an Heiligabend niemand. Wenige Augenblicke später beginnt der Angriff.

Wohnhäuser zerstört

Werner Fuchs erinnert sich, wie ihn sein Opa mit in den Keller des Hauses nahm. Einen Teil hatten sie eigens für den Fall eines Luftangriffs verstärkt. "Jeden halben Meter war ein Balken", sagt Fuchs. Doch vor Aufregung gehen sie in den ungesicherten Teil des Kellers. Als die ersten Bomben einschlagen, ist von draußen ein lautes Grollen zu hören, zittern die Wände. "Mein Opa ist bald vor Sorge verrückt geworden, weil die Mutter nicht da war."

Die Mutter ist noch bei den Nachbarn. Die beiden Kinder der Familie halten im Wohnzimmer Mittagsschlaf, der Opa im ersten Geschoss. Hildegard Fuchs und Ilse Kappeller haben gerade das Zimmer gewechselt, als die Bombe einschlägt. "Sie ist aus der Tür raus, da ist der komplette Raum hinter ihr explodiert", berichtet Werner Fuchs. Rund herum kracht es, stürzen Häuser und Scheunen im Bombenregen ein. Als sich der Staub lichtet, eine gute Nachricht: Die beiden Frauen sind ebenso wie die Kinder am Leben. Doch das halbe Haus ist zerstört, der Opa liegt verletzt im Obergeschoss unter einer Wand, die Treppe ist weggerissen. Nachbarn retten ihn per Leiter.

Hund rettet Leben von Vierjähriger

Karl Steuernagel stirbt bei dem Angriff, seine vierjährige Tochter wird zusammen mit dem Hund bei der Explosion aus dem Haus geschleudert und verschüttet. Da sich der Hund freibuddeln kann, wird das Kind gefunden und überlebt. Auch das Schraubs-Haus wird von einer Bombe voll getroffen und zerstört, die drei Bewohner sind sofort tot. Nur wenige Meter entfernt sterben Klara Demand und ihr vierjähriger Enkel bei dem Angriff. Besonders tragisch ist der Tod von Herta Müller: Sie wollte gerade nach draußen gehen, um nach ihrem Sohn zu sehen, als ein Blindgänger durch die Decke des Hauses bricht und sie erschlägt.

Von Berstadt aus muss Pfarrer Gerich machtlos zusehen, wie Bombe um Bombe auf Bellersheim fällt. Es stiegen "hohe Rauchsäulen auf, die sich bald in hell lodernde Flammen verwandelten", schreibt er später in die Gemeindechronik. "So schnell die Füße tragen" eilt er zurück. Auch der Soldat im Feld rennt ins Dorf, um zu helfen. Er kommt zum Hofgut, sieht die Verwüstungen: Das Haupthaus war von einer Bombe getroffen worden, das oberste Stockwerk zusammengestürzt. Das Pächterehepaar Adolf und Luise Kammer war bei der Explosion in den Garten geschleudert worden und sofort tot.

Im Hofgut sterben zudem Berta Essenwanger und ihre vierjährige Tochter Wilma, zwei Zwangsarbeiter erliegen später ihren Verletzungen. "Die Scheune brannte und der Kuhstall begrub beim Einsturz alle Tiere unter sich", schreibt Rosemarie Mühling in ihren Aufzeichnungen. "Da das Feuer auf den Pferdestall übergreifen wollte, band man sämtliche Pferde los, die wie irr auf dem Hof herumgaloppierten und nicht wussten, wohin." Die Bomben der zweiten Angriffswelle fallen alle ins Feld. Augenzeugen vermuten, dass der Wind die Angriffsmarkierungen verwehte.

Feuerwehren löschen mit Jauche

Die Feuerwehren aus den Nachbarorten eilen zur Hilfe, um die zahlreichen Brände zu löschen. Doch es fehlt an Wasser - und wenn es da ist, friert es bei den Minustemperaturen sofort in den Schläuchen ein. In der Not wird sogar mit Jauche gelöscht, erinnert sich Werner Fuchs. "Es gab auch Schaulustige, es haben aber viele Leute geholfen."

30 Gehöfte werden beschädigt oder zerstört, 100 Großtiere sind tot, in manchen Straßen klaffen tiefe Bombentrichter. "Bis die Schäden beseitigt waren, dauerte es Jahre", berichtet Werner Fuchs. Vor 25 Jahren wurde zuletzt bei Bauarbeiten ein Blindgänger gefunden. Es dürften noch einige im Boden schlummern...

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